Twin Peaks

A–Z 1990 wurde der FBI-Agent Dale Cooper nach Twin Peaks geschickt, um den Mord an Laura Palmer aufzuklären. Von da an sollte Fernsehen nie mehr das sein, was es vorher war
Twin Peaks

Foto: ABC Photo Archives/Getty Images

A

Auflösung Man soll immer ein bisschen Geheimnis bleiben, schlagen Beziehungsratgeber als Erfolgsrezept für die dauerhafte Partnerschaft vor. Diesem Rat wollten auch David Lynch und Mark Frost folgen: Um die Spannung zu halten und die Publikumsbindung nicht abreißen zu lassen, planten sie, die Identität von Laura Palmers Mörder nie zu verraten. Doch die Produktionsfirma sah das anders und drängte zur Auflösung.

So wurde zu Beginn von Staffel 2 Palmers Vater als Killer überführt, der von einem bösen Dämon bei der Tat gelenkt wurde. Mit der Auflösung des Hauptplots war für den Rest der Staffel die Luft raus. Weitere Mysterien und rätselhafte Ereignisse hielten viele Zuschauer nicht mehr bei der Stange. Nur Hardcore-Fans wollten das Geheimnis um die Schwarze Hütte (➝ Bars) gelüftet wissen. Das Vorhaben, die Serie gar abzusetzen, verhinderte eine Petition.Tobias Prüwer

B

Bars Was für James Bond der Martini (geschüttelt, nicht gerührt) ist, ist für Agent Dale Cooper ein Kaffee (schwarz, ohne Zucker). Die obsessive, fast schon erotische Beziehung zwischen Detektiv und Heißgetränk kann man filmisch betrachtet als eigenes Narrativ und alltagsanthropologisch als starke Koffeinsucht bezeichnen (➝ Cherry Pie). Trotzdem hat sich die gastronomische Twin-Peaks-Fankultur in der Barszene manifestiert. In Berlin etwa gibt es das Twin Pigs, die Black Lodge, benannt nach einem fiktiven (Alb-)Traumort der Serie – und im legendären Club Kater Blau wirkt das schwarz-weiße Karolabyrinth im Eingangsbereich wie ein Zitat der Serie. Alle Läden gehören zur Berliner Szene, die man mit „hip, Neukölln, irgendwas im Kulturbetrieb“ zusammenfassen kann, was einleuchtend ist, weil Twin Peaks in diesem Milieu großen Kultstatus genießt. Vielleicht aber passen, Cooper mal ausgeklammert, berauschende Substanzen auch einfach besser zum Modus der Serie als eine gemütliche Tasse Kaffee. Juliane Löffler

C

Cherry Pie In den 1990er Jahren hatten etliche meiner Freunde eine zeitweilige Obsession für Kirschkuchen. Die Schuld lag natürlich bei Agent Cooper. Es war sein Schwärmen für den Kirschkuchen des Double R Diner („der bringt einen um“) zusammen mit seiner Vorliebe für Kaffee, den er „schwarz wie die Mitternacht in einer mondlosen Nacht“ trinkt. Das Diner, eine Art Schnellrestaurant mit Angebot von Frühstück, Imbiss, Kaffee und Kuchen, ist eine amerikanische Institution und hat als solche einen festen Platz im Film (➝ Tankstelle).

Im Werk von David Lynch nimmt es eine große Rolle für die Entwicklung der jeweiligen Story ein. Ambiente und Atmosphäre sind wichtig, über die Qualität des Essens dagegen wird meist wenig gesprochen. Nicht so in Twin Peaks. Der Kirschkuchen entwickelt sich im Laufe der Serie nämlich zu einem Running Gag, da keine Gelegenheit ausgelassen wird, davon zu schwärmen. Gleiches gilt für den Kaffee, jedenfalls meistens. In einer Szene wird Cooper zu spät davor gewarnt, den angebotenen Kaffee zu trinken. Seinem Gastgeber, einem Hobbyangler, war unbemerkt ein Fisch in den Filter gefallen. Coopers Gesichtsausdruck spricht Bände. Im Double R Diner wäre ihm das nicht passiert.Jutta Zeise

F

Fotokünstler Mit den Factory Photographs – entstanden zwischen 1980 und 2000 – ist Lynch als Fotokünstler bekannt geworden. „I love industry. Pipes. I love fluid and smoke. I love man-made things. I like to see people hard at work, and I like to see sludge and man-made waste“, so Lynchs Kommentar. Doch Menschen sind hier keine zu sehen. Stattdessen: dunkle, monströse Maschinen, labyrinthische Werkhallen, Ruinen der Moderne. Lynch liebt das Unheimliche (➝ Zwerg).

