Über ein »Spiel der Geschlechter« ist mir nichts bekannt ...

Queer Politics Im Mai diesen Jahres war Judith Butler zwei Wochen lang Gast der American Academy in Berlin. Per E-mail beantwortete sie einige Fragen zu neuesten Stand der Queer-Bewegung

Freitag: Wenn man Ihre Bücher liest und Ihre Vorträge hört, dann scheint es so, als sei »queer« das Erbe feministischer und schwullesbischer Politik und würde diese ersetzen. Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen schwul-lesbischer Politik und »queer politics«?

Judith Butler: Ich denke, wir sollten politische Formationen wie »queer« und »schwul-lesbisch« nicht so behandeln, als existierten sie im Sinne einer voranschreitenden Geschichte, innerhalb derer eine Formation die andere ablöst. Nach meinem Verständnis führt der Weg zu einer breiten Bewegung immer über die Bekämpfung von Homophobie, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und anderen Formen sexueller Diskriminierung [gender discrimination*], und zwar auf unterschiedlichen Wegen und mit einer Vielzahl institutioneller und nicht-institutioneller Mittel. Queer-Perspektiven tragen vieles zu einer solchen Bewegung bei. Das heißt aber nicht, dass ich denke, alle Taktiken oder Strategien sollten queer werden. Mir scheint, es gibt ganz unterschiedliche Ansichten darüber, welche Rolle Identität in politischen Zusammenhängen spielen sollte, besonders wenn es um Sexualität und Geschlecht [gender] geht. Und wir müssen einsehen, dass viele Menschen sich von der Politik Anerkennung und Schutz ihrer Identitäten wünschen. Dagegen habe ich gar nichts. Auf ein Antidiskriminierungsgesetz, das Identitäten voraussetzt und sie gesetzlich verankert, sind wir sogar angewiesen. Aber wollen wir die auf gesetzlicher Ebene verankerten Identitäten zu Normen erheben? Sind Anerkennung und Huldigung von Identität das Endziel der Bewegung? Gibt es nicht Möglichkeiten, flexible oder nicht-fixierte Identitäten als Teile der Bewegung anzuerkennen, sich lieber auf die Bekämpfung von Homophobie und von Gewalt gegen transidentische Menschen [trans people] zu konzentrieren und sich mit antirassistischen Bündnissen zusammenzuschließen? In welchem Maße verhindern wir mögliche Bündnisse, wenn wir der Identität verhaftet bleiben?

Zehn Jahre ist es nun her, dass Judith Butler, Rhetorik-Professorin in Berkeley, mit ihrem Buch Gender Trouble (Das Unbehagen der Geschlechter, 1991) in Deutschland schlagartig bekannt wurde. Aufsehen erregte ihre Abhandlung vor allem, weil sie dem Ungenügen der feministischen Theorie an ihrem Umgang mit der Kategorie »Geschlecht« Ausdruck verlieh. Trotz ihres nicht leicht zugänglichen Schreibstils avancierte Butler mit den Konzepten des »doing gender« (Geschlecht ist eine Handlung, kein naturgegebener Zustand) und ihrer Kritik am Modell der Zweigeschlechtlichkeit als heterosexuell-normativem Konstrukt zur Ikone der Gender-Theorie. Verunsicherung der Geschlechtskategorien und Anti-Biologismus sind zwei wesentliche Merkmale dieser Richtung, die sich nicht mehr auf Identitätspolitik im klassischen Sinn beruft. Mit einem zweiten großen Buch, Bodies That Matter (Körper von Gewicht, 1995), antwortete Butler auf die Kritiker, die ihr vorwarfen, sie beachte den Körper nicht und sehe im Geschlecht nur eine linguistische Tatsache. Etwas später griff Butler in Excitable Speech (Hass spricht, 1998) die amerikanische Debatte um Redefreiheit und Diskriminierung auf. Sie vertritt hier die These, dass Verbote nicht gegen hate-speech (diskriminierende Rede) nutzen, und schlägt vor, beleidigende Sprache stattdessen politisch anzueignen und neu zu definieren. Ein Beispiel für eine gelungene Subversion wäre das ehemals als Schimpfwort verwendete »queer« (oder hierzulande »schwul«), das heute positiv der Bezeichnung einer ganzen Bewegung dient. In deutscher Übersetzung sind in diesem Jahr zwei Bücher von Butler erschienen, die auf Vorlesungen beruhen: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung (Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 19,90 DM) und Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod (Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M., 17,90 DM).

