türöffner

ard gegen kirch der fußball ist nur die avantgarde für die extremistische privatisierung von information

fußball ist die schönste nebensache der welt.« so lautete jahrzehntelang eine der populärsten plattitüden. aber seit einigen jahren ist er kaum noch zu hören, allenfalls von menschen jenseits der 40. im streit um die fernseh- und rundfunkrechte am fußball fragten kommentatoren noch einmal: »warum denn die aufregung?«

natürlich gibt es die aufregung der fußballdrogensüchtigen fans, natürlich die aufregung jener, die damit reich werden oder reich werden wollen. aber auch die, denen der fußball gleichgültig, demokratie aber wichtig ist, dürfen sich aufregen. spätestens wenn sich der instinktsichere bundeskanzler einmischt, sollten alle misstrauisch und interessiert werden.

wie immer im wahren leben gibt es keine einfache aufteilung in gut und böse. die ard macht uns weis, sie sei gut. alle medien, außer denen, die ihm gehören, erklären leo kirch zum bösen. die geldgierigen fußballvereine tun so, als ginge sie das alles nichts an. das ändert sich langsam, weil ihre sponsoren mit den wenigen pay-tv-zuschauern und gerade noch zwei millionen »ran«-glotzern (ard-sportschau in den achtziger jahren: zehn millionen, damalige ddr nicht mitgezählt!) bei weitem nicht zufrieden zu stellen sind.

was geht uns das an? uns geht an, dass der fußball hier - bitte nicht lachen - eine avantgarde bildet. er ist der türöffner für eine extremistische privatisierung von information. einer gesellschaft, die ihre verkehrsinfrastruktur, ihre stromversorgung, ihre versicherungsysteme, ihre kommunikationswege privatisiert, der ist auch zuzutrauen, dass sie wissen, informationen, meinungen und kultur immer weiter privat versilbern lässt.

so wie heute weltmeisterschaften und bundesliga an kirch verkauft werden, so können doch auch bundestagsdebatten und pressekonferenzen zwischen phönix, n-tv, n24 und cnn versteigert werden. die rücktrittspressekonferenzen von wolfgang schäuble oder andrea fischer wären ein gutes geschäft gewesen. die notleidenden grünen könnten mit ihren bundesparteitagen endlich reich werden; ihr kosovo-parteitag in bielefeld 1999 hatte immerhin auf phönix über zwei millionen zuschauer, also so viel wie »ran - sat 1 - fußball« am ersten bundesligaspieltag dieser saison. helmut kohl hätte keinen spenden für die cdu sammeln müssen; er hätte seine »exklusiv«-interviews ebenso exklusiv verkauft. die lichtdom-inszenierungen heutiger spd-bundesparteitage sind perfekt tv-bilder-gerecht inszeniert. die große regierungspartei ist also bestens auf diese entwicklung vorbereitet.

die öffentlich-rechtlichen sender tun in der öffentlichkeit so, als wenn sie dagegen widerstand leisten. das ist - leider - nicht wahr. daran hindern sie schon figuren, wie der rheinland-pfälzische ministerpräsident beck (spd). im aktuellen fußball-konflikt sitzt er an allen seiten des tisches: als »rundfunkkoordinator« der ministerpräsidenten, als verwaltungsratschef des zdf und als verwaltungsratschef des 1. fc kaiserslautern. so darf es nicht wundern, dass die ard in ihrem bisherigen vertrag mit kirch ausdrücklich auf das recht zur kurzberichterstattung von bundesligaspielen verzichtet hat, das ministerpräsidenten und länderparlamente just vorher gesetzlich eingeführt hatten. ebenso wenig dürfte es wundern, dass ard und zdf dem klammen kirch teures geld für seine schwer verkaufbaren rechte für die wm 2002 in korea und japan zahlen, ihm aber die deutsche tv-primetime nach 18 uhr allein überlassen.

widerstand leistet allein »das volk«. am ersten bundesligaspieltag hat es nicht geguckt. es war im biergarten. wer dort nicht war, schaute james bond (drei millionen) oder »volksmusik« (vier millionen). wer hätte gedacht, wofür die noch gut ist.

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00:00 10.08.2001

Ausgabe 42/2021

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