Über den eigenen Schatten springen

Einbildungskraft Überlegungen zur Aktualität Hannah Arendts aus Anlass ihres 100. Geburtstags

Weit über die Fachgrenzen hinaus erregte Hannah Arendt Aufsehen mit ihrem Buch über Eichmann in Jerusalem. Dieser Bericht von der Banalität des Bösen löste Anfang der sechziger Jahre von New York über Israel bis nach Deutschland empörte Reaktionen aus. Abgesehen davon, dass Arendt die Kooperation von Juden mit den Nazibehörden anprangerte, die den Holocaust indirekt erleichtert habe, diagnostizierte sie vor allem ein in ganz Europa, nicht nur in Deutschland weit verbreitetes verantwortungsloses Verhalten, das viele Menschen zu Mittätern an den Naziverbrechen gemacht habe. In einer autoritären Welt der militärisch gefassten Hierarchien, so Arendt, bemühten sich die Menschen häufig nur um ein reibungsloses Funktionieren ihres jeweiligen Apparates, ohne sich für dessen Auswirkungen irgendwie verantwortlich zu fühlen. Ja sie wiesen die Idee einer persönlichen Verantwortung sogar zumeist brüsk mit dem Hinweis von sich, sie hätten nur ihre Anweisungen befolgt.

Dass man so zum Täter avanciert und sich nicht hinter angeblichen Befehlsnotständen verstecken kann - diese Auffassung findet heute schon größere Anerkennung als noch vor dreißig Jahren. Einerseits sterben die damaligen Mittäter zunehmend aus. Andererseits transformierte sich die militarisierte Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts zunehmend in eine individualisierte Informationsgesellschaft. Heute fühlen sich mehr Menschen für ihre Um- und Mitwelt verantwortlich. Überhaupt hat das Verantwortungsbewusstsein im späteren 20. Jahrhundert eine steile Karriere gemacht. Wo doch heute schon jeder einsame Rauchers globale Verantwortung trägt ...

Aber auch das Böse zeigt heute wieder sein Gesicht, etwa wenn islamische Selbstmordattentäter überall auf der Welt möglichst viele Menschen mit in den Tod reißen möchten, um in den Himmel zu den Jungfrauen zu kommen. Unauffällig und bürokratisch wie Eichmann tritt dieses "Böse" aber nicht gerade auf den Plan. Schließlich übernehmen diese Täter im Bekennervideo meist selbst die Verantwortung für ihre schrecklichen Taten. Angesichts dieses Phänotypus verblasst Arendts Analyse von der Banalität des Bösen heute eher, wiewohl sie mit ihrem Urteil über Eichmann durchaus einen zentralen Nerv der Moderne traf.

Ähnlich verhält es sich hinsichtlich ihres Hauptwerkes über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, mit dem sie 1951 berühmt wurde. Mit diesem Werk beschleunigte sie wesentlich die Debatte über den Totalitarismus, die mit dem Epochenjahr 1989 keineswegs an ihr Ende gelangte. Auf der einen Seite hat die Debatte durch fundamentalistisch verfasste Gottesstaaten eine Erweiterung erfahren. Auf der anderen Seite rückt seit dem Niedergang der westlichen Militärdiktaturen in Europa wie in Südamerika die unmittelbare Bedrohung durch totalitäre Regime wieder weiter weg. Auch von daher gesehen erscheint Arendts Werk nicht mehr besonders aktuell.

Ganz anders sieht das wieder bei ihrem ersten Werk aus, dem Buch über Rahel Varnhagen - Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, das sie 1930 beginnt und nach der Flucht aus Deutschland 1938 in Paris vollendet. Die 1906 bei Hannover Geborene und in Königsberg Aufgewachsene, die bei Karl Jaspers in Heidelberg promoviert, in Freiburg bei Edmund Husserl und in Marburg bei Martin Heidegger studiert hat, erkennt bei der um 1800 in Berlin lebenden Varnhagen, dass Assimilation in einer judenfeindlichen Gesellschaft nur gelingt, wenn man als assimilierte Jüdin auch den Judenhass übernimmt. Eine Einsicht, die man durchaus auf die Forderungen nach "Integration" von Ausländern übertragen kann. Erwartet man nicht auch vom integrierten Ausländer insgeheim, dass er sich gegen den weiteren Zuzug von Ausländern ausspricht?