Obwohl Sie mit Foucault eher den Begriff der »Macht« als den der »Repression« verwenden, bekämpfen Sie Heterosexismus als eine Form der Unterdrückung. Mit der Durchsetzung des Rechts auf Ehe oder Lebenspartnerschaft und mit zunehmender sozialer Anerkennung scheint Homosexualität nun aber reichlich normal zu werden. Welche Ziele bleiben für schwul-lesbische Politik, wenn wir in Zukunft allesamt gute, wohlintegrierte Bürgerinnen und Bürger sind? Glauben Sie, schwule und lesbische Themen werden langweilig, oder erwarten Sie auf diesem Gebiet weitere intellektuelle Abenteuer?

Wenn die Bewegung jemals langweilig wird, dann in dem Moment, in dem wir wirklich ein Ende jener Gewalt absehen können, der Menschen aufgrund ihrer Sexualität, ihres Geschlechts [gender] oder ihrer Rasse ausgesetzt sind. Ein solches Ende sehe ich nicht. Dass inzwischen Rechte auf Partnerschaft gesetzlich garantiert werden, bedeutet nicht, dass es keine physische und psychische Gewalt gegenüber »queer« und »trans people« mehr gibt. Und ich staune auch darüber, wie sehr HIV und Aids bei einigen Menschen von der Tagesordnung verschwunden sind. Sämtliche Erfolge, die im Bereich der Gesetzgebung erzielt wurden und die schwule Sexualität normalisieren, wurden zumindest teilweise auf Kosten einer Auseinandersetzung mit der anhaltenden Aids-Krise erzielt, die globale Ausmaße angenommen hat. Ich halte es für eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt, effektiv und finanziell abgesichert am Umgang mit der Aids-Krise in Afrika zu arbeiten und dieses sehr ernste Thema zu nutzen, um wichtige internationale Netzwerke der Solidarität voranzubringen. Im Übrigen sollten wir weiterhin die psychologischen und psychiatrischen Grundlagen überdenken, die festlegen, was ein lebenswertes Leben ausmacht. Wenn »queer people« professionelle Psychologen konsultieren, dann gibt es immer reichlich Grund zur Sorge - denn dort lebt und gedeiht die heterosexuelle Norm.

Der Spätkapitalismus erzeugt die Vorstellung des »anything goes«, der flexiblen und vielfältigen Patchwork-Identitäten. Ist also »queer« nicht einfach nur Spiegelbild eines anhaltenden sozialen Wandels (sogar Heterosexuelle werden »queer«, und »schwul ist cool«)? Warum glauben Sie, »queer« sei politisch fortschrittlich?

Ich verstehe das nicht ganz. Immerhin ist »queer« als ein Begriff entstanden, der ganz ausdrücklich darauf abzielte, der erniedrigenden Wirkung von Sprache und öffentlicher Darstellung entgegenzuwirken. Er bot außerdem die Möglichkeit, öffentliche Räume zu erobern und dramatisch und lautstark zu fordern, endlich die vielen Demütigungen zu unterlassen, denen sexuelle Minderheiten bis heute ausgesetzt sind. Und »queer« bleibt eine wichtige Möglichkeit, sexuelle Vielfalt zu würdigen. Die Vorstellung, ausgerechnet feststehende Identitäten arbeiteten dem Spätkapitalismus nicht in die Hände, ist doch ein Witz, oder nicht? Tatsache ist einfach, dass es keine Rolle spielen sollte, ob Sie bi oder trans sind oder zufällig gerade einen Wechsel von schwul nach hetero oder von hetero nach schwul hinter sich haben. Sie sind allemal willkommen in einer Bewegung, die der Bekämpfung von Homophobie und sexueller Diskriminierung verpflichtet ist. »Queer« stößt Demokratisierung an und sagt: Wir verlangen keinen Identitätsnachweis, wenn du zu unseren Treffen kommst.

