U-Bahn

A–Z Die New Yorker Linie Q gilt nun als teuerster Subway der Welt. Welche Symbole und Geheimnisse unser Transporttunnelsysteme noch birgt, verrät das Lexikon der Woche
Redaktion | Ausgabe 02/2017

A

Alexanderplatz „Kunst statt Werbung“, 1958 wurde der Bahnsteig der U2 mit Fotografien, Collagen, Malereien zur öffentlichen Galerie. Die Wartezeit vertreiben heute allenfalls Werbebotschaften. Dass diese zumindest Schockwirkung haben können, bewies zuletzt die Promo-Aktion der Serie The Walking Dead. Je nach Blickwinkel des Betrachters verfielen die gefakten Werbegesichter zu Zombiefratzen. Der Anblick ließ innehalten: ein unüblicher Moment im engen Gedränge und in der Hektik des Nahverkehrs. Der in Berlin lebende ungarische Fotograf Adam Magyar schuf ihn künstlich. Aus den Fenstern der einfahrenden U-Bahn filmte er mit einer Industriekamera, sonst üblich bei Crashtestaufnahmen, die Menschen am Alex. Mit 56-mal mehr Bildern als bei einer üblichen Videokamera entsteht in Stainless ein Zeitlupeneffekt, der die Wartenden als lebende Statuen erscheinen lässt. Nina Rathke

B

Begegnung Von Norden nach Süden durchschneiden die grünen Linien der New Yorker Subway die Stadt. Sie verbinden die Bronx oder Harlem mit der reichen Glitzerwelt des Finanzdistrikts im Süden Manhattans – wie es Willy Spiller in seinem grandiosen Bildband Hell on Wheels festgehalten hat (unser Foto).

In Berlin spannen sich U-Bahn-Linien zwischen sozialen Brennpunkten, dem touristischen Mitte oder bürgerlichen Vierteln. Vor diesem Hintergrund ist die U-Bahn ein demokratischer Ort. Zwangsläufig wird man mit anderen Realitäten konfrontiert, die Begegnungen dort sind unausweichlich. Behütete Menschen werden im Untergrund mit bitterer Armut konfrontiert. Mit Menschen, deren Obdach ( Zimmer) für die Nacht der U-Bahnhof ist. Andere verkaufen Streichhölzer wie in Buenos Aires, Blumen oder Straßenmagazine. Wir, die Fahrgäste, schauen oft professionell weg. Die U-Bahn durchzieht die Stadt aber trotzdem und liefert so einen Querschnitt der Gesellschaft. Benjamin Knödler

G

Gefahr Die Bilder ähneln sich und sind doch jedes Mal erschreckend. Die Aufnahmen nach den Anschlägen in den U-Bahnen von London, Brüssel oder Moskau oder grobkörnige Aufzeichnungen von Überwachungskameras, die Überfälle, Gewalt und Enthemmung zeigen. So sind U-Bahnhöfe und Züge auch Orte der Gefahr, für einige der latenten Furcht. Als sogenannte weiche Ziele sind sie immer wieder Ziel von Terrorattacken geworden. 1995 etwa verübte eine japanische Sekte in Tokio einen Giftanschlag mit 13 Todesopfern und Tausenden Verletzten, 2005 sprengten sich Selbstmordattentäter in drei Zügen der Londoner Tube in die Luft,2010 explodierten Sprengsätze in zwei Moskauer Metrostationen. Vergangenes Jahr der Anschlag auf die Brüsseler U-Bahn.

All dies führt dazu, dass ein Großteil der Debatte über Sicherheit im öffentlichen Raum anhand von U-Bahnen diskutiert wird. Wenn sich die Menschen in der U-Bahn nicht mehr sicher fühlen ( Begegnung), dann sei das ein Armutszeugnis, ist dann immer wieder zu hören, meist mit der umstrittenen Forderung nach mehr Überwachungskameras. Doch egal was man versucht, ganz wird man das Gefühl der Gefahr nicht aus der U-Bahn vertreiben können. Ein Stück weit gehört es einfach dazu. Die fahle Beleuchtung, das fehlende Tageslicht, die langen, zumindest nachts leeren Gänge. Das macht die U-Bahn zu einem bisweilen unwirklichen Ort. Benjamin Knödler

