Über nukleare Riesen und ethische Zwerge

Keinen Verfolger mehr fürchten müssen Bushs neue Atombomben und der Rückfall in eine Politik aggressiver Bedrohung

Die Atombombe war noch gar nicht erfunden, da hatte Sigmund Freud bereits 1930 festgestellt: Die Menschen hätten es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht hätten, das eigene Geschlecht vollständig auszurotten. "Sie wissen das", so fuhr er fort, "daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung."

1945 folgte Hiroshima. Aber dieses Ereignis lehrte, wie man der Unruhe und der Angststimmung entgehen konnte, nämlich durch Umkehr der passiven in eine gezielte aktive Bedrohung, durch Vereinnahmung der Zerstörungsmacht als Herrschaftsmittel. Es blieb noch ein flaues Gewissen, aber das ließ sich auf zwei Wegen beschwichtigen. Der erste bestand in einer psychologischen Dehumanisierung des ins Visier genommenen Gegners. In den amerikanischen Medien hießen die Japaner damals abwechselnd Ratten, Affen oder wurden mit den Namen anderer Tiere bezeichnet. Der andere Weg war die Selbstheiligung. Man ließ das Hiroshima-Bombenflugzeug christlich einsegnen. Und General Thomas Farrel, Augenzeuge des Angriffs, verglich das Schauspiel mit dem Jüngsten Gericht, nun durch Menschenhand verübt mit Kräften, die vorher Gott vorbehalten gewesen seien, so berichtete er seinem Präsidenten Truman. 250.000 getötete Japaner als Opfer eines von den Amerikanern verübten Jüngsten Gerichtes.

Der atomare Massenmord wurde zur christlich gesegneten nationalen Ruhmestat. Ein Rest von Unbehagen blieb. Das zeigte sich, als man 50 Jahre nach dem Bombenabwurf dem Ereignis eine große Ausstellung in Washington widmen wollte. Die Ausstellung war lange vorbereitet, als plötzlich die Sorge überhand nahm, die vorgezeigten Schreckensbilder könnten patriotische Gefühle verletzen. Deshalb wurde die Veranstaltung kurzerhand verboten.

In den sechziger Jahren eskalierte der Kalte Krieg. Es kam zur Kuba-Krise. Lee Butler - Ex-Oberkommandierender der US-Kernwaffenstreitkräfte - sagte später rückblickend, das Ausbleiben eines atomaren Holocaust sei wohl eher himmlischer Fügung als menschlicher Vorsicht zu danken. Als wir Ärzte und Ärztinnen seit Anfang der achtziger Jahre über den Eisernen Vorhang hinweg für gemeinsame atomare Abrüstung kämpften, bekamen wir mit voller Wucht die damals regierungsamtliche Strategie zu spüren, die besagte: Die westlichen Atomwaffen sind gut, die der Russen sind böse. Nur durch überlegene eigene atomare Stärke seien die Russen in die Knie zu zwingen. Unsere Forderung nach Verständigung zur Beendigung des nuklearen Wettrüstens hieß naiv und gefährlich - sie arbeite dem Gegner in die Hände.

Aber genau diese naive Idee brachte die Wende, nämlich durch die von Michail Gorbatschow seit 1987 immer wieder verkündete Erkenntnis: Eine echte Friedensordnung können nur die Menschen schaffen durch Humanisierung ihrer internationalen Beziehungen, im Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung für die Welt. Er warb um Vertrauen durch einseitigen Atomtest-Stopp und Einleitung konventioneller Abrüstung. Ununterbrochen drängte er, die Welt bis zum Jahr 2000 nuklearwaffenfrei zu machen. Es reichte aber nur bis zur Beendigung des Kalten Krieges und zur Entlassung der Warschauer Pakt-Satelliten in die Freiheit.

Die Fortsetzung ist bekannt. 30.000 atomare Sprengköpfe lagern immer noch in den Depots. Damit nicht genug. Anfang Dezember 2003 hat Präsident Bush einen Gesetzentwurf unterschrieben, der die Mittel für den Bau einer vierten Generation kleiner Atombomben und für eine beschleunigte Bereitstellung des Atomtestgeländes in Nevada sichert. Insgesamt hat der US-Kongress für 2004 6,3 Milliarden Dollar für atomwaffenbezogene Ausgaben bewilligt. Auch die Russen und die Franzosen planen eine Modernisierung ihrer Atomwaffensysteme.

Was ich an dieser Entwicklung als psychopathologisch erläutern möchte, ist keine amerikanische Spezifizität, sondern ein allgemeiner Rückfall auf die Mentalität des Rüstungswettlaufs, also auf die Stufe einer Entzivilisierung der Sicherheitspolitik. Der entscheidende Punkt ist die Preisgabe des Vertrauens der Menschen in die eigene Fähigkeit und Bereitschaft, gemeinsam die Verantwortung für den Aufbau einer friedlicheren Welt zu übernehmen. 1989, 1990 hatte es noch so ausgesehen, als traute man sich diese Kraft zu. In vielen Ländern fühlten sich die Leute durch die friedliche Verständigung der Supermächte, durch die friedliche Auflösung des Ostblocks, durch die friedliche deutsche Wiedervereinigung auf ein höheres Niveau von Menschlichkeit miterhoben. Es schien wie ein Durchbruch zu reiferer Vernunft nach den Jahren des unvernünftigen atomaren Bedrohungswettlaufs, der an die wahnwitzigen pubertären Rivalenkämpfe nach der Art von "Denn sie wissen nicht, was sie tun" - siehe den James Dean-Film - erinnert hatte.

