Über Jahrzehnte aufgestauter Hass

VERZERRUNGEN Eine Reduzierung des internationalen Terrorismus auf den Islam führt in die Irre

Was ist das für eine Religion, die solche Monster hervorruft", fragt kurz nach dem Inferno von New York die Redakteurin eines liberalen, einflussreichen deutschen Hörfunksenders einen Islamexperten. Welche Naivität und welche Unwissenheit! Die Journalistin steht für die Unwissenheit des Westens über die tiefgreifenden Hintergründe des Massenmords. Die allgemeine Ahnungslosigkeit, verbunden mit dem Vorpreschen der militärisch-geostrategischen Kreise in den USA und der NATO, die ihre Stunde für eine weitere Militarisierung der internationalen Beziehungen für gekommen halten und nicht davor zurückschrecken, die weltweite Trauer um die Opfer des Terrors für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, droht zu einem gefährlichen Gemenge zu werden. Es dürfte der Gewalteskalation einen neuen Schub mit ungeahnten Folgen geben. Um es klar zu sagen: ein großangelegter Krieg gegen die Taleban-Regierung in Afghanistan mit Hilfe Pakistans könnte einen Flächenbrand auslösen, zumindest aber den brüchigen pakistanischen Staat destabilisieren.

Die Auswirkungen einer Gewalteskalation reichen weit über die arabisch-islamische Welt hinaus. Bei aller Betroffenheit über den Terroranschlag in den USA dürfen wir nicht über den Umstand hinwegsehen, dass viele Menschen in der Dritten Welt sich nicht über die Massenmorde selbst, sehr wohl aber über die Zerstörung der Symbole von Reichtum und Macht in einer globalisierten Welt klammheimlich freuen. Abertausende von ihnen könnten alsbald die Schwelle von passiver Zustimmung zum aktiven terroristischen Handeln überschreiten und überall in der Welt mit neuen Mitteln den gerade begonnenen "globalisierten und modernen Partisanenkrieg" weiterführen. Die Zerstörung der Legende von der Unverwundbarkeit der mit Abstand größten Militärmacht der Welt dürfte bei der großen Masse von Entrechteten und Gedemütigten zu einer Welle von terroristischen Nachahmern führen.

Moderner "Partisanenkrieg" gegen die Weltmacht USA

Die Welt befindet sich in einer äußerst kritischen Situation. Durch den "ersten Krieg in diesem Jahrhundert" (George W. Bush) würde der "Krieg der Zivilisationen" wahrscheinlicher, allerdings nicht im Sinne Huntingtons, sondern als ein Krieg, den die extremistischen Eliten der armen und der reichen Welt durch die Instrumentalisierung der jeweiligen kulturellen Werte für die eigenen Zwecke gegeneinander ausfechten. Opfer dieses Krieges wären auf beiden Seiten die Zivilbevölkerung, die Demokratie, andere zivilisatorische Errungenschaften und die Umwelt.

Woher aber kommt der über Jahrzehnte aufgestaute Hass auf Amerika in der arabisch-islamischen Welt? Dazu seien einige fundamentale Aspekte skizziert: Der Israel-Palästina-Konflikt ist dabei zweifelsohne der wichtigste Kristallisationspunkt, aus dem alle antiwestlich arabisch-nationalistischen und islamisch-fundamentalistischen Bewegungen Kraft und Legitimation schöpfen. Israel ist die größte, auch mit Atomwaffen ausgerüstete Militärmacht im Nahen und Mittleren Osten und weigert sich, gerade wegen seiner Überlegenheit, seine Besatzungspolitik in Palästina zu beenden. Vielmehr stellt dieses Land tagtäglich seine Dominanz als Besatzungsmacht demonstrativ zur Schau, die palästinensische Häuser zerstört, palästinensischen Grund und Boden beschlagnahmt, die Palästinenser demütigt. Bei den Arabern und Moslems in der ganzen Welt verursacht diese Schmach Wut und Gefühle der Ohnmacht, die sich bisher in terroristischen Anschlägen gegen westliche Touristen (wie in Ägypten) und gegen eigene korrupte Regierungen entluden, die sich mit Rücksicht auf die USA gegenüber dem Israel-Palästina-Konflikt eher zurückhaltend geben.

Nun ist es Osama bin Laden gelungen, die angestaute Wut durch die im Zusammenhang mit dem zweiten Golfkrieg gegen den Irak 1990/91 gegründete Internationale Brigade der arabischen Afghanen in einen modernen "Partisanenkrieg" gegen die Weltmacht USA zu kanalisieren. Amerika gilt in den Augen der arabisch-islamischen Völker als entscheidende Schutzmacht der israelischen Besatzungspolitik.

