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Berliner Abende Kolumne

Bitte kaufen Sie ein großes Eis und gehen Sie damit auf der Uferpromenade flanieren! So steht es in großen Lettern am Ortseingang von Überlingen am schönen Bodensee, denn das Flanieren mit großem Eis ist die einzige sinnvolle Tätigkeit, die vom Touristen hier ausgeübt werden kann.

Der Bodensee, liebevoll auch Schwabenmeer genannt, ist so sauber, dass man im ganzen Land davon trinkt. Doch nicht nur das Wasser ist von großer Sauberkeit, auch die rings um den See liegenden Ortschaften. Sauber gepflasterte Straßen und Gassen, gepflegte Vorgärten, Schulen, Bäckereien, Metzgereien, Apotheken, Arztpraxen, Imbissstuben und Eisdielen. Die Uferpromenaden und Fußgängerzonen sind voller anständiger Menschen, die genauso angezogen sind wie die Schaufensterpuppen in den Schaufenstern. Brav tragen sie die bunten Plastikclogs, die zu Beginn der Sommersaison in die Schuhgeschäfte gestapelt wurden. Die dazugehörenden Kinder tragen große Eistüten vor sich her und sind an Spongebob-Schwammkopf-Ballons festgemacht, damit sie nicht verloren gehen. Auch die Jugend trifft sich an der Uferpromenade und nimmt in der Nachmittagsonne ein Bad. Gegenseitig schubsen sie sich ins Wasser, lassen Bälle übers Wasser peitschen, dürfen dazu auch die entsprechenden Geräusche machen, ehe sie sich wieder aufteilen in einen Jazztanzgruppen-, Ministranten- oder Musikschulenunterricht, der wiederum in gepflegten historischen Gebäuden stattfindet.

Den ganzen Tag schon bin ich im Zickzack zwischen den leise in den leuchtenden Gummistupfen daherstapfenden Familien hin- und herflaniert, wo wir uns gegenseitig beim Eis essen zugesehen haben. Pünktlich zur Abenddämmerung bin ich ganz erschöpft und ziehe mich zur Stärkung ins italienische Restaurant an die Bar zurück. Die Bar ist ein gemauertes Rechteck, an dessen Rand man auf Barhockern sitzt, die Ellbogen aufstützt und in den rechteckigen Barinnenraum hineinschaut, wo die Kellner ihrer Kellnerarbeit nachgehen. Flaschen werden geworfen und gefangen, es wird mit Eiswürfeln jongliert, die klingelnd im Glas landen, Eiskugeln werden aus der Hüfte geschossen. Die italienische Seele liegt uns zu Füßen. Schwarzhaarige Männer in langen Schürzen, die italienisch lachen, singen und tanzen, obwohl sie aus der Türkei, Pakistan und Vietnam stammen.

Staunend rühre ich in meiner Latte Macchiato, die mir soeben mit einer Pirouette serviert worden ist. Die Dame mir gegenüber, die ebenfalls in ihrer Latte rührt, hat sich meinem Rührtempo angepasst, das wiederum der zirkelnden Bewegung der Kellner nachempfunden ist.

Rührend bestellt sie gleich den nächsten Kaffee. Diesmal schwarz bitte! Für mich auch bitte!

Olala, schon wird zwinkernd serviert, bei ihr, bei mir.

Ein Kellner schleudert fliegende Untertassen aus der Spülmaschine, ein anderer fängt und sortiert sie ein.

Ich bestelle eine Portion Eis mit Sahne. Die Dame gegenüber auch. Mein Eis wird mit einem kandierten Herzen serviert, ihres mit einer funkensprühenden Wunderkerze. Wir sehen uns an und ordern gleichzeitig einen neuen Kaffee. Mit einer tiefen Verbeugung wird der Kaffee vor mir abgestellt, und ehe der Kellner wieder aufrecht steht, habe ich die Tasse Kaffee schon geleert. Die Frau gegenüber hält mir zum Wohl ihre Tasse in Höhe, denn ihr ist nicht entgangen, dass ich mir beim Kaffee exen arg den Mund verbrannt habe. Aber zur Kühlung habe ich schon eine Eiskugel eingesogen und schließe eines meiner aufgerissenen Augen zum Gruß.

Der nächste Kaffee wird vor mir, Ragazza, abgestellt. Die andere Ragazza zieht nach und bestellt auch, aber ich bin einen Kaffee voraus. Schon habe ich mein frisch geleertes Tässchen auf den Fußsohlen des im Handstand vorbei laufenden Kellners abgestellt, da kommt schon das nächste. O sole mio! Die Ragazza von drüben trinkt jetzt Espresso. Das ist unfair.

Jetzt fällt mir die Tasse aus der Hand, ich muss zweihändig weiter trinken. Noch mal fünf Kaffee schwarz auf ex, da kommt die drüben mit ihren drei Espressotässchen nicht mehr mit. Der Sieg! Ich habe dieses Kaffeeduell gewonnen!

Mit Olé! schleudere ich die letzten beiden Tassen in die Luft und werde von den Kellnern zum Siegeszug eine ganze Lokalrunde herumgetragen und draußen auf der Uferpromenade abgestellt.

Macht Platz da für die Lavazza-Ragazza!

Schnurstracks zum Hotel gestakst, kriege ich ums Verrecken nicht den Schlüssel ins Schloss. Immer wieder versuche ich es, aber es hat keinen Zweck. Ich muss hier weg. Jetzt. Sofort. Mein Auto fährt mich zurück nach Berlin. Links blinkend auf die A81 A3 A7 A71 A4 A9 A10. Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!


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00:00 24.08.2007

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