Das Unheimliche ist bei Lynch stets vertraut wie unvertraut. Es ist ein existenzielles Gefühl des Nicht-zu-Hause-Seins. Dieses Gefühl transportiert Lynch in seinen Filmen und auch in seinen Fotografien: Bilder von psychologischer Dichte und experimenteller Kraft. „Es ist egal, wo eine Sache anfängt, was zählt, ist darauf zu achten, wohin die Ideen dich führen“, so David Lynch. Marc Peschke

G

Gerichtsmedizin Jeder Krimi mit spektakulären Leichen hat einen ordentlichen Gerichtsmediziner. In Twin Peaks ist es der FBI-Mann Albert Rosenfield. Ein Ass auf seinem Gebiet, aber er ist arrogant bis zum Abwinken. Bereits sein erster Auftritt, wenn er sich im Sheriff-Office bei Lucy anmeldet, steht für sich: Sonnenbrille, schwarzer Anzug, abschätziger Tonfall. Später wird Albert für sein überhebliches Reden vom Sheriff einen Schlag ins Gesicht bekommen. Pathologe Rosenfield ist die wohl amüsanteste Nebenfigur dieser Serie. Lars Hartmann

M

Musik Unmöglich, an Twin Peaks zu denken, ohne die Musik im Kopf zu haben. Lynchs Langzeitkomplize Angelo Badalamenti (ich flüstere den Namen gern vor mich hin) komponierte den Soundtrack, der 1991 den Grammy gewann. Lynch hat das Album mitproduziert und die Texte zu verschiedenen Tracks geschrieben. Musik ist in Lynchs Filmen seit je wichtiges stilistisches Element. Durch sie entfaltet sich erst die meist verheerende Wirkung der Bilder (➝ Fotokünstler). Wie die Serie ist auch die Musik Kult. Moby verwurstete Laura Palmer’s Theme im Rave-Track Go und Musikerin und Autorin Clare Nina Norelli erzählt in Soundtrack from Twin Peaks (33 1/3) von 18-Jährigen in Melbourne, die sich heute noch den Soundtrack auf Vinyl kaufen. Elke Allenstein

R

Reverse Speech Wie klingt eine Stimme, die von woanders her, nicht von dieser Welt zu kommen scheint und die ich dennoch verstehen kann? Die Betonungen sind falsch, die Länge der Vokale, die Härte der Konsonanten, die Pause zwischen den Worten, und doch ist es kein Akzent. In Twin Peaks wird im Red Room so geredet, einem Raum des Übergangs , in dem das Selbst mit seinem eigenen Schatten konfrontiert wird. Der unheimliche Effekt wurde erzielt, indem in den Szenen rückwärts gesprochen, und die Tonspur dann wiederum rückwärts abgespielt wurde. Die Stimmen erscheinen so vertraut und fremd zugleich. Der Australier David John Oates nannte Reverse Speech einige Jahre nach dem Erscheinen von Twin Peaks „Voice from the Unconscious“ und er behauptete, durch das Rückwärtshören menschlicher Sätze seien die unterbewussten Inhalte der Sätze zu erkennen. Manchen Menschen fällt das Rückwärtssprechen leicht. Michael J. Anderson, der „the Man from Another Place“ spielt und im Red Room (➝ Rot) auftritt, konnte bereits vor den Dreharbeiten Rückwärtssprechen (➝ Zwerg). Weder unheimlich noch unterbewusst ist der National Backwards Day am 31. Januar. Johanna Montanari

Rot Rot ist die erste Farbe der Welt, die Farbe des Ursprungs und des Todes. Während das Blau entfernt, ist alles Rote schmerzhaft nah. Es ist die Leidenschaft und die Gefahr, drei Viertel Code und ein Viertel Körperlichkeit. Aber wie das Blau, so neigt im richtigen Leben das Rot zu mannigfachen Kompromissen. Nicht so in der Kunst, und schon gar nicht bei David Lynch. Bedrohlich wird alles, wenn es so richtig rot wird. Magenta. Rot als reiner Zustand, oder auch als Zustand einer verbotenen Reinheit.

