Turmbau zu Gießen

Freisetzungsversuch mit Gerste In Hessen mobilisieren Gentechnikgegner auf unterschiedliche Weise für dasselbe Ziel

Ein zwölf Meter hoher "Turm" ragt in den leicht verfärbten Abendhimmel, unter einer aufgespannten Plane steht ein 600 Kilo schwerer Betonklotz mit zwei Log-on-Vorrichtungen. Ein großes, rundes Zelt dient als Vorratslager, ein weiteres als Schlafraum. Auf dem Lagerfeuer brodelt ein großer Topf Suppe. Eine junge Frau schneidet Petersilie hinein, ein paar andere stehen um das Feuer herum und wärmen sich. Seit den frühen Morgenstunden des 31. März ist das Versuchsfeld am Campus der Justus-Liebig-Universität in Gießen besetzt. Trotz Wachschutz und der unmittelbaren Nachbarschaft der Polizei kamen rund 20 Gentechnikgegner ungesehen mit ihren Baumstämmen und dem Betonklotz auf den Acker.

Auf der knapp zehn Quadratmeter großen Fläche wurde 2006 und 2007 gentechnisch veränderte Gerste ausgebracht, jedoch beide Male zumindest teilweise von Gentechnikgegnern zerstört. Es ist der erste Freisetzungsversuch dieser Getreidesorte in Deutschland, aber sonst nur ein Feld unter vielen: Rund 100 Flächen mit Freisetzungsversuchen sind hierzulande angemeldet. In seinem auf drei Jahre angelegten Experiment will der Professor für Pflanzenkrankheiten und Pflanzenschutz, Karl-Heinz Kogel, herausfinden, ob sich gentechnisch veränderte Pflanzen negativ auf die Mykorrhiza auswirken. Diese nützlichen Bodenpilze siedeln sich an den Wurzeln der Pflanzen an und liefern der Pflanze Nährstoffe und Wasser. Im Gegenzug erhalten sie Stoffwechselprodukte aus der Photosynthese.

Kogel und seine Mitarbeiter forschen an zwei unterschiedlichen Gerstenpflanzenlinien: Den ersten wurde ein Gen eingepflanzt, das das Enzym Glukanase erzeugt. Mit dessen Hilfe wird Glukan, eine wichtige Stützsubstanz der Zellwände der Gerste, abgebaut. So ist es als Futtermittel verträglicher für Hühner, gleichzeitig lässt es sich besser zu Bier verarbeiten. Die Pflanzen der zweiten Linie sollen widerstandsfähiger gegen Pilzinfektionen sein. Ein ihnen eingefügtes Gen bildet ein Enzym, das Chitin, einen wesentlichen Bestandteil der Zellwände von Pilzen, zersetzt.

Eine reelle Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung ginge von den genmanipulierten Pflanzen nicht aus, versichert die Uni-Leitung - Kogel selbst ist seit 2006 Vizepräsident der Forschungseinrichtung - mit Verweis auf eine Studie der Europäischen Umweltagentur (EEA) aus dem Jahre 2002. "Angebaute Gerste pflanzt sich fast ausschließlich (zu 99 Prozent) durch Selbstbestäubung fort", heißt es dort, damit habe sie nur "ein sehr beschränktes Auskreuzungspotential". Unerwünschte Auskreuzungen seien steril und könnten sich so nicht weiter ausbreiten.

Die Besetzer des Feldes bezweifeln das. "Wir haben dieses Feld als Symbol ausgewählt, weil es ein schillerndes Beispiel ist für eine verlogene Propaganda um scheinbare Biosicherheit und unabhängige Forschung", erklären sie. Ziel sei es vielmehr, "neben den bereits für den Großflächenanbau freigegebenen Sorten wie dem Mon810-Mais weitere Sorten zu entwickeln, zu patentieren und dann profitabel verkaufen zu können."