Sie sagten, französische Zeitschriften sähen in Ihnen ein Monster der Zukunft, da Homosexuelle künstlich Kinder fabrizierten. Welche Chancen verbinden Sie mit künstlicher Befruchtung? Hätten Sie und Ihre Partnerin lieber ein »echtes eigenes Kind«? Und wenn ja, warum?

Eigentlich wurde ich nur einmal als Monster bezeichnet, deshalb wäre es falsch, von »den französischen Zeitschriften« zu sprechen. Mein Eindruck war, dass ich zum Monster nicht nur wurde, weil ich Amerikanerin bin, sondern auch, weil meine Theorie die Rolle der biologischen Differenz im Denken über Geschlechterdifferenz [sexual difference] in Frage stellt. Ich weiß nicht genau, was »künstliche Befruchtung« sein soll, da die Bezeichnung voraussetzt, dass wir wissen, was »echte« Befruchtung ist. Und was unter dem Namen »echt« daherkommt, neigt dazu, eigentlich ein sehr spezielles soziales und sexuelles Arrangement zwischen Heterosexuellen zu sein. Warum nennen wir so etwas »echt«? Ich kann deshalb Ihre Frage nicht beantworten. Ich habe meinen Sohn adoptiert, und adoptierte Kinder gehören »echt« zu ihren Eltern. Auch bei Flüchtlingskindern sollten wir davon ausgehen, dass sie ein »echtes« Zuhause haben. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass biologische Eltern und Adoptiveltern nicht gleichermaßen »echt« sind. Ansonsten werten wir den biologischen Anfang als das Zeichen für Echtheit. Und wie die Kinder tatsächlich leben, wo sie tatsächlich geliebt und wie sie erzogen werden, gilt irgendwie als »unecht«, selbst wenn es sich um ihre gesamte Lebenserfahrung handelt. All diese Kategorien müssen sich auf jeden Fall ändern.

Sind »schwul«, »lesbisch« und vielleicht sogar »queer« Identitäten? Was glauben und was hoffen Sie, wie die Zukunft der Geschlechter [sexes] und die Zukunft der Homosexualität aussehen wird? Wird es sie überhaupt geben, wenn wir mit verschiedenen Geschlechtern [sexes] spielen? Und was kommt nach queer?

Über ein »Spiel der Geschlechter [sexes]« ist mir nichts bekannt. »Queer« ist gewiss keine Identität, sondern beschreibt die Mobilität von Begehren und Geschlecht [gender]. Diese Mobilität kann aber nicht auf ein postmodernes »Spiel« reduziert werden. Viele Männer fühlen sich als Frauen, viele Frauen als Männer, und diese Trans-Identität ist sehr oft tief verwurzelt und erzeugt Leid, wenn sie nicht anerkannt wird - wir haben es also mit ernsthaften psychischen, sexuellen und politischen Themen zu tun. Wiederum kann ich deshalb der Vorannahme Ihrer Frage nicht zustimmen.

Können Sie uns sagen, was das Tolle an nicht-monogamen Beziehungen ist?

Ich denke, jede Beziehung ist ein empfindsamer Aushandlungsprozess, denn wir müssen Vertrauen gewinnen, und Neues kann nur dann entstehen und aufrecht erhalten werden, wenn es einem nicht als »Prinzip«, »Modell« oder »Vertrag« aufgezwungen wird. Auf diese Weise findet jeder einen eigenen Weg. Die eigentlich wichtige Frage ist doch: Was ist das Tolle an Beziehungen? Und unter welchen Bedingungen können sie funktionieren? Und dann können wir uns darüber unterhalten, was toll und was weniger toll ist, an Monogamie, an Nicht-Monogamie und so weiter. Aber da sind wir wohl alle etwas naiv.

Übersetzung: Arne Dekker

Begriffe in eckigen Klammern und Kursivsetzungen: engl. Original

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00:00 31.08.2001

Ausgabe 42/2021

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