Türken sind die wahren Anarcho-Punks

Szenenwechsel Tamer Yigit ärgert sich darüber, dass man ihm immer Rollen als Schwesternmörder anbietet. Und dass türkische Regisseure immer Filme über ihre Eltern machen

Gestern lese ich im Netz, dass die Türken sich gegen das Moderne verweigern. Ich müsste jetzt seitenlang darüber schreiben, aber ich kann einfach nur sagen, die Türken sind wohl die wahren Anarcho-Punks in Deutschland, wozu anpassen, scheiß auf die Zukunft. Eine Freundin erzählt mir, dass sie das neue Buch von Feridun Zaimoglu gekauft hat, ich muss fast kotzen, wenn ich an den Typen denke, der kann höchstens bürgerliche, liberale Deutsche verschrecken, das wars auch schon, Dreckskanake, der hat sich schon längst verkauft.

Ich besorge am nächsten Tag den Roman ,,Die Stadt der Blinden“ von José Saramago und will ihn der Freundin schenken, aber ich entscheide mich dagegen. Jetzt habe ich das Buch zwei Mal, ich behalte es, falls ich eins der Bücher verlieren sollte, oder ich schenke es einer anderen Freundin, Galatasaray Istanbul verliert das Spiel gegen den Hamburger SV mit 2:3 und fliegt aus dem UEFA-Cup-Turnier. Ich beschließe jetzt nur noch Cheeseburger zu essen und alle meine Platten von den Goldenen Zitronen aus einem fahrenden Zug zu schmeißen.

Endlich wieder Rap-Krieg in Deutschland

Schorsch Kamerun ärgert sich, dass ich in einem Hertha-BSC-Trikot zum Treffen an die Volksbühne komme, ich ärgere mich über ihn, weil er nur noch ein verkrampfter Altrocker ist, ich glaube, der hat auch Angst vorm Älterwerden. Der Beef zwischen Fler und Kollegah amüsiert mich, endlich wieder ein Rap-Krieg in Deutschland, das lenkt mich jetzt von der weltweiten Finanzkrise ab. Ich wusste gar nicht, dass der Kollegah so gut rappt, apropos Rap, ich hatte in meiner letzten Kolumne etwas über die Black-Metal-Band Burzum geschrieben, jetzt erfahre ich, dass der Sänger und einziges Bandmitglied Varg Vikernes nach 16 Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Hoffentlich macht er wieder Black Metal und nicht diesen Keyboard-Ambient-Scheiß, doch Varg Vikernes will keinen Black Metal mehr machen, weil er der Meinung ist, Black Metal sei Negermusik, da Metal seine Wurzeln im Blues hat.

Ich frag mich, was er jetzt mit seinem Globus anstellt, überklebt er den Kontinent Afrika mit Bildern von Luzifer oder Odin? Ich denke nach, das Moderne verweigern, erstmal nichts Neues für mich, das sehe ich jeden Tag. Doch immerhin sind wir Türken viel moderner geworden, wir schlachten keine Kamele mehr in unseren Wohnungen, das war wirklich nie ein schöner Anblick, viel zu kompliziert, so ein Tier, zu unhandlich, danach mussten wir alle den Boden mitschrubben, das ging so lange, dass ich am nächsten Morgen die Schule schwänzte.

Kann man seinen Hund eigentlich Felix nennen? Als Kind habe ich früher Spinnen gesammelt und in eine Glasdose gesteckt und abgewartet, ob etwas passiert. Nach ewig langem Warten hab ich aufgegeben, kein Gemetzel, kein gegenseitiges Auffressen, einfach nur die brutale Langeweile. Ein Freund von mir, der Rob, wurde nach 20 Jahren von der Polizeiarbeit entlassen, weil er zu aggro war und ein Psycho-Wrack zugleich. Er erzählt mir, dass er bei der Polizei so viel Mist gesehen hat, dass die anderen Bullen ihn abknallen würden, falls er etwas darüber erzählen würde. Er will, dass ich ein Buch über ihn schreibe. Meine Ex­freundin sagt, dass aus mir ein guter ­Streetworker werden würde, ich muss zuerst lachen. Streetworker zu sein, das ist wie Bodybuilding, wenn du vier Wochen lang keine Hanteln stemmen gehst, verlierst du Kraft, man wird schlapp, es wird mühsam wieder fit zu werden, es ist ein undankbarer Sport. Was kriegt ein Streetworker nach Wochen und Monaten langer Arbeit, nachdem er sich für irgendwelche Gettokinder seinen Arsch aufgerissen hat, er kriegt ein ,,Ich ficke deine Mutter“.

