Übe, einen Witz zu machen!

Medientagebuch Schillerstraße oder Das allmähliche Verfertigen von komischen Aktionen beim Spielen

Am Tollsten geht es in der Schillerstraße (Sat1) zu, wenn die Schauspieler aus ihren Rollen heraustreten. Meist brechen sie dann in hemmungsloses Gekicher aus, schütteln sich vor Lachen und können sich gar nicht mehr beruhigen. Zuvor hatte jemand einen wirklich dummen Witz gerissen, eine bizarre Grimasse gezogen oder durch irgendeinen Einfall das Konzept, das sich andere so schön zurechtgelegt hatten, durchkreuzt. Die hohe Kunst der Improvisation gelangt an ihr Ziel: Der Zuschauer darf den Comedians beim allmählichen Verfertigen ihrer Aktionen beim Spielen zusehen.

Die Idee der Sendung ist ebenso einfach wie brillant: Man gebe ein Tagesmotto aus, stelle ein paar Komiker auf eine Bühne, flüstere ihnen gelegentliche Anweisungen ins Ohr und lasse sie ansonsten gewähren. Wenn die Sache gut läuft, entsteht überdrehter Stegreif-Slapstick, wenn es schief geht, wird es ein bisschen peinlich. Bei der Schillerstraße, der ersten reinen Impro-Show im deutschen Fernsehen, halten sich die peinlichen Momente in Grenzen. Am Anfang der vor über einem Jahr gestarteten Improvisationssendung gab es holprige Momente. Jetzt läuft alles wie geschmiert. Die Comedian-Truppe um Cordula Stratmann, Ralf Schmitz, Maddin Schneider, Michael Kessler und Annette Frier ist ein gut eingespieltes Team.

"Cordula, übe einen intelligenten Gesichtsausdruck", "Ralf, spiel den Klugscheißer" oder "Maddin, vor Aufregung verschlägt es dir die Sprache" lauten die Regieanweisungen des "Plot-Pusher". So nennt sich ein im Hintergrund agierender Spielleiter, der allenthalben in die frei flottierende Handlung eingreift, um dem Bühnengeschehen eine neue Wendung zu geben, den aktuellen Verlauf zu durchkreuzen oder auf den Punkt zu bringen. Ein Jahr lang hatte Georg Uecker, Schauspieler aus der Lindenstraße, sich in dieser Funktion bewährt. Man sah ihn im Regieraum, wie er den Schauspielern über Mikrofon und Ohrstöpsel manchmal etwas gemeine Direktiven erteilte. Jetzt flüstert Maike Tadzig, die Erfinderin der Impro-Show, den Akteuren ihre Anweisungen ins Ohr.

Nur der jeweils Angesprochene vermag die Insinuationen hören, während die anderen im Dunkeln tappen und sich auf fast alles gefasst machen müssen. Möglichst leichtfüßig haben sie auf eine neue Aufgabe oder eine plötzliche Plotwende zu reagieren, den Anweisungen Folge zu leisten, ohne sie plump auszuplaudern. Das Saalpublikum und der Fernsehzuschauer sind dabei im Bilde und formieren eine Verschworenengemeinschaft, da sie die Direktiven mittels Einblendungen verfolgen können. Notgedrungen nimmt man eine voyeuristische Rezeptionshaltung ein, und entwickelt eine klammheimliche Schadenfreude, wenn die Schauspieler ins Schwitzen geraten und sich ordentlich abarbeiten müssen. Andererseits freut man sich natürlich über jeden gelungenen Gag und lacht gerne mit.

Der Erfolg hängt allein an den Schauspielern. Mit deren Zusammenstellung hat die Kölner Produktionsfirma Hurricane eine kluge Wahl getroffen. Im Zentrum steht Cordula Stratmann, die sich ab 2002 mit ihrer Kunstfigur "Annemie Hülchrath" beim WDR in die vorderste Reihe deutscher Comedians vorgearbeitet hat. Stratmann, gelernte Familientherapeutin, weist genau die richtige Spontaneität auf, um entweder mit starrem Pokerface ihre Rolle durchzuziehen oder die Zügel fallen zu lassen. Im Gegensatz zum stets maßlos überdrehten Ralf Schmitz bleibt sie immer cool. Schmitz wiederum fungiert als Antipode zu Maddin Schneider, einem extrem laaangsamen Hessen mit zur Karikatur neigender Physiognomie, dessen Kunst darin besteht, sein Sprechen derart in die Länge zu ziehen, dass genügend Zeit bleibt, das für jeden antizipierbare Verbum am Satzende noch einmal umzubauen.

Neben dem festen Ensemble lädt sich die Schillerstraße gerne Gäste ins Haus. In solchen Momenten zeigt sich, wie Gruppenimprovisation funktioniert: Als geschickte Balance zwischen individuellem Stand-up und kollektiver Pointe. Der zugeworfene Ball darf schillern, aber er muss stets aufzufangen sein. Jeder darf sich mal weit aus dem Fenster lehnen, aber die anderen müssen ihn an den Beinen zurückziehen können. Notgedrungenerweise finden Gäste sich in dieser Konstellation nur schlecht zurecht. Als Oliver Pocher einmal zu Gast war, zeigte sich dessen Monomanie mit dem Gruppengeist der Schillerstraße schlichtweg als inkompatibel. Der vor kurzem anwesende Jürgen von der Lippe wiederum agierte derart verzagt, dass das gesamte Spiel der Truppe ins Trudeln geriet.

Bisweilen geht es reichlich aberwitzig zu in der Schillerstraße. Dann purzeln die Sprachbälle nur so durch die Luft, werden gewandt aufgefangen und blitzschnell in neue Pointen verwandelt. Der Esprit der Impro-Show bemisst sich immer auch an der Fähigkeit der einzelnen Schauspieler, ihr Talent zu ironisieren. Wie in der Folge Die Bewerbung, als ein ungelenker Maddin Schneider für ein Bewerbungsgespräch auf Vordermann gebracht werden sollte. In einer Szene tut Schneider so, als würde er die ihm ins Ohr geflüsterte Anweisung nicht verstehen, fragt zwei Mal laut nach, so dass selbst Cordula Stratmann inzwischen Bescheid weiß. Wohl um Zeit zu schinden oder weil ihm nichts Besseres einfällt, tritt Schneider aus dem Bühnenraum heraus, marschiert ins Publikum, um von dort aus auf die elektronische Texttafel zu starren, wo die Anweisungen für das Saalpublikum eingeblendet werden. Er kehrt zurück ins Spiel, hat unterdessen die Direktive vergessen, geht wieder ins Publikum und das Spiel von Regel und Übertretung beginnt von vorne.

Die Schillerstraße zählt im von amerikanischen Einkäufen geprägten Privatfernsehen zu den wenigen genuinen Formaten. Die Sendung ist hier entwickelt worden und verkauft sich inzwischen sehr gut auch ins Ausland. Ab Herbst soll ein Ableger im französischen Fernsehen zu sehen sein, auch das amerikanische Fox Television hat bereits eine Lizenz erworben. Als "beste Impro-Show" wurde die Schillerstraße erst unlängst mit dem deutschen Comedy-Preis bedacht.


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00:00 11.11.2005

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