Überall Ungenügen

Berliner Abende Kolumne

Schon der bloße Anblick irritiert mich: Eine längere Reihe weiß-roter Absperrgitter teilt die Menschenmenge vor der russischen Botschaft in zwei ungleiche Teile. Die einen, und sie bilden die Mehrheit, stehen außen, auf der Seite, wo ihnen das Gitter den Zutritt verwehrt. Eine Aura der Resignation hängt über ihnen, gedrängt stehen sie in einer Schlange, die gleichzeitig ohne Hoffnung auf Einlass scheint. Ich verstehe nicht, warum sie überhaupt da stehen. Auf keinen Fall möchte ich mich dazu stellen müssen.

Auf der anderen Seite der Absperrung, unmittelbar vor dem Eingang sehe ich ein paar wenige Wartende mit desto entschlosseneren Gesichtern. Zwar kann ich auf den ersten Blick nicht durchschauen, was sie von den anderen unterscheidet und auf welche Weise - wenn nicht durch Schlange stehen - sie ins Innere der Botschaft gelangen wollen, aber ihre Zuversicht zieht mich an, so dass ich mich frech am Gitter vorbei zu ihnen quetsche. Ich fühle mich nicht gut dabei. Und deute das sogleich als Akt perfider psychologischer Inszenierung: Man soll sich hier wohl im Unrecht fühlen, obwohl man doch nur hinein will!

Vor der schweren Holztür weiß ich erst Mal nicht weiter. Sie scheint eigens dafür gemacht, schwere Passierbarkeit zu signalisieren. Ich versuche erst gar nicht, sie einfach zu öffnen, sondern verlege mich aufs Beobachten. Von Zeit zu Zeit tritt ein Mann in Uniform mit einem Stapel aufgeschlagener Pässe in der Hand heraus, liest die Namen vor und lässt die Genannten an sich vorbei. Zwei Mal ist er so schnell wieder hinter der Tür verschwunden, dass ich keine Gelegenheit habe, ihn zu fragen, wie ich hineinkommen soll. Beim dritten Mal drängle ich mich nach vorne und drücke ihm einfach meinen Pass in die Hände, widerwillig nimmt er ihn an sich. Wieder habe ich dieses demütigende Gefühl, zum Übergriff genötigt worden zu sein.

Die folgende Wartezeit wird durch einen kleinen Skandal verkürzt. Sichtlich wütend führt der Uniformierte eine Frau aus dem Gebäude heraus, die offenbar nicht versteht, was ihr da widerfährt. Der Milizionär deutet mit dem Finger auf einen Aushang. Keine Rucksäcke und keine Taschen, steht da. Die Frau traut ihren Augen nicht, die Umstehenden skandieren: "Ihr Rucksack, Ihr Rucksack!" "Aber wo soll ich denn hin damit?" "Bahnhof Friedrichstraße", brummt der Uniformierte. "Ich will doch nur eine Geldspende nach Russland bringen!", versucht die Frau durch Darlegung bester Absichten zu Gnade zu kommen. Aber der Uniformierte ist schon wieder im Innern verschwunden. Ich mache mir Sorgen wegen meiner Handtasche, die ungefähr so groß ist wie ein Rucksack. Doch das Genre scheint entscheidend; ich darf schließlich ohne Beanstandung passieren.

Endlich drinnen bekomme ich vom nächsten Uniformierten einen Zettel mit zwei Mal der gleichen Nummer darauf ausgehändigt, und die gebrummte Anweisung: "Schalter zwei". Dort gibt es wieder keine Schlange, in die ich mich stellen könnte, sondern nur einen losen Haufen Wartender, von denen ich mich feindselig gemustert fühle. Ich will mich nicht vordrängen und beobachte deshalb wieder erst ein Weilchen. Man muss die eine Hälfte des Zettels abreißen und ins Schalterfach legen, auf dass ihn dort ein Beamter findet. Hinter dem Schalter ist niemand zu sehen, ich lege meine Nummer hinein und hoffe, dass sie der Wind nicht verweht.

Verzagtheit überkommt mich, wie lange wird das alles hier noch dauern? Und habe ich auch alles Nötige dabei? Wird man mich wieder wegschicken und ich muss morgen das Ganze noch mal durchmachen? Nach und nach bemerke ich, dass es den Menschen um mich herum ähnlich geht. Ausnahmslos allen steht die Ungewissheit über den Ausgang ihrer Angelegenheiten ins Gesicht geschrieben. Ab und zu dringen über Mikrofon die Stimmen derer hinter den Schaltern nach außen: "Sie müssen noch ...", "Sie haben nicht ..." - wohin man auch hört, überall Ungenügen.

Dermaßen in Stimmung gebracht, widersetze ich mich kaum, als mein Visumsantrag auf einmal 90 Euro teurer werden soll, sondern gehe kleinlaut zur Kasse. "Annahme von Bargeld nur bis 30 Euro", verkündet dort ein Schild. Ein weiteres weist darauf hin, dass bei Kartenzahlung 3,5 Prozent Gebühren anfallen. Ich überlege kurz, wie ich in knappen Worten darlegen könnte, dass es sich hier um eine Art Erpressung handelt, aber dann will ich nur noch, dass es schnell vorbei geht.

Als ich das Gebäude verlasse, scheint überraschenderweise die Sonne. Ich versuche mich selbst mit der Vorstellung aufzuheitern, wie ich das soeben Erlebte den Freunden in Moskau schildere: einerseits leicht vorwurfsvoll, als könnten sie etwas dafür und müssten es an mir wieder gutmachen; andererseits voll Stolz darüber, den Widrigkeiten getrotzt zu haben. Aber ich weiß leider schon, wie sie mir antworten werden: "Das ist doch noch gar nichts!" Und dann kommen die Geschichten über die deutsche Botschaft in Moskau.


00:00 25.06.2004

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