Das "kalkulierbare Risiko" wird zum Bumerang

Zu den schmerzlichen Wahrheiten des auch nach dem Terroranschlag gegen die USA weiter eskalierenden Israel-Palästina-Konflikts gehört, dass Israel offenbar den Erhalt des gegenwärtigen Zustandes einer Aufgabe seiner Besatzungsmacht und einem dauerhaften Friedens vorzieht. Auch die USA haben erkennbar an einem stabilen Nahost-Frieden kein ernsthaftes Interesse. Ich glaube seit längerem nicht an die Mär von der jüdischen Lobby in Amerika als eigentlichem Hindernis für eine aktivere Rolle Washingtons im Friedensprozess. Vielmehr verstecken sich alle US-Regierungen hinter dieser Legende - Konflikteskalation in Nahost passt besser in die US-Geostrategie als ein dauerhafter Frieden.

Seit einem halben Jahrhundert verfolgen die USA im Nahen und Mittleren Osten eine Politik der Destabilisierung und Konflikteskalation mit "kalkulierbarem Risiko" (low intensity war) - deren entscheidende Elemente sind der Israel-Palästina-Konflikt, aber auch die Protektion korrupter und diktatorischer Regimes. Es gibt kein einziges Beispiel dafür, dass die Amerikaner demokratische Entwicklungen in der Region unterstützt hätten - im Gegenteil. Sie haben 1953 die demokratisch gewählte Regierung Mossadegh im Iran mit Hilfe von CIA und Pentagon gestürzt, den Schah an die Macht zurückgeholt, dessen Regime zu einer regionalen Supermacht hochgerüstet. Dadurch wurde einerseits ein gigantischer Rüstungswettlauf am Persischen Golf entfesselt, andererseits der islamische Fundamentalismus im Iran gestärkt und so indirekt der Islamischen Revolution der Weg bereitet.

Der Rüstungswettlauf entlud sich 1980 und 1990/91 in zwei Golfkriegen. Im ersten unterstützten die USA Saddam Hussein gegen den Iran und machten den Irak zur stärksten Militärmacht am Golf. Im zweiten gingen sie mit UN-Mandat gegen das Regime von Saddam Hussein vor, als der glaubte, die USA weiter auf seiner Seite zu haben und daher Kuwait ungestraft annektieren zu können.

Islamische Fundamentalisten im Iran, der Panarabist Saddam Hussein, nicht zu vergessen das Taleban-Regime in Afghanistan, aber auch die islamistische Strömung um Osama bin Laden - all das sind Produkte der amerikanischen Konflikt- und Eskalationspolitik im Nahen und Mittleren Osten. Alle diese Phänomene haben die Demokratisierung in der Region um Jahrzehnte zurückgeworfen und den Völkern beträchtlichen Schaden zugefügt, den kurzfristigen amerikanischen Interessen jedoch nicht geschadet.

Nun hat sich durch die Anschläge vom 11. September das Konzept einer Destabilisierungsstrategie mit "kalkulierbarem Risiko" als Bumerang erwiesen. Die auf stringenten ökonomischen und geostrategischen Interessen basierende Politik der USA und des Westens wird durch den globalisierten Terrorismus eingeholt. Wie die drohende Klimakatastrophe als Reaktion der Natur auf ein kurzsichtiges ökonomisches Handeln der reichen Eliten in den Industrie- und Entwicklungsländern gesehen werden muss, ist der globalisierte Terrorismus die politische Reaktion auf die Art und Weise der Aufrechterhaltung und Absicherung des Systems. Insofern tragen alle westlichen Staaten - allen voran die USA - eine beträchtliche Mitverantwortung für das Inferno in New York und Washington.

Identitätskrisen und Feindbilder der Entwurzelten

In der islamischen wie in der gesamten Dritten Welt vollziehen sich gegenwärtig eine historisch längst fällige Transformation und Industrialisierung. Das führt zu tiefen sozialen Brüchen, Entfremdung, Entwurzelung und individuellen Identitätskrisen - noch verstärkt durch den Globalisierungsdruck. Die nachhaltigste Form der soziokulturellen und sozial-psychologischen Aufarbeitung dieses konfliktträchtigen Prozesses, der in Europa über zwei Jahrhunderte dauerte, sind Demokratisierung und Selbstbestimmung. Durch Einmischung, Intervention und Unterstützung korrupter und diktatorischer Regimes sowie Aufpfropfen seiner Industrialisierungsmuster hat der Westen - allen voran die USA - dazu beigetragen, dass diese Aufarbeitung unterbrochen und verzerrt wurde oder überhaupt nicht stattfand. Die große Masse der Entwurzelten empfindet so die entstandene Identitätskrise als fremdgesteuerten Angriff auf eigene kulturelle Werte. Sie ist daher prädestiniert, Feindbildern zu folgen, ihr Heil in nationalistischen wie fundamentalistischen Perspektiven zu suchen und gleichzeitig den Westen für das eigene Leid verantwortlich zu machen.

