TV-Recaps

Medientagebuch Im Netz bricht eine neue Ära der Fernsehkritik an: TV-Ereignisse, die das Print-Feuilleton nur mit dem Gummihandschuh anfasst, erhalten Nachrichtenwert

Wie getrennt die Welten der Print- und der Internet­medien sind, lässt sich an keinem Genre so gut wie an der Fernsehkritik ablesen. Die gedruckte Fernsehkritik wähnt sich dabei in einer schweren Krise. Was kein ganz neuer Zustand für ein Genre ist, das sich seit jeher als missachtetes Stiefkind des Feuilletons betrachtete, neben der Theater-, Literatur- und Musikkritik zur Schattenexistenz verurteilt. Und was vor gut einem Jahrzehnt als Akt der Emanzipation erschien, die Emigration ins Zentrum der neuen Medienseiten, entpuppte sich bald als Herabstufung aus den Höhen des feinen Rezensionswesens in die Niederungen der Branchenberichterstattung.

Lutz Hachmeister schreibt im Jahrbuch Fernsehen 2010, dass sich „die Szenerie noch einmal deutlich verdunkelt“ habe, so man die institutionelle Basis der Fernsehkritik analysiere. Tatsächlich findet die Besprechung von Sendungen in der gedruckten Zeitung wenn überhaupt, dann eher in Form von Vorab-Tipps statt. „Fernsehkritik erscheint als ein nebenbei, mal von diesem, mal von jenem erledigtes Genre ohne bekannte Namen und feste Adresse“, klagt Hachmeister völlig zu Recht.

Oder doch nicht? Im Internet bietet sich ein ganz anderes Bild. Dort gelingt der Fernsehkritik mehr und mehr, wovon die anderen Kritiksparten nur träumen: Sie erhält Nachrichtenstatus. Als schnelle Kurzkritiken der einschlägigen Polit-Talkshows drängen sie auf den Websites immer weiter nach oben und in die Hitlisten der „Meistgelesen“-Rankings. Und weil diese Art der Nachtkritik offenbar ankommt, finden sich im Netz auch immer mehr Rezensionen zu Sendungen, die das Print-Feuilleton nur mit den Gummihandschuhen der soziokulturellen Analyse anfassen würde: TV-Ereignisse und Fernseh­lieblingskinder wie Deutschland sucht den Superstar, Schlag den Raab, Wetten, dass..? und ­Tatort.

Im anglophonen Raum geht das noch weiter. Dort hat fast jede Netzzeitung, die sich mit Kulturkritik befasst, mittlerweile eine TV-Abteilung, in der sich prominente und weniger prominente Autoren allen Sparten widmen. Von American Idol bis zu How I Met Your Mother wird dort im schnellen Nachklapp Episode für Episode detailliert besprochen und nach Veröffentlichung noch von willigen Kommentatoren massenhaft mit Anmerkungen versehen. Für eine Qualitätsserie wie Mad Men lässt sich auf der Onlineseite der Vanity Fair zu diesem meist nächtlichen Dienst gar ein namhafter Kolumnist wie James Wolcott herab.

Es ist eine neue Art der Fernsehkritik, die da entsteht und wuchert. In vielerlei Hinsicht hat sie viel mit der Sport­berichterstattung gemein. Was damit zu tun hat, dass die Motivation der Zuschauer, ein solches „Recap“ (kurz für „Recapitulation“) zu lesen, eine ganz ähnliche wie beim Sport ist: Man möchte das Ereignis oder die Episode noch einmal Revue passieren lassen, die Höhepunkte noch einmal durch­leben und auf vielleicht Verpasstes aufmerksam gemacht werden, zugleich aber auch mit einer fachlichen Einordnung des Gesehenen versorgt werden und im Anschluss über das unmittelbar Abzusehende spekulieren.

Doch keine Kritik ohne Gegenkritik: Die neue Schule der Fernsehkritik zeichnet zwar eine Neugier und vor allem eine popkulturelle Intelligenz aus, die der alten Printfernsehkritik oft fehlte, aber sie muss sich auch vorwerfen lassen mit ihrer obsessiven Detailbeobachtung manchmal allzu nah am Bildschirm zu sitzen. Trotzdem sollte, wer die Krise der Fernsehkritik ausruft, heute ins Netz schauen, und er wird finden, dass noch nie so viel Kluges, Interessantes und Erhellendes übers Fernsehen geschrieben wurde.

Barbara Schweizerhof


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12:45 14.04.2011

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