Türsteher oder Pfadfinder?

Google & Co. Zwei Bücher über die Macht der Suchmaschinen

Wertvollster Markenname, teuerstes Medienunternehmen, meistgenutzte Suchmaschine - die Geschichte von Google ist eine Geschichte der Superlative. Mit Zukäufen und Eigenentwicklungen mauserte sich die Suchmaschine binnen zehn Jahren zum Internet-Giganten, dem mittlerweile gute Chancen eingeräumt werden, es mit Größen wie Microsoft aufzunehmen. In Deutschland greifen neun von zehn Nutzern auf die Google-Seite zu, wenn sie sich im World Wide Web auf die Suche nach Gebrauchtwagen, Büchern und Personen begeben.

Die Geschichte von Google ist aber auch eine Geschichte der Online-Suche insgesamt. Von Hand lassen sich die Datenfluten schon lange nicht mehr bändigen. Deshalb verlassen sich Internetnutzer immer häufiger auf die Suchtreffer, die Google und Co. generieren. Aber kann man diesen Algorithmen trauen? Sind Maschinen die objektiveren Redakteure oder zwingen uns die Suchmaschinen ihre eigene Weltsicht auf? Welche (politischen) Konsequenzen ergeben sich daraus, dass Informationen in den verschiedensten Bereichen aus ein und derselben Quelle stammen?

Bemerkenswerte Antworten auf diese Fragen finden sich in dem gerade erschienenen Buch des Hamburger Medienjournalisten Lars Reppesgaard Das Google-Imperium sowie in dem zweisprachigen Sammelband Die Macht der Suchmaschinen. The Power of Search Engines. Auch für Leser, deren Interesse an modernen Kommunikationstechnologien weniger ausgeprägt ist, lohnt sich die Lektüre. Denn die Netzwerkmedien konstituieren eine neue digitale Weltordnung, indem sie das Internet als ständig wichtiger werdende "virtuelle Realität" nicht nur strukturieren, sondern auch kolonisieren.

Dies geschieht seit Juni 2005 verstärkt über "Google Earth" - einen so genannten Geobrowser, der Satellitenbilder, Stadtpläne und mittlerweile auch detaillierte Straßenansichten bereithält. Das Anfang vergangenen Jahres in Betrieb genommene Programm "Street View", mit dem sich 360-Grad-Rundum-Ansichten abrufen lassen, stößt indes vermehrt auf Ablehnung. Als erste deutsche Gemeinde will Molfsee nahe Kiel dem Internetkonzern Google Photoaufnahmen der Straßenzüge verbieten, weil diese eine "Einladung für Einbrecher" darstellten.

Beide Bücher machen deutlich, dass Wissen und Macht kaum irgendwo anders so wirksam und subtil verschmelzen wie bei Google. Die hinter geschlossenen Türen festgelegten Relevanzkriterien bestimmen Informationsflüsse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft - weltweit, wie sich versteht. Doch hinter den Kulissen findet ein weiterer Kampf statt. Mit mehr oder weniger legalen Mitteln sorgen Suchmaschinenoptimierer dafür, dass die Angebote ihrer Auftraggeber auf den vorderen Rängen erscheinen. Die Nutzer bekommen von all dem nichts mit, denn für die meisten gilt nach wie vor: Ist es nicht auf der ersten Google-Seite, ist es für mich uninteressant.