Ich sollte immer meine Schwester abschlachten

Ich treffe auf der Straße einen Kumpel, er sieht mitgenommen aus, ich frage ihn, was los ist, er sagt, dass die Polizei Fotos von ihm gemacht hat und er deswegen mit dem Dealen aufgehört hat, bevor es zu gefährlich für ihn wird. Ich sage, „das ist doch eine gute Nachricht“, er sagt, „ich habe jetzt weniger Geld“, ich sage, „du hast dein Leben gerettet und verkaufst dieses Gift nicht mehr“, „ach Blödsinn, war doch nur Gras“, geht er dazwischen, ich lache und antworte, „du Idiot, ich meine auch Gras“, er verstummt.

Von den letzten fünf Drehbüchern, die mir angeboten wurden, waren vier fast identisch. Am Ende sollte ich immer meine Schwester abschlachten und in einem anderen Drehbuch hatte die Figur, die ich spielen sollte, eine Imbissbude und eine türkische Frau, die sie aus Anatolien importiert hatten und die jetzt in Deutschland als Putze arbeitete. Ich schmiss alle Drehbücher in die Tonne, jetzt weiß ich nicht, wie ich im nächsten Monat meine Miete bezahlen soll, scheiß drauf, denke ich, Filmemacher sind sowieso scheiße. Warum machen türkische Filmemacher immer Filme über ihre Eltern, warum werden ihre Eltern immer so scheiße gezeigt, es wird Zeit, dass wir unsere Eltern in Ruhe lassen, sie haben nicht alles richtig gemacht, aber auch nicht alles falsch, jedenfalls haben sie genug gelitten. Macht Filme über euch als Filmemacher und zeigt wie menschlich scheiße ihr seid, sagt in die Kamera: ,,Ja, ich bin scheiße, ich bin Abschaum.“ Neulich lese ich über Oliver Pocher, dass er reich geworden ist, reich, indem er seine Mitmenschen fertig macht und zerstört und Tausende Menschen applaudieren ihm lachend dabei. Mario Barth hat mit seiner Show und seinen frauenfeindlichen Witzen das Olympiastadion in Berlin ausverkauft, dabei wurde Onkel Adolf im neuen VIP-Bereich herzlich vermisst, als der Superficker Mario Barth seinen letzten Witz erzählte, schrien und ballten die 70.000 ihre Fäuste in den Berliner Himmel und 70.000 Türkentauben fielen verbrutzelt vom Himmel ins Stadion.

Einmal saß ich in einem Café in Kreuzberg, als mir auffiel, das alle Jungs im Laden Seitenscheitel und Brille trugen, ich rannte sofort raus, weil ich fast keine Luft mehr bekam, meinen Kaffee hab ich aus Protest nicht bezahlt.

Es ist jetzt spät geworden, ich sitze im Café Luzia und warte auf Deniz. Mir fällt auf, dass der schwarze Türsteher keine türkischen und arabischen Jungs rein lässt und das mitten in der beschissenen Oranienstraße in Kreuzberg. Gut, dass ich gestern den dummen Redneck abgezockt hab, mit so einem Cowboyhut erkennt der Neger nicht, dass ich auch ein Kanake bin.

Tamer Yigit, geb. 1974 in Berlin, ist Schauspieler und Regisseur, u. a. am Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU). Neue Räume entdecken, so beschreibt er seine künstlerische Vision. Dies versucht er auch bei seiner Arbeit mit Jugendlichen, die in einem schwierigen sozialen Umfeld leben. Für den Freitag schildert er exklusiv in einer regelmäßigen Kolumne Eindrücke aus seiner Welt und erzählt von ihren Menschen. Er lebt in Berlin-Kreuzberg

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05:00 29.04.2009

Ausgabe 37/2021

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