Über Hadîthe und Adab

Reichtum Wiebke Walthers "Geschichte der arabischen Literatur" im Überblick

Weit ab vom andernorts viel beschworenen "Kampf der Kulturen" zeigt Wiebke Walther in ihrer Kleinen Geschichte der arabischen Literatur, dass die arabische Welt anderes zu bieten hat als Fundamentalismus, Terrorismus und Mangel an Demokratie. Die Tübinger Arabistin taucht in mehr als 15 Jahrhunderte arabische Literatur-, Kultur-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte ein, die - anders als das gegenwärtig gängige Klischee der gewaltbereiten, rückwärtsgewandten islamischen Welt besagt - dem Leser das reiche Erbe einer Zivilisation vor Augen führt, mit der uns Europäer mehr verbindet als trennt.

Als die Völkerwanderung in Europa langsam an ihr Ende kam, entwickelte sich an den großen arabisch-islamischen Höfen in Damaskus, Bagdad und anderen Metropolen die Dichtung rasant. Die Autoren verfassten Lob-, Schmäh-, Liebes-, Wein-, Jagd- und Naturgedichte, gossen ihre mystischen und philosophischen Gedanken in Verse. Besonders in den Liebesgedichten gaben sie sich ihrer Sinnlichkeit hin: Besungen werden Jünglinge und Frauen, deren mond- und sonnengleiche Antlitze, schwarze Gazellenaugen, granatapfelähnliche Brüste, sandhügelgleiche Hüften und pralle Hinterteile die Dichter schwelgen lassen. Die frivole Dichtung enthält einen sexuellen Slang, der teilweise noch heute geläufig ist. "Meine Gedichte müssen solche Obszönitäten enthalten", entschuldigte sich der Poet Ibn al-Haddschâdsch einmal.

Der Koran ist nicht nur Gesetzbuch der Muslime, sondern auch das Meisterwerk arabischer Dichtkunst, ohne den die heutige arabische Literatur undenkbar wäre. Als Konglomerat verschiedener Sprachstile umfasst er literarische Einflüsse nicht nur der (heidnischen) arabischen Halbinsel, sondern auch der Nachbarländer Byzanz und Persien.

Eine wichtige Literaturgattung stellen die Hadîthe dar, Sammlungen von Aufzeichnungen über Mohammed und seine Familie sowie ihre als vorbildlich angesehenen Lebenshaltungen, die für die Muslime bis heute von großer Bedeutung sind. Spannende Reiseberichte geben schon in früher Zeit Zeugnis davon, dass es im Mittelalter vor allem die Araber waren, die bis an die Grenzen der damals bekannten Welt reisten, nach Andalusien und Sizilien im Westen, nach Indien und China im Osten.

Die angesehenste Literatur der klassischen Zeit bis ins 18. Jahrhundert hinein, und von Wiebke Walther sehr genau unter die Lupe genommen, ist die Adab genannte "Erbauungs"-Literatur der gebildeten, städtischen Oberschicht. Adab-Werke sind meist eine Mischung aus verschiedenen Poesie- und Prosastilen, in deren Fließtext sich oft Gedichte, Koranzitate, Hadîthe, Aphorismen, Anekdoten und Sprichwörter einfügen. Keiner könnte es besser auf den Punkt bringen als der Literat Jâkût al-Hamâwi (1179-1229): "Pflegt den Adab, denn er ist der Gefährte auf öden, gefahrvollen Steppen- und Wüstenreisen, angenehmer Unterhalter in zivilisierten Kreisen, Begleiter in der Einsamkeit, Schönheit bei menschlicher Gemeinsamkeit, Grund zur Suche nach des Lebens Notwendigkeit". Dem ist eigentlich auch aus heutiger Sicht nicht viel hinzuzufügen.

Ein frühes bekanntes Adab-Werk ist die Fabelsammlung Kalila und Dimna, in der - wie in den Fabeln Lafontaines - verschiedene Tiere als Protagonisten der Mächtigen und Schwachen auftauchen: Schakal, Taube, Rabe, Maus, Schildkröte, Gazelle und andere. Einer der geistvollsten und vielseitigsten Adab-Dichter überhaupt war al-Dschâhiz (767/68-868/69), der mit seinen über 200 Schriften in das religiöse, literarische, politische und soziale Leben seiner Zeit eingriff. Als Anhänger der später verfolgten Mu´taziliya, die mit ihrer Lehre von der "Erschaffenheit des Korans" die Glaubensvorstellungen der orthodoxen Muslime angriff, vertrat er progressive Ideen, empfand die am Rande der damaligen Kulturwelt lebenden weißhäutigen Menschen als "Wilde" und setzte sich für die Bildung der Frauen ein.

