Über die Rattenlinie

Rechenschaft In "Odessa. Die wahre Geschichte" zeichnet der argentinische Journalist Uki Goñi nach, wie NS-Verbrechern nach dem Krieg zur Flucht verholfen wurde

"Es ist keine Schande, alte Nazi-Verbindungen einzugestehen. Schändlich ist es, Beweise zu manipulieren. Wir sollten aufhören, zu übertünchen, was uns nicht gefällt." So appelliert Uki Goñi, der Autor von Odessa. Die wahre Geschichte nicht nur an seine Leserschaft sondern mit Sicherheit explizit an verantwortliche Politiker, besonders in Argentinien.

Der argentinische Journalist hat sich die Aufgabe gestellt, die Beziehungen zwischen Argentinien und dem nationalsozialistischem Deutschland näher zu untersuchen und dabei besonders die Fluchthilfe-Netzwerke der Nazis zu erforschen. "ODESSA war eine verschwörerische Geheimorganisation der SS, die dazu diente, Kriegsverbrecher aus Deutschland herauszuschleusen und nach Südamerika zu bringen", so Simon Wiesenthal, der bekannte Nazi-Jäger. Allerdings kursierten bislang zum Thema Odessa (Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) eher anregende Phantasien wie der 1972 von Frederick Forsyth veröffentlichte Roman Die Akte Odessa als fundierte Forschung mit belegbaren Ergebnissen.

Mutig beendet Goñi diesen Zustand, Motiv ist nicht zuletzt eine belastende, familiäre Verstrickung in die antisemitische Politik Argentiniens während des Nationalsozialismus. Bereits 1938 untersagte das argentinische Außenministerium in einer geheimen Anweisung, jüdischen Menschen, die der mörderischen Politik der Nationalsozialisten entkommen wollten, Visa auszustellen. Uki Goñis Großvater, in den dreißiger und vierziger Jahren Konsul in Wien, Genua und Bolivien, befolgte die Anweisung strikt.

Goñi wurde als Sohn eines argentinischen Diplomaten in Washington geboren und lebte in den USA, Argentinien, Mexiko und Irland. 1975 entschied er sich, Buenos Aires zu einem Lebensmittelpunkt zumachen, dort blieb er auch während der Jahre der Militärdiktatur (1976-1983) und arbeitete anfangs journalistisch für den Buenos Aires Herald, später für die New York Times, oder Time Magazine in den USA, für den Guardian oder den Observer in Großbritannien. Bei der Veröffentlichung im Jahre 2002 in Argentinien erfuhr Goñis Odessa große Aufmerksamkeit und eröffnete eine gesellschaftliche Debatte über Komplizenschaft und Schweigen. Themen, die gerade auch durch die argentinischen Militärdiktatur mit ihren Zehntausenden Verschwundenen immer noch aktuell und längst nicht bewältigt sind, aber auch für Deutsche nach wie vor Bedeutung haben.

Goñi recherchierte für den vorliegenden Titel mehrere Jahre lang akribisch in Archiven in Argentinien, den USA und Europa. Es gelang ihm, bislang unbekannte Quellen zu erschließen. Zudem führte er zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen. Er musste allerdings auch feststellen, das viele möglicherweise aufschlussreiche Akten vernichtet beziehungsweise geschwärzt worden waren. Unmittelbar nach der Veröffentlichung 2002 skandalisierte das Wiesenthal Center in New York öffentlich das Zurückhalten von relevanten, dem Autor bekannten Geheimakten. Immerhin gab die argentinische Einwanderungsbehörde daraufhin drei der beantragten 58 Dokumente heraus.

Das spannende Ergebnis Goñis unermüdlicher Arbeit ist ein erstes Standardwerk über die Fluchthilfe-Routen der Nazis, Dreh- und Angelpunkt war das mit den deutschen Faschisten sympathisierende Argentinien unter Peron. Mithilfe der bereitwilligen und äußerst praktischen Unterstützung des Vatikans unter Papst Pius XII. gelang es etlichen Kriegsverbrechern, sich der juristischen Verfolgung zu entziehen. So konnte Goñi im englischen Nationalarchiv in London einen Briefwechsel zwischen dem Vatikan und der britischen Regierung einsehen. Konkret bat das damalige Staatssekretariat des Vatikans im Namen des Papstes die Alliierten, vier kroatische Kriegsverbrecher nicht aus alliierten Kriegsgefangenenlagern auszuweisen und nach Jugoslawien auszuliefern, wo sie für ihre begangenen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Die Gesuchten konnten mithilfe kroatischer Priester und des Vatikans entkommen.

Der kroatische Franziskaner-Geistliche Krunoslav Dragonovic gilt als Kopf der Nazi-Fluchthilfeorganisation, wichtiger Mitorganisator und konkreter Fluchthelfer war der österreichische Bischof Alois Hudal. Mit seiner Hilfe konnte zum Beispiel der erste Kommandant des Vernichtungslagers Sobibors und spätere Kommandant Treblinkas, Franz Stangl, entkommen. Am 30. Mai 1948 gelang Stangl die Flucht aus amerikanischer Gefangenschaft, er gelangte über Italien nach Damaskus. Von 1951 bis zu seiner Entdeckung im Jahre 1967 durch einen Überlebenden wohnte er in Brasilien. Im Gegensatz zu anderen über die so genannte "Rattenlinie" Geflohene wurde er zur Rechenschaft gezogen: 1970 wurde Franz Stangl in Düsseldorf wegen Beteiligung am Mord an mindestens 400.000 jüdischen Menschen zum Tode verurteilt. Er starb 1971 in Haft.

Goñi stellt mit seiner Veröffentlichung den 1999 publizierten, von der argentinischen Regierung in Auftrag gegebenen Abschlussbericht über die Einreise von Nazis mehr als in Frage: Im offiziellem Bericht werden 80 Kriegsverbrecher, die nach Argentinien entkamen, angeführt. Goñi kann aber durch seine fundierte Recherche eine Zahl von mindestens 300 ehemaligen NS-Funktionären, darunter so schrecklich bekannte Namen wie Klaus Barbie, Adolf Eichmann, Josef Mengele, Erich Priebke, Josef Schwammberger und Gustav Wagner belegen.

Dank dem kleinen Verlag Assoziation A liegt dieses Buch nun auch in deutscher Sprache vor und ermöglicht einen ernüchternden, gleichzeitig aufschlussreichen Einblick in die Geschehnisse nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Goñi kann aber noch einen weiteren Erfolg verbuchen: 2005 wurde durch die Regierung Kirchner endlich die Geheimanweisung, die jüdischen Menschen ab 1938 die Einreise nach Argentinien unmöglich machte und die sein Großvater umsetzte, öffentlich widerrufen. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie noch in Kraft.

Uki Goñi: Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Aus dem Englischen von Theo Bruns und Stefanie Graefe. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2006, 400 S., 22 EUR


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