Über böse Brücken sollt ihr gehen

Vom Mythos zum Mord Ismail Kadarés Roman "Die Brücke mit den drei Bögen" liest sich wie eine Metapher auf die neue Kolonisierung des Balkans

Seit ewigen Zeiten schon setzt die "altersdunkle Fähre" über das "böse Wasser", einen der tückischen Flüsse in Albanien, die sich so träge und breit in die Ebene ergießen und dann ganz furchtbar anschwellen können. Aber nichts bleibt, wie es ist, und so kommen eines Tages ausländische Geschäftsleute zu dem Fürsten, der mit der Gesellschaft "Kähne Fähren" als Fährbetreiber eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht hat, und verdrehen ihm mit ihrem "furchtbaren Kauderwelsch", einem Amalgam aus allen Sprachen der Welt, den Kopf. Sie wollen den Fürsten dazu bringen, ihnen den Auftrag für den Bau einer Brücke zu geben. "Schon immer hatte man Brücken gebaut, aber keiner konnte sich erinnern, dass je ein solche Aufhebens darum gemacht worden war." Im Albanien des 14. Jahrhunderts, weiß man in der Essenz durchaus, wie es draußen in der Welt zugeht und was man davon halten soll, auch wenn die Fremdlinge einen dauernd belehren wollen. Bekannt ist zum Beispiel, dass oben in Europa die "Jermanen" leben, die ihren Namen vom albanischen Wort für "Fieber" haben, weil in ihrem Land "wie im Fieber geredet wird". Als letztem Nationalepiker Europas fällt Ismail Kadaré auch zu anderen Völkern stets etwas Treffendes ein.

Ein erster Planer kommt nach Arberien ans Flussufer, dann der Baumeister, fremde Menschen aus dem Norden, die ständig irgendwelche mysteriösen Zahlenkolonnen addieren und von denen die weise alte Ajkune weiß, dass sie keine Seele haben und es einmal böse mit ihnen enden wird. Schlimme Ereignisse werfen ihren Schatten schon voraus, als die noch unfertige Brücke vom anschwellenden Wasser umtost und halb wieder zerstört wird. Der Baumeister ist rasch mit seinem Latein und sämtlichen anderen Weltsprachen am Ende.

Da nähert sich dem Ich-Erzähler, einem klösterlichen Chronist, aus dem Westen ein unbekannter Mann namens Brokhard, der einen guten Blick hat für das wilde Land und sich für albanische Sagen interessiert. Ein Spion, denkt der Mönch sich sogleich. Aber weil der Mann für die schönen Volksmythen ein so reges Interesse zeigt, lässt er sich doch zum Erzählen herbei, das mahnende Wort des Vaters vergessend, "dass jede Eroberung mit den Augen beginnt". Brokhard hört atemlos zu, aber mit seinen abseitigen Interpretationen voller "Gemeinheit, Niedertracht und Tücke" erweckt er doch den Argwohn des Mönchs. Besonders begeistert ist Brokhard von einer sehr bekannten Sage: Drei Männer bauen tagsüber eine Mauer, die jede Nacht wieder einstürzt. Sie beschließen, eine ihrer Frauen lebendig einzumauern, um dem Gebäude nach balkanischem Brauch eine Seele zu geben. Der Zufall soll entscheiden: Die, die am nächsten Tag den dreien das Essen bringt, soll dran glauben müssen. Zwei der drei Bauarbeiter verständigen insgeheim ihre Frauen, nur der dritte bleibt treu und muss eine Geliebte opfern. Die bittet sich aus, dass in ihrem Gefängnis ein Loch frei bleibt, aus dem sie ihre Kinder säugen kann.