Eine Brückenfunktion in der Vermittlung des griechisch-hellenistischen Gedankenguts zwischen Antike und europäischem Mittelalter kam den Philosophen al-Farâbi (ca. 870-950) und Ibn Ruschd (Averroes, 1126-1198) zu. In Anlehnung an Platons Staat schrieb al-Farâbi die Prinzipiellen Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, nach denen allein die Philosophen imstande sind, das sittliche Wertesystem zu erkennen und den Staat zu regieren. Ibn Ruschd fertigte Übersetzungen und Kommentare zu Platon an und beeinflusste damit die europäische Scholastik ebenso wie der große neuplatonische Philosoph, Mediziner und Mystiker Ibn Sîna (Avicenna, 980-1037). Insbesondere letztere wurden im Abendland ins Lateinische übersetzt, kommentiert und schließlich widerlegt und angefeindet.

Der Ritter Usâma Ibn Munqidh (1095-1188), der zur Zeit der heute noch bei Kriegen im Nahen Osten gerne angeführten Kreuzzüge in Syrien lebte, berichtet in seinen Memoiren zwar von Grausamkeiten aller Art. Er erzählt aber auch, dass die "Franken", die zunächst als unkultiviertes und barbarisches Volk in der Levante eingefallen waren, sich nach und nach dem gehobenen orientalischen Lebensstil anpassten, bis Muslime und (assimilierte) Christen im Alltag weitgehend friedlich zusammenlebten.

Wiebke Walther erwähnt eine Fülle von Dichtern und Autoren und bringt sie damit einem deutschen Lesepublikum nahe: den großen Mystiker al-Ghazali etwa, den blinden Dichter Abû-l-A´lâ al-Ma´arri, den andalusischen Sänger der Liebenden, Ibn Hazm, und schließlich Ibn Chaldûn, den großen nordafrikanischen Historiker und Soziologen.

Doch es gab (und gibt heute noch in arabischen Städten) neben den Vertretern der Hochkultur Straßenerzähler als Volksunterhalter, deren Erfolg von der mündlichen Weitergabe der Stoffe lebte. Einige von ihnen wurden komplett verschriftlicht und gelangten weltweit zu Ruhm: Die bekannteste Sammlung ist wohl Tausendundeine Nacht.

Da Wiebke Walther auch eine Kleine Geschichte der modernen arabischen Literatur plant, nimmt die Literaturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hier vergleichsweise wenig Raum ein. Spannende geistige Strömungen, oft befruchtet von Reiseeindrücken und dem Zusammenprall mit westlichem Denken, werden nur oberflächlich oder gar nicht betrachtet.

Nach Napoleons Ägyptenexpedition 1798-1801 setzte in den arabischen Ländern langsam die Nahda genannte literarisch-kulturelle Erneuerung ein. Muhammad ´Alî, Herrscher in Kairo, holte europäische Gelehrte ins Land, die ersten ägyptischen Studenten gingen zum Studium nach Frankreich.

Einerseits setzte mit Reformern wie Dschamâl ad-Dîn al-Afghâni und Muhammad ´Abduh eine innerislamische Neuerungsbewegung ein. Andererseits flüchteten gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Reihe christlicher syrisch-libanesischer Intellektueller vor den Osmanen nach Kairo und trugen dort zur Entwicklung der arabischen Literatur bei. Schriftsteller wie Dschirdschî Zaidân und Farah Antûn gründeten Literaturzeitschriften, in denen verschiedene literarische Strömungen zu Wort kamen und mit denen sich eine tragfähige Literaturkritik entwickelte. Hervorzuheben ist die mehrbändige Autobiographie Tâhâ Hussains, der lange in Frankreich lebte und als erster arabisch schreibender Autor in die Liste der Nobelpreisnominierungen aufgenommen wurde.

Seit den achtziger Jahren sind einige der bekannteren Autoren auch auf Deutsch erhältlich, aus Ägypten nicht nur Nagîb Machfûs, der 1989 den Nobelpreis erhielt, sondern auch Jûsuf Idrîs, Gamâl al-Ghitâni und Sunallâh Ibrahîm, die auf jeweils ganz unterschiedliche Art und Weise an Geschichte und Kultur ihres Landes herangehen; Ghassan Kanafani, Emile Habibi und Sahar Khalifa aus Palästina, Zakarijja Tâmir und Salîm Barakat aus Syrien, Elias Khoury und Raschîd Daif aus dem Libanon, Najem Wali aus dem Irak. Die maghrebinische Literatur ist in Deutschland mehr durch Übersetzungen aus dem Französischen, etwa der Algerierin Assia Djebar und des Marokkaners Tahar Ben Jelloun, bekannt. Doch im Maghreb gibt es eine Rückbesinnung auf das Arabische als Muttersprache, wie am Beispiel des Algeriers Rachid Boudjedra deutlich wird.

Der Buchmesseschwerpunkt 2004 sollte Neugier auf arabische Kultur und Literatur wecken und das Interesse an ihr fördern. Vielleicht ist der Okzident ja doch bereit, sich auf den Reichtum der orientalisch-arabischen Literatur einzulassen.

Wiebke Walther: Kleine Geschichte der arabischen Literatur - von der vorislamischen Zeit bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2004, 335 S., 27,90 EUR


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00:00 08.10.2004

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