Genfer See Wer an die Schweiz dachte, dachte lange automatisch an eine U-Bahn. Das ging so weit, dass die eidgenössische Tourismusbehörde vor ein paar Jahren einen Weckruf lancierte: „Leute, wir müssen das Image korrigieren. Lasst uns saftige Wiesen, Enziane, das Matterhorn, Alphornbläser und das Heidi zeigen, selbst vor Ottmar Hitzfeld dürfen wir nicht Halt machen, der ist ja quasi Schweizer.“

Die Kampagne war bekanntlich enorm erfolgreich, wer fortan an die Schweiz dachte, dachte automatisch an saftige Wiesen, Enziane, das Matterhorn, Alphornbläser, an Heidi und Ottmar Hitzfeld. An die U-Bahn dachte keiner mehr. Nun, sie steht und fährt in Lausanne, führt vom See den Berg hoch, ist knapp sechs Kilometer lang und hat eine Steigung von zwölf Prozent oder 336 Meter Höhendifferenz zu bewältigen. Das ist Weltrekord ( Second Avenue). Michael Angele

H

Hamburg Das Vorhaben, für knapp 300 Millionen Euro eine Kurzlinie vom Jungfernstieg bis in die Hafencity zu bauen, begeisterte 2007 die Hamburger mäßig. Hilfreich ist in so einem Fall, wenn man es menscheln lässt. Also wurde die Bevölkerung aufgefordert, dem Tunnelbohrer einen Namen zu geben. Am Ende setzte sich VERA (kurz für Von der Elbe Richtung Alster) gegen HEDI (Hafen Erreicht Die Innenstadt) und EVA (Elbe Via Alster) durch. Der gute alte Elbtunnelbohrer TRUDE (Tief Runter Unter Die Elbe) hat vermutlich im Grab rotiert. Christine Käppeler

L

L Train „2019 is the year Williamsburg dies“, orakelte neulich das Boulevardblatt New York Post. Es ging nicht um Gentrifizierung oder Avocadotoast für 21 Dollar, sondern um das Fortbewegungsmittel der Wahl der Young Urban Semiprofessionals, die L Train. Im Januar 2019 wird der Tunnel unter dem East River, der Brooklyn und Manhattan verbindet, für eineinhalb Jahre geschlossen. Ursache sind Schäden durch Hurrikan Sandy 2012.

Den schönsten Song über die L Train schrieb der grandiose Jeffrey Lewis, er heißt Williamsburg Will Oldham Horror. Und wie Lewis in dem Video von seinem vermeintlichen Idol auf der L Train zugerichtet wird, dürfte so ziemlich dem morgendlichen Gefühl entsprechen, das die 225.000 Pendler ab 2019 erwartet. Christine Käppeler

M

Metro Metro und U-Bahn sind synonym. Dafür ist vor allem die zur Weltausstellung 1900 eröffnete Pariser Métro verantwortlich. Sie ist eines der größten Transporttunnelsysteme der Welt. Bis heute trägt die von Anfang elektrisch betriebene Métropolitain die Hauptlast des öffentlichen Nahverkehrs am Seine-Spot. In Paris wurde die Métro zum Symbol von Urbanität ( Genfer See). Dazu trugen die Eingänge in eleganter Art-nouveau-Gestaltung bei: In grünem Stahl und Glas tun sie sich fächerartig wie ein botanischer Schlund auf. Ein solcher Eingang ziert seit 2007 als Geschenk zur Bekräftigung der Stadtbahnpartnerschaften die Moskauer Metro. Auch diese hat es in puncto Kunst in sich – von ewigen Rolltreppenfahrten zu den extrem tief liegenden Stationen ganz abgesehen. Diese nannte die SU-Regierung unverblümt „Paläste fürs Volk“. In Stalins Zuckerbäckerstil entstanden Gewölbemosaike, monumentale Marmoraufwürfe und Kronleuchterhallen. Zum Verweilen bleibt keine Zeit: Die Moskwa-Metro gilt als schnellste der Welt. Tobias Prüwer

P

Perfomance Es gab eine Zeit, in der man, wenn man ein Millionenpublikum erreichen wollte, auf MTV, bei Band Aid oder Dieter Thomas Heck auftreten musste. Seit es das Internet und Youtube gibt, gilt allerdings die Faustregel: Je alltäglicher die Umgebung, desto größer das Hitpotenzial. Bahnstationen sind da natürlich eine perfekte Wahl (Tube). In den vergangenen Jahren sind ungezählte Performer zu den U-Bahn-Haltestellen dieser Welt hinabgestiegen, um im Netz „viral“ zu gehen: U2, Michael Bublé, Joshua Bell und Avril Lavigne sind nur einige Beispiele. Nicht zu vergessen auch die ziemlich coole Werbeperfomance Is mir egal von Kazim Akboga für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Der „Fahrkartenkontrolleur“ Akboga ist übrigens selbst Werbetexter, mitnichten ein Neuköllner Schluffi, dem alles wurst ist.