Tatsächlich handele es sich nicht nur um eines der teuersten Felder, sondern "es wirkt auch, als ob hier Methodenforschung betrieben wird", meint Jörg Bergstedt, der schon an früheren Besetzungen mitgewirkt hat und bereits seit längerem die Gen-Forschung an der Uni Gießen verfolgt. "In Wirklichkeit wird daran geforscht, mit welchen Mitteln man Gentechnik vornehmen kann." So werde diese im Interesse des ganzen Forschungszweigs grundsätzlich weiterentwickelt.

Zwei weitere Versuchsfelder hat Kogels Kollege Wolfgang Friedt angemeldet. In Groß-Gerau und Rauischholzhausen will der Gießener Professor und Leiter des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung I Prüfungen an Mais für das Bundessortenamt (BSA) durchführen, darunter auch an dem umstrittenen Gen-Mais Mon810. Doch in Rauischholzhausen, im Kreis Marburg-Biedenkopf, regt sich breiter Widerstand. Mitte Januar gründete sich eine Bürgerinitiative (BI) gegen das Vorhaben, die neben Informationsveranstaltungen im zweiwöchentlichen Rhythmus Sonntagsspaziergänge zum Feld organisiert. Auch Bürgermeister Andreas Schulz (SPD) unterstützt sie dabei. Ihr Ziel ist es nicht nur, den Versuch am Dorfrand zu stoppen, sondern Marburg-Biedenkopf zur gentechnikfreien Region auszurufen. "Wir sind gegen Gentechnik in der Landwirtschaft, weil auf den so veränderten Pflanzen Patente liegen und die Bauern dafür Lizenzen zahlen müssen", erklärt der BI-Sprecher und Biobauer Reiner Claar. "Außerdem weiß niemand, wie sich gentechnisch veränderte Pflanzen in der Ernährung auf Tier und Mensch auswirken, denn es gibt noch keine Langzeituntersuchungen dazu."


Gießen ist die Hochburg der grünen Gentechnikforschung in Hessen. Alle dort angemeldeten Felder betreibt die Uni Gießen. Während die Besetzer noch auf einen Beweis dafür warten, verkündet der Rektor Stefan Hormuth gegenüber dem Freitag, für dieses Jahr sei sowieso keine Aussaat von Gen-Gerste mehr vorgesehen gewesen. Er bestreitet, dass für diese Entscheidung die gegenwärtige Besetzung oder die vorangegangenen Feldzerstörungen eine Rolle gespielt hätten. Warum sie jedoch auf die Ergebnisse des dritten Versuchjahrs verzichten wollen, bleibt unklar. "Wir verfügen bereits über Ergebnisse aus den vorigen Jahren und kooperieren mit anderen Forschungseinrichtungen, auch auf internationaler Ebene", erklärt Hormuth. Über die Zukunft des Feldes in Rauischholzhausen möchte er sich noch nicht äußern. Zusammen mit Bürgermeister Schulz und Professor Friedt will er darüber in Bälde beratschlagen. Die Bürgerinititative hat bereits angekündigt, die Sonntagsspaziergänge so lange fortzusetzen, bis das Projekt zurückgezogen wird.

Am vergangenen Samstag traf der Gentechnik-Widerstand in der Gießener Innenstadt zusammen: Bauern aus Rauischholzhausen und dem Vogelsberg, die Turmbesteiger vom Gerstefeld, Studenten aus Marburg und Witzenhausen sowie "ganz normale Bürger" demonstrierten einmütig unterm Regenschirm. "Wir haben einen anderen Weg gewählt als die Besetzer des Genfelds", sagt Reiner Claar, "aber wenn die damit Erfolg haben - jeden Erfolg gegen die Gentechnik finde ich gut."

Gerste ist eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Nach Weizen, Mais und Reis handelt es sich um eine der wichtigsten Getreidesorten weltweit.

Seit dem 3. April ist ein weiteres Versuchsfeld in Oberboihingen in Süddeutschland besetzt.

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00:00 11.04.2008

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