Für einen Maler – und Lynch ist immer ein Maler geblieben – ist Rot eine im doppelten Sinn gefährliche Farbe. Twin Peaks ist eine braune Welt. Aus Holz und Haut und Erde und Herbst. Das Rot liegt darunter, in Abgrund und Traum. Im Red Room unter anderem, in den Cooper immer wieder in seinen nächtlichen Visionen hinein muss, um in den Abgrund von Twin Peaks zu sehen, in die Seele oder in die Vulva der Frau vielleicht, die der Vater nur ermorden konnte. Auch in der neuen Staffel kann man sehr genau beobachten, welche Figuren die Spuren von Rot tragen. Als Spuren von Wissen und von Schuld. Georg Seeßlen

S

Seifenoper Der in Plastikfolie gewickelte Körper einer jungen Frau wird an das Seeufer einer Kleinstadt gespült. Es mag nicht der klassische Auftakt einer Soap Opera im amerikanischen Fernsehen sein. Aber was ist schon klassisch an Twin Peaks, der Kultserie, die irgendwo zwischen Krimiparodie und absurdem Theater changiert?

David Lynch inszeniert eine Persiflage auf das Erzählen der Soap mit ihren vielen Handlungssträngen, die sich parallel entwickeln. Damit alles im Fluss bleibt, muss mit jeder Folge ein dunkles Geheimnis in bizarr-elliptisch erzählten Szenen entborgen werden. Jedes neue Teil ein Störelement. Denn wer vermag schon Sinn aus all dem zu konstruieren? Aber Seifenopern brauchen keinen Sinn. Sie müssen laufen und laufen wie ein Duracell-Häschen, am Leben gehalten nur vom Garmonbozia, jenem Einheits(mais)brei aus Schmerz und Leid. Daher ist die Fortsetzung nur folgerichtig (➝ Auflösung).

Episode für Episode tropft dann auch etwas mehr des Banal-Bösen aus den Poren der Kleinstadt. Und man traut es dem Schaumschläger FBI Special Agent Dale Cooper und seinem geistlosen Cowboy-Partner Sheriff Harry S. Truman nicht wirklich zu, die mysteriösen Verstrickungen der Kleinstadtgesellschaft aufzudecken. Müssen sie auch gar nicht! Denn der Seifenschaum muss weiterhin unheimliche Bläschen schlagen. Marlen Hobrack

T

Tankstelle Die Tankstelle von Twin Peaks liegt am Rande der Stadt, an der Ausfallstraße Richtung Osten, und heißt „Big Ed’s Gas Farm“. Ihr Betreiber, Ed Hurley, lebt mit seiner Familie auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Seine Frau Nadine ist die Terrornudel mit der Augenklappe und den übermenschlichen Kräften. Sie ist besessen davon, eine völlig geräuschlose Vorhangschiene zu erfinden. Eds Neffe James, den er bei sich aufgenommen hat, ist 18, Biker, und hatte natürlich auch etwas mit Laura Palmer (➝ Seifenoper). Big Ed ist, wie der Name schon sagt, ein großer Mann, stets hilfsbereit und immer etwas unbeholfen.

Während die Tankstelle in vielen Filmen den letzten Vorposten der Zivilisation darstellt, der die Grenze zur Wildnis markiert – eine Grenze, die beim Betreten schon überschritten ist –, ist Twin Peaks als Ort selbst diese Grenze: eine Idylle noch vor den dichten Wäldern Kanadas, und doch bereits unterlaufen von dem, was dort lauert (BOB, die Schwarze Hütte, das Bordell). In Twin Peaks ist die Tankstelle ein sicherer Hafen und Big Ed scheinbar der einzig brave, unbefleckte Bürger. Christina Borkenhagen

Z

Zwerg Der unheimliche Zwerg im Red Room, der rückwärts spricht (➝ Reverse Speech), tanzt und dem träumenden Cooper seine Cousine vorstellt, die aussieht wie Laura Palmer, wurde von Michael J. Anderson gespielt Er konnte aufgrund seiner Knochenkrankheit die ersten zwanzig Lebensjahre nicht laufen. Der isolierte Junge beschäftigte sich exzessiv mit dem Rückwärtssprechen und erlernte eine Fähigkeit, die Lynch ihn in der berüchtigten Traumszene einsetzen ließ. Rückwärtssprechen erzeugt den Eindruck von Zeitverschiebung, Zeitauflösung, was bei vielen unmittelbar Gänsehaut auslöst. Und „Red Room“ heißt rückwärts gesprochen „mooR-deR“, gesprochen „Murder“. Ahhh! Sarah Khan

06:00 07.06.2017

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