Als absoluter Gigant der heimlichen Performance gilt das Ensemble vom König der Löwen. Die sangen nicht nur unter der Erde, sondern auch über den Wolken – in einem Flieger auf dem Weg nach Australien. Simon Schaffhöfer

S

Second Avenue Die neue U-Bahn-Linie der New Yorker Subway auf der Second Avenue ist die ganz persönliche Elbphilharmonie (Hamburg) von „Big Apple“. Vor fast einem Jahrhundert, in den 20er Jahren, wurden erstmals Pläne geäußert, die Strecke zwischen der 63. und der 96. Straße in Manhattan zu bauen. Die Stadt ist in der Zwischenzeit von fünf auf über achteinhalb Millionen Einwohner gewachsen. Seit knapp 50 Jahren wurde das U-Bahn-Netz so gut wie nicht erweitert. Endlich nun, so scheint es, präsentieren sich die inneren Zustände der Subway auch nach außen. Mit dem Nahverkehr bewegt sich in der hoffnungslos verstopften Metropole so gut wie jeder, vom Investmentbanker der Wall Street bis zum Obdachlosen. So passt es gut, dass zum Beispiel die Q-Linie jetzt die baufälligen U-Bahn-Ruinen Brooklyns im selben Atemzug durchquert wie die milliardenschweren Edelhaltestellen: „E pluribus unum“ – „Aus vielen eines“, steht in Stein gemeißelt in einer der neuen Hallen.

Die Stadt witzelte schon im Jahr 1972 zynisch über ihr zukünftiges Luxusgrab für etwa 4,5 Milliarden Dollar. Damals sagte der Bürgermeister John Lindsay: „Was auch immer in den Folgejahren über dieses Projekt gesagt werden wird, es kann mit Sicherheit keiner behaupten, die Stadt hätte voreilig oder unüberlegt gehandelt.“ Konstantin Nowotny

T

Tube Wer nur kam auf die Idee, dass ein Mensch es behaglich finden könnte, in einem Zug durch unterirdische Tunnel geschossen zu werden? Und das noch tief unter einer Millionenmetropole. Weit explosiver als die anfängliche Verwendung dampfkraftbetriebener, gasbeleuchteter Holzwaggons in der Londoner Underground ist die unheilvolle Mischung aus Berufspendlern und Touristen, die es im Strom der U-Tunnel dem Herzen Londons zutreibt. Damit Sie in der Tube nicht in die, ähm, Röhre schauen, hier ein paar Reisetipps für den Ernstfall: Vermeiden Sie unter allen Umständen den Blickkontakt mit Einheimischen! Nichts lässt einem Engländer rasanter das Blut in den Adern gefrieren als unaufgeforderter Blickkontakt, der schlimmstenfalls zu ungewollter sozialer Interaktion führen könnte. Umgehen Sie zudem kulturelle Fettnäpfchen auf den mehr als 400 Rolltreppen (Metro) der Tube. Stehen Sie rechts auf dem Escalator, vermeiden Sie jede Eskalation! Denn sosehr der gemeine Engländer die Kunst des Queuing (also des geordneten Anstellens) perfektioniert hat, auf rollenden Treppen ermattet ihn der Stillstand. Marlen Hobrack

Z

Zimmer Letztes Jahr sorgte eine ungewöhnliche Entdeckung in der Berliner U-Bahn für Aufsehen: ein komplett eingerichtetes Zimmer mit Sessel, Bett, gemusterter Tapete, sogar mit Yuccapalme. Offensichtlich unbewohnt zwischen den ratternden Zügen und Starkstromleitungen, da fragte man sich, was das Zimmer dort soll. Monate später beanspruchte eine Gruppe aus der Berliner Graffitiszene die Aktion ( Perfomance) für sich. Sie macht laut eigenen Angaben „autonome Kunst“ und steht für die „Annexion von Raum“. Gerade der „annektierte“ Raum sorgte wohl für die Faszination. Denn das Tunnelsystem, diese unbekannte, unwirtliche Welt, übt einfach einen ganz besonderen Reiz aus. Benjamin Knödler

06:00 25.01.2017

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