Obwohl die Technologie im Verborgenen wirkt, bezweifelt niemand, dass die Suchmaschinen einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel angestoßen haben, insbesondere beim Zugang zu Informationen, im Bereich Datenschutz und in der Werbung. Die Frage liegt nahe, inwieweit staatliche Regulierung dem Missbrauch vorbeugen kann. Internationale Autoritäten wie Harvard-Professor Urs Gasser und EU-Datenschutzexperte Boris Rotenberg diskutieren in dem Sammelband Ansätze, die von härteren gesetzlichen Regelungen bis zu einer freiwilligen Selbstkontrolle der Suchmaschinenbetreiber reichen. Zentrale Quintessenz: Der Markt allein stellt keine ausreichenden Mechanismen zur Verfügung, um der Konzentration im Datendschungel durch Suchmaschinen entgegenzuwirken. Im Gegenteil: Sowohl Suchergebnisse als auch Anzeigen stammen heute fast ausschließlich von den beiden Großanbietern Google und Yahoo - Tendenz steigend. Theo Röhle konstatiert in einem Beitrag zu Machtkonzepten in der Suchmaschinenforschung, dass Suchmaschinen sowohl als "Pfadfinder" wie auch als "Türsteher" fungieren können. Sie entscheiden, welche Informationen im Netz zu finden sind - oder eben im Verborgenen bleiben.

Auch die Werbeindustrie ist vor den Tücken des weltumspannenden Netzes nicht gefeit. Beim "Klickbetrug" werden insbesondere auf Suchmaschinen-Seiten kommerzielle, pro Aufruf vergütete Werbeeinblendung manuell oder unter Zuhilfenahme von Programmen angeklickt. In Letzterem liegt ein immenses Manipulationspotential. Entweder erschleichen sich die Seitenbetreiber Leistungen oder konkurrierende Werbekunden versuchen Mitbewerber zu schädigen, um die "Geldmaschine Onlinewerbung" (Lars Reppesgaard) für sich zu nutzen.

Google, Yahoo und MSN üben darüber hinaus spür- und sichtbaren Einfluss auf die journalistische Arbeit aus, denn Suchmaschinen drängen sich dem "konzeptlosen Journalisten" als "kostenloses Geschenk" auf. Dieser läuft Gefahr, dass er weniger die Suchmaschine führt als sie ihn. Wenn dem schnellen und bequemen Griff zur Online-Suche immer weniger Vertreter der schreibenden Zunft widerstehen, geht dies zwangsläufig zu Lasten von Objektivität und Qualität. Suchmaschinen werden aber auch gezielt eingesetzt, um auf Medieninhalte der BBC, des ZDF und anderer Content-Anbieter aufmerksam zu machen. Einen grundlegenden Unterschied zwischen herkömmlichen Nachrichtenmedien und Suchmaschinen deckt der mit "Die Suchmaschinendemokratie" überschriebene Beitrag auf: Im Fall des Mohammed-Karikaturenstreits waren sämtliche Print-Medien, die sich für eine Veröffentlichung entschieden hatten, von Protesten betroffen. Obwohl dieselben Bilder auch über Suchmaschinen zugänglich waren, blieben die Proteste in diesem Fall aus - die internationalisierte, automatisierte Bereitstellung von Informationen bot den Gegnern keine Angriffsfläche.

Fazit: Beide Bücher werden ihrem Anspruch gerecht, Licht in das uns täglich bei der Internetrecherche umhüllende Dunkel zu bringen. Während Kapitelüberschriften wie "Optimierer, Hacker, Klickbetrüger" und "Unstillbarer Datenhunger" dem Buch von Reepesgaard einen populärwissenschaftlichen Anstrich geben, werden die Autoren des Sammelbands allen wissenschaftlichen und zudem kritischeren Ansprüchen gerecht. Die Lektüre der Bücher lässt nur einen - wenngleich bedenklichen - Schluss zu: Die Welt der Suchmaschinen ist keineswegs ein Mikrokosmos für Computerfreaks. Sie ist hochgradig politisch und ein Spiegelbild ökonomischer Machtverhältnisse, sie wird rigoros erweitert - und begegnet uns ahnungslosen Nutzern fast täglich: beim Googeln.

Lars Reppesgaard Das Google-Imperium, Murmann, Hamburg 2008, 278 S., 19,90 EUR

Marcel Machill/Markus Beiler (Hrsg.) Die Macht der Suchmaschinen. The Power of Search Engines. Herbert von Halem Verlag, Köln 2007, 350 S., 28,50 EUR

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00:00 27.11.2008

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