Nun aber der Rückfall zu einer nuklearen Bedrohungspolitik und die Regression auf ein psychologisches Niveau, das peinlich an das Stadium postpubertärer Überkompensation von narzisstischen Ohnmachtängsten erinnert. Die eigene Selbstunsicherheit spiegelt sich in der Sorge wider, den anderen ausgeliefert zu sein, wenn man sie nicht selber aktiv bedrohen kann. Auf diesem Niveau wird dann der Drang unwiderstehlich, sich mit überlegenen Machtmitteln auszustatten, um keinen Verfolger mehr fürchten zu müssen. Aus dieser narzisstischen Verfassung heraus bildet sich die Phantasie, man könne sich mit den Atomwaffen wie mit gewaltigen treu ergebenen Wachhunden eine angstfreie Übermacht und endgültige Sicherheit verschaffen. Aber der 11. September, das Desaster in Israel/Palästina und neuerdings auch die Katastrophe im Irak beweisen, dass es keine Übermacht gibt, die vor selbstmordbereiten Attentätern schützt. Die Anwendung noch so überlegener militärischer Gewalt ändert nichts an der eigenen Verletzbarkeit, sondern führt dem Terrorismus, den man auszurotten beabsichtigt, nur neuen Nachwuchs zu. Und alle Experten sind sich einig, dass der neue nukleare Rüstungsschub dem Wettrüsten wieder Auftrieb geben wird.

"Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge", das waren die Abschiedsworte des Weltkrieg-II-Heerführers General Omar Bradley bei seiner Pensionierung. Damit hat er genau die Selbsterniedrigung derjenigen angesprochen, die sich in die Hand der atomaren Monstren begeben und damit ein von Drohung, Angst, Argwohn und Hass erfülltes Klima schaffen. Die da glauben, ihre Herrschaft auf die nuklearen Riesen stützen zu können, werden umgekehrt zu deren Sklaven. Anstatt endlich die Illusion von einer Art Allmacht durch überlegene militärische Stärke zu begraben, setzt sich in einem circulus vitiosus immer wieder der wahnwitzige Versuch durch, durch noch mehr Bedrohung und Gewalt genau die Gefahren zu erhöhen, von denen man sich befreien will. Man kann diese destruktive und selbstdestruktive Reaktionsweise kaum anders als ein der Manie ähnliches Verhalten verstehen. Man versteigt sich zu immer höheren Risiken, baut immer gewaltigere Vernichtungsmacht auf und merkt gar nicht das eigene Schrumpfen zu den ethischen Zwergen, von denen General Bradley spricht. Zwerge, das meint die schwindende Kraft zu einem verantwortlichen Verhalten, zu einer sensiblen und achtungsvollen Partnerschaft in einer auf Gemeinsamkeit angelegten Welt. Damit mahnt Bradley eine moralische Besinnung an. Aber es geht hier nicht nur um Moral, sondern schlicht um die gemeinsame Selbsterhaltung, die auf die Dauer eben unmöglich ist durch einseitige nukleare Erpressung oder gar durch Präventivkriege. Vielmehr bedarf es der Überwindung dieses megalomanen Eigensinnes. Es bedarf des Ringens um das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, das uns immer wieder zu entgleiten droht nach Solidarisierungen wie im Falle von Naturkatastrophen oder von kurzfristig gelungenen Friedensprozessen.

Es kommt darauf an, genauer hinzuschauen, was mit uns geschieht, was wir mit uns geschehen lassen. Und darüber nachzudenken, ob wir nicht selber, wenn wir unsere Mitverantwortung für das Ganze spüren, etwas zu gesellschaftlichen Heilungsprozessen beisteuern sollten. Wir können zum Beispiel genau hinschauen und sehen, dass auf deutschen Boden in Ramstein und Büchel immer noch 65 Atombomben gelagert sind - mit dem 150fachen der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe, die 250.000 Menschen getötet hat. Diese Bomben bilden nur selbst die Gefahr, gegen die sie angeblich schützen sollen.

Durch eine Forsa-Umfrage wissen wir, dass 87 Prozent der deutschen Frauen und 87 Prozent der deutschen Männer wollen, dass die Bundesregierung für eine umgehende Beseitigung dieser Waffen sorgt. Wir - Ärztinnen und Ärzte der IPPNW - haben dieses Resultat der von uns veranlassten Erhebung an die Bundesregierung geschickt. Ist es normal, dass diese dazu hartnäckig schweigt? Ist es normal, dass die 87 Prozent damit zufrieden sind, ihren Willen in einer Befragung untergebracht zu haben? Ist es normal, dass die Weltgemeinschaft die jüngsten nuklearen Rüstungsbeschlüsse der USA anscheinend ohne Entrüstung hinnimmt?

Aber Politik ist eben nicht nur etwas, was mit uns gemacht wird und was wir mit uns machen lassen. Politik ist auch etwas, das wir mitverantwortlich mitmachen. In unserer Verfassung heißt es: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Nun geht momentan tatsächlich etwas vom Volke aus. Auf Anregung unserer Ärztebewegung IPPNW wird am 20. März 2004, dem Jahrestag des Beginns des Irak-Krieges, ein großer Marsch zu dem Atombombenstandort Ramstein stattfinden, gleichzeitig mit weltweiten Friedensveranstaltungen in den USA und anderen Ländern. Auch wenn wir damit nicht die Welt bewegen und nur ein Zeichen setzen werden, so fühlen wir uns dabei doch ein Stück weit gesünder als beim bloßen stummen Stillhalten. Alle sind herzlich zum Mitmachen eingeladen.

00:00 09.01.2004

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