Brokhard, der verständnisvolle Volkskundler, war tatsächlich ein Spion und läuft mit dem abgelauschten Geheimnis sofort zur Baufirma, um der die Geschichte zu erzählen. Die Firma, mit Banken in der Hafenstadt Durres eng verbandelt, sucht nun ein freiwilliges Opfer und bietet viel Geld, ordentlichen Nachruhm und Versorgung der Hinterbliebenen - "einen Tod auf Rechnung, mit Siegel und Gewinnanteil", wie der Chronist voller Abscheu notiert. Eines Morgens entdecken die Anwohner einen der Ihren tot auf der Brücke. Keiner kann sich erklären, warum der sonst unauffällige Murrash sich freiwillig geopfert haben sollte. Seine Mutter erkennt als erste, dass hier "nicht die Wassergeister durch ein Opfer gnädig gestimmt werden sollten, sondern dass ein schändliches Verbrechen verübt worden ist". Murrash hat sich offenbar von der Firma "Kähne Fähren", die das Projekt Brücke aus begreiflichen Gründen hintertreibt, als Saboteur anstellen lassen, ist von den Brückenbauern aber erwischt und umgebracht worden. Aus dem schönen Mythos wurde ein hässlicher Mord. Kapitalisten glauben nicht an Wassergeister, aber wenn sie ihnen nützlich sind, bedienen sie sich ihrer gern.

Es ist eine sehr runde Geschichte, die sich gut liest und vom bewährten Joachim Röhm in ein vorzügliches Deutsch übersetzt wurde. Man hat eine besondere Freunde an dem Roman, wenn man weiß, dass das Brückenbauen eine Art Obsession der Erfinder des Stabilitätspakts für Südosteuropa ist und dass die Balkanländer von ganzen Horden von Medienexperten, Volkserziehern, Rechnungsprüfern durchzogen werden, die alle brav ihren Beruf gelernt, aber von der unendlichen Weisheit des Volks dort in den ewigen Bergen keine blasse Ahnung haben. Für Feinschmecker sei hinzugefügt, dass es im Frühjahr in Prishtina zu einer misslungenen Begegnung zwischen dem albanischen Großliteraten Ismail Kadare und Michael Steiner gekommen ist, dem internationalen Verwalter des Kosovo, der aus Jermanien stammt. Steiner soll tatsächlich "wie im Fieberwahn" auf den alten Herrn eingeredet haben. Ist Steiner der Brückenplaner aus dem Roman? Das lädt zu köstlichem Rätselraten ein und bietet der Häme über die ebenso blöden wie arroganten Eroberer aus dem Westen reichlich Futter. Ismail Kadare und Peter Handke, der Anwalt der serbischen Kriegspartei, stricken offenbar an derselben romantischen Legende. War es nicht abzusehen, dass die balkanischen Völker bei aller Zerstrittenheit einst gemeinsam gegen McDonalds, Coca-Cola und deren geheime Agenten streiten würden?

Nur, ein Schlüsselroman über die neue Kolonisierung des Balkan kann das Werk schon deshalb nicht sein, weil es auf albanisch bereits 1978 erschienen ist.

Dass man es heute mit soviel Genuss und so vielen Aha-Erlebnissen lesen kann, muss einen eher stutzig machen. Erst bei näherem Hinsehen lässt sich feststellen, dass die Themen des Jahres 1978 doch nicht ganz die heutigen sind. Zwar kommt, ganz aktuell, die "wilde Gier der Slawen" vor, und die "Erdleute", die westlichen Kapitalisten, erregten beim Autor damals nicht minder Ekel als heute. Obsolet aber ist die Grant des Erzählers gegen die Türken. Die "Wasserleute", die naiven, vorkapitalistischen Bürger in Albanien, sind aus dem Blickfeld völlig verschwunden. Geblieben sind die aggressive und ressentimentgeladene Ausländerfeindlichkeit des Enver-Hoxha-Regimes, der nationalistische Schwulst und der für einen Revolutionär doch überraschende Konservatismus. Die Brücke mit den drei Bögen greift, vor allem im Bauopfermotiv, Gedanken aus Ivo Andric´s Brücke über die Drina auf und widerspricht ihnen diametral. Der Titoist Andric´ freut sich naiv über den Fortschritt, der Enverist Kadaré misstraut ihm.

Wer mag, darf einen ideologischen Zusammenhang zum albanischen Widerstand von heute konstruieren. Wer Kadaré kennt, wird es lassen. Wahrscheinlich aber konnten in der Volksrepublik Albanien 1978 bloß gerade keine Brücken gebaut werden, weil der Mörtel für Bunker gebraucht wurde.

Ismail Kadaré: Die Brücke mit den drei Bögen. Roman. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. Ammann Verlag: Zürich 2002, 218 S., 18,90 EUR

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00:00 11.10.2002

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