Nach einer Inhaftierung 1933 in Berlin, einer Internierung in Frankreich während der deutschen Besetzung, einer Flucht aus dem Lager, die sie wie durch ein Wunder wieder mit ihrem zweiten Mann Heinrich Blücher und ihrer Mutter zusammenbringt, gelangt Arendt 1941 nach New York. Zehn Jahre später, nach 18 Jahren als staatenloser Flüchtling, den niemand haben will, nimmt sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie arbeitet als Lektorin, Hochschulprofessorin und als Autorin. Sie engagiert sich für den jüdischen Wiederaufbau in Europa und weissagt Israel genau jene Probleme, unter denen es heute leidet. Andererseits übergeht sie - wohl aus Dankbarkeit dafür, wieder eine Heimat gefunden zu haben - so manche Schattenseite der neuen Welt, beispielsweise die Rassentrennung in den US-Südstaaten.

In ihrem vielleicht bedeutendsten Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben vertritt sie 1958 merkwürdig anmutende Thesen: Politisches Handeln heißt für Arendt Kommunikation in der Öffentlichkeit. Daraus darf auch das eine oder andere Gesetz hervorgehen. Primär indes hat es seinen Zweck in sich selbst, eben darin dass sich Menschen miteinander über die öffentlichen Angelegenheiten austauschen, dass sie an politischen Angelegenheiten partizipieren und dadurch zu Trägern des Gemeinwesens werden. Bei dieser Art von Politik müssen keine ständigen Reformen oder Gesetzesänderungen herauskommen. Handeln, das etwas hervorbringen soll, ein Gesetz oder auch ein Kunstwerk, nennt Arendt bloßes Herstellen. Es ist der Kommunikation genauso unterlegen wie das Arbeiten, das sich ständig bloß wiederholt, gleichgültig ob als Hausarbeit oder als ökonomische Tätigkeit, die beide private Bedürfnisse befriedigen.

Hat uns das in einer Welt noch etwas zu sagen, in der die Arbeit und nicht die Kommunikation, schon gar nicht die politische, in der Öffentlichkeit das höchste Ansehen genießt? Obwohl Arendts Thesen antiquiert anmuten, halten sie doch eine wichtige Erinnerung fest: Menschen leben miteinander, indem sie sich austauschen, indem sie kommunizieren. Darin erfüllt sich vielmehr ihre Lebendigkeit, in der Freundschaft, in der Liebe, in der Politik. Doch bereits die Religion richtet den Menschen auf ein jenseitiges Ziel aus. Im modernen Arbeitsleben verdient der Mensch Geld, um sich danach etwas kaufen und konsumieren zu können. Arbeiten ist eben kein Selbstzweck wie das miteinander Sprechen.

Dass Leben primär Kommunizieren bedeutet, das führt Arendt auch 1963 in ihrem weniger bekannten, aber vielleicht besten Buch Über die Revolution vor: Von den drei großen Revolutionen der Neuzeit, der amerikanischen, der französischen und der russischen, glückte allein die amerikanische, und zwar nicht nur weil diese nicht im Blut versank. Vielmehr begründete sie mit dem Parlamentarismus einen Ort, in dem über die öffentlichen Angelegenheiten frei diskutiert werden konnte. Gespräche verbinden und in Form der Öffentlichkeit konstituieren sie ein Gemeinwesen. Um Freiheit und Demokratie zu sichern, klammert man sich heute meist aber lieber an Institutionen und Strukturen.