Schließlich: Die von der reichen Elite in der Welt, internationalen Konzernen und Finanzinstitutionen gelenkte ökonomische Globalisierung hat die ungleiche Einkommensverteilung in der Welt in den vergangenen Jahrzehnten vergrößert. Über eine Milliarde Menschen in der Dritten Welt kämpfen um das tägliche Brot und fristen ein verzweifeltes Dasein. Die in dieser Ungerechtigkeit schlummernden sozialen und politischen Instabilitätsfaktoren können unmöglich militärisch eingedämmt werden. Die zahlreichen US-Militärbasen in der Dritten Welt befinden sich auf einem Pulverfass. Die bittere Armut und kulturelle Entwurzelung bei gleichzeitiger Zurschaustellung des Reichtums der Eliten in den globalisierten Kommunikationssystemen stellen den fruchtbarsten Nährboden für den neuartigen globalen Terrorismus der Zukunft dar.

US-Administration folgt einer Logik der Lynchjustiz

Die hier skizzierten Thesen, die für den tiefen Hass auf Amerika nicht nur in der islamischen Welt Anhaltspunkte liefern, entspringen keiner verschwörungstheoretischen Sicht, weil sie vielleicht teilweise schwer vorstellbar scheinen. Sie sind durch eine systematische Analyse der Ereignisse und Fakten wissenschaftlich nachweisbar und zeigen, dass die behauptete Kausalität zwischen dem internationalen Terrorismus und dem Islam in die Irre führt. Vielmehr sind es sozioökonomische und kulturelle Umstände, die Extremismus und Gewaltbereitschaft hervorrufen und heute im islamischen Fundamentalismus und arabischen Nationalismus ebenso wie im serbischen Nationalismus oder im hinduistischen Fundamentalismus in Indien und anderswo ihre Ausdrucksform finden.

Die Vorstellung der US-Administration und einiger NATO-Regierungen, den internationalen Terrorismus mit militärischen Mitteln auszumerzen, ist völkerrechtswidrig, entspricht einer Logik der Lynchjustiz und verletzt alle rechtsstaatlichen Normen. Sie ist in der Sache absurd und erfüllt im Wesentlichen den Zweck, von eigener Mitverantwortung für den Terrorismus abzulenken. Wer dennoch auf die militärische Karte setzt, wird die globalen Instabilitäten und Ungleichheiten verschärfen und neue Generationen von Terroristen erzeugen. Andererseits rechtfertigen die objektiven Ursachen des Terrorismus weder moralisch, noch politisch, noch rechtlich terroristisches Handeln. Daher müssten die Verantwortlichen für den Angriff auf die USA ohne Wenn und Aber vor einem internationalen Gericht abgeurteilt werden.

Die egoistischen, offenbar unter Realitätsverlust leidenden reichen Eliten der Welt müssten allerdings spätestens jetzt begreifen, dass die Konservierung ihres Lebensstils und der globalen Ungerechtigkeiten kaum vorstellbare Katastrophen heraufbeschwört und dass in ihrem eigenen Interesse eine Wende in den globalen Beziehungen auf der politischen Agenda steht. Dabei fällt Europa eine Vorreiterrolle zu, die allerdings voraussetzt, sich nicht länger wie bisher hinter der Nah- und Mittelostpolitik der USA zu verstecken. Reformkräfte in Europa müssten erkennen, dass ein dauerhafter Frieden in der Region, eine nachhaltige Energieversorgung Europas, die bisher durch die USA torpedierte Klimapolitik und europäische Nahost-, Außen- und Friedenspolitik miteinander in einem inneren Zusammenhang stehen und dass sie - um aus dieser Erkenntnis für Europa eine selbstständige Handlungsperspektive zu entwickeln - zuallererst die US-amerikanische Zwangsjacke abzulegen hätten.

Professor Mohssen Massarrat, Politik- und Sozialwissenschaftler iranischer Herkunft an der Universität Osnabrück, arbeitet zu den Schwerpunkten Friedens- und Konfliktforschung sowie Naher und Mittlerer Osten, Auswirkungen der Globalisierung auf die regionalen Ökonomien. Er ist Herausgeber des Buches Mittlerer und Naher Osten, 1996 (agenda Verlag).

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00:00 28.09.2001

Ausgabe 42/2021

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