Arendt traut weder allein den Institutionen noch der ansonsten heute so populären Ethik über den Weg. Beide zusammen konnten weder die Nazidiktatur noch den Holocaust verhindern. Sie fordert dagegen das verantwortliche Engagement der Bürger. Verantwortung - ein Begriff des 20. Jahrhunderts - orientiert sich weniger an den ethischen Normen als an den Folgen des Handelns. Wer sich engagiert, so Arendt, setzt sich leidenschaftlich ein, tut nicht nur seine Pflicht.

In ihrem unvollendeten Spätwerk Vom Leben des Geistes fragt sie nach den Fähigkeiten, die man bei solchem verantwortlichen Engagement braucht, solches, wie es die westdeutsche Bürgerinitiativbewegung oder die Protagonisten der Wende 1989 vorführten. Zu diesem Engagement gehörten für Arendt vor allem Denkvermögen und Vorstellungskraft, um die Zusammenhänge zu begreifen, in denen man lebt und handelt. Nur so könne man die Folgen erkennen, die das Handeln nach sich zieht: Jener Eichmann, der Organisator des Holocaust, der ja nur die Züge in die Konzentrationslager fahren ließ, konnte sich - so Arendt - nicht vorstellen, was er anstellte.

Um die Folgen abschätzen zu können, braucht man aber auch einen realistischen Blick auf die Welt der Tatsachen. Arendt ist sich bewusst, dass die Feststellung von Tatsachen sich häufig auf Zeugen stützen muss, die sich täuschen können, dass totalitäre Regime Tatsachen gern manipulieren. Um so wichtiger erscheint ihr die Tugend der Wahrhaftigkeit, die intellektuelle Integrität, ohne die es keine Wissenschaft und auch keine Politik gibt, die diesen Namen verdient. Gerade weil Tatsachen keineswegs unumstößlich sind oder zweifelsfrei, muss man sich um so mehr um richtige Einsicht bemühen. Dazu bedarf es vor allem der Urteilskraft.

In einer pluralistischen Welt vertreten die Zeitgenossen verschiedene Weltanschauungen mit zum Teil sogar gegensätzlichen ethischen Grundprinzipien. Daher muss man sich sowohl im Hinblick auf die Tatsachen als auch hinsichtlich ihrer moralischen Bewertung um Übereinstimmungen zwischen Menschen mit verschiedenen Standpunkten bemühen - eine wichtige Aufgabe in dem drohenden Krieg der Kulturen und Religionen. Auch um die Vorstellungen anderer Menschen nachzuvollziehen, braucht man nach Arendt Einbildungskraft. Schließlich muss man von seinen eigenen Urteilen und Meinungen absehen, die Welt und die anderen Menschen unparteiisch betrachten können. Nur auf diese Weise gelangt man zum Verständnis von anderen Weltanschauungen und Lebensformen. So lautet denn auch Arendts Anspruch: "Ich will verstehen."

Zur Verständnisförderung greift Arendt auf Immanuel Kants Idee einer "erweiterten Denkungsart" zurück. Wenn man den anderen Menschen verstehen will, dann muss man zunächst über seinen eigenen Schatten springen, genauer von sich selbst, seinen eigenen Prinzipien absehen. Man muss schließlich seinen Horizont erweitern, indem man sich in die Lage eines anderen Menschen hineinversetzt, nicht um ihn leichter hinters Licht zu führen, sondern um seine Urteile und Einschätzungen nachzuvollziehen. Wenn man unter den Bedingungen der Globalisierung in einer pluralistischen Welt der vielen Weltanschauungen lebt, wenn die Menschen also keine gemeinsamen obersten Werte mehr verbinden, dann braucht man vor allem derartige Kompetenzen oder Tugenden: Denkvermögen, Urteilskraft, Wahrhaftigkeit. Dazu reichen ethische Normen alleine nicht aus. Das erkannt und durchdacht zu haben, darin liegt die aktuellste Seite der Philosophie von Hannah Arendt.


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00:00 13.10.2006

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