Überhitzung nicht ausgeschlossen

Barsebäck In einem schwedischen Atomkraftwerk war es 1992 fast soweit. Vagabundierendes Dichtungsmaterial verstopfte nach einem Leck die Notkühlung. Kernschmelze drohte

Das knappe Schreiben an den „sehr geehrten Herrn Bundesminister“ und „lieben Sigmar“ tat nur kumpelig. Tatsächlich baute es unverhohlen Druck gegen ein Ministerium auf, das sich elf Jahre lang unter erst grüner, dann sozialdemokratischer Leitung gegenüber den Anmaßungen der Atomkraftwerksbetreiber nicht übertrieben willfährig gezeigt hatte.

Am 15. September 2009, zwölf Tage vor der Bundestagswahl, beschwerte sich RWE-Chef Jürgen Großmann giftig bei Bundesumweltminister Gabriel – über ein selbstverständliches Ansinnen. „Wir haben erfahren, dass Dein Ministerium Unterlagen zu unserer geplanten Nachrüstung, den sogenannten Barsebäckmaßnahmen, in unserem Kraftwerk Biblis angefordert hat und das Wiederanfahren der Blöcke in diesem Zusammenhang unter einen Prüfvorbehalt gestellt hat. Dieses Vorgehen ist aus unserer Sicht überhaupt nicht nachvollziehbar ...“. Weil das Umweltministerium „völlig überraschend eigene Prüfschritte vornehmen“ wolle, könne der Reaktor nun nach langem Stillstand nicht wie geplant am 5. Oktober wieder in Betrieb gehen.

Hintergrund für die nervöse Intervention bei einem direkt vor der Abwahl stehenden Bundesminister war ein explosives Sicherheitsproblem, das Reaktorexperten in aller Welt schon seit 1992 beschäftigt. Bewältigt ist es bis heute nicht. Und beruhigend ist auch nicht, dass außerhalb der Fachwelt über all die Jahre niemand davon erfuhr, bis schließlich im Sommer 2009 das Umweltmagazin zeo2 den Fall unter dem Titel „Zeitbombe im Reaktorkeller – Dämmmaterial verstopft Atommeiler“ beschrieb. Die Geschichte zeigte die vergeblichen Bemühungen, angemessene Konsequenzen aus einem Reaktorunfall zu ziehen, der das mittlerweile stillgelegte schwedische Atomkraftwerk Barsebäck vor 18 (!) Jahren, im Juli 1992, an den Rand einer Katastrophe gebracht hatte.

Tosender "Leckstrahl"

Damals hatte es in Block 2 des Siedewasserreaktors am Öresund, in Sichtweite der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, wegen eines falsch eingebauten Ventils zunächst ein Leck im Kühlkreislauf des Meilers gegeben. Wie ein 200 Grad heißer Hochdruck-Wasserwerfer riss der tosende „Leckstrahl“ binnen Minuten zentnerweise Dichtungs- und Dämmmaterial von den umgebenden Rohrleitungen. Das wiederum hatte fatale Rückwirkungen auf das Notkühlsystem. Zerstobene Trümmer und kleinteiliges Fasermaterial verstopften die Siebe vor den Notpumpen, die nach einem solchen Leckstörfall das ausströmende Wasser nach der Kondensation vom Boden des Sicherheitsbehälters (im Jargon: aus dem „Reaktorsumpf“) zurück in den Reaktor befördern sollen. Die Pumpen in Barsebäck jedoch begannen bald zu stottern und quittierten zeit- und teilweise ganz den Dienst.

Zwar gelang es den Reaktorfahrern nach über vier Stunden, die verstopften Siebe wieder durchlässiger zu machen, indem sie kurzzeitig die Pumprichtung umkehrten. Doch fortan war klar: Im Kühlsystem vagabundierendes Isoliermaterial kann zum Ausfall der Notkühlung des Reaktors führen und in letzter Konsequenz auch einen zunächst beherrschbaren „Kühlmittelverluststörfall“ zu einem Supergau eskalieren. Dass ein solch dramatischer Unfallverlauf vorher nicht für möglich gehalten worden war, alarmierte weltweit die „nuclear community“. Was die Sache nicht besser machte: Ein solcher Ablauf ist in den meisten Atomkraftwerken nicht auszuschließen – auch nicht in den deutschen.

Bis heute hält der Unfall die Sicherheitsexperten in Atem. Ungezählte nationale und internationale Arbeitsgruppen befassten und befassen sich mit dem Problem. Natürlich wurden viele Reaktoren umgerüstet. Die Ansaugflächen der Siebe wurden vergrößert, ihre Maschenweite verkleinert, in einigen Ländern die Rohrdämmungen stärker gekapselt. Doch eine umfassende Strategie, die die Zeitbombe im Reaktorkeller ein für allemal entschärfen würde, ist bis heute nicht gefunden. Aus einem OECD-Workshop zum Thema Sumpfverstopfung ist der Stoßseufzer eines US-amerikanischen Experten überliefert: „Jedesmal, wenn wir glauben, Licht am Ende des Tunnels zu sehen, ist es wieder ein entgegenkommender Zug.“

"AG Gesicherte Sumfansaugung"

So war es auch in Deutschland: Dort hatte sich erst fünf Jahre nach dem Unfall in Barsebäck eine „AG Gesicherte Sumpfansaugung“ konstituiert. Die bis 1998 atomkritikerfrei gehaltene Reaktorsicherheitskommission (RSK) sah noch im Herbst 1998 „keinen unmittelbaren Handlungsbedarf“. Die verantwortliche Ministerin war Physikerin und hieß Angela Merkel.

Immerhin unter der rot-grünen Bundesregierung wuchs der Druck auf die Betreiber, das Problem zu lösen. In deren Auftrag führte der deutsch-französische Reaktorbauer Areva/NP am früheren Siemens-Standort Erlangen eine Serie von Simulationsuntersuchungen durch, die die Gefährdung deutscher Druckwasserreaktoren klären sollten. Doch daraus wurde nichts. Denn die Erkenntnisse, die Techniker gewannen, waren eher dazu angetan, die Einschätzung der Sicherheitslage zu dramatisieren.

Denn erstens führten die Verkleinerung der Sieb-Maschenweiten und die Vergrößerung der Ansaugflächen lediglich dazu, dass sich der Brennpunkt des Problems aus dem Reaktorsumpf direkt in den Reaktorkern verlagerte. Dort können sich die Fasern an Reaktoreinbauten ablagern und wie die Haare im Ablauf einer Dusche zu einer Art Filz verdichten. Es droht partielle Verstopfung direkt im Herz der Maschine. Zweitens kann sich das Problem gerade in deutschen Meilern verschärfen, weil „Erosionskorrosion“ feinste Zinkpartikel aus den Reaktorstrukturen herauslöst, die sich dann an die Fasern setzen. Experten fürchten eine „sich selbst verstärkende Verstopfung“.

Hoffen, das alles gut geht

Die nicht eben beruhigenden Nachrichten führten lediglich dazu, dass die Atombehörden der Bundesländer im Verein mit den Betreibern gegenüber der Atomaufsicht im Bundesumweltministerium erklären mussten, warum eine Sumpfsiebverstopfung im Ernstfall dennoch harmlos verlaufen würde. Die Betreiber verkleinerten noch einmal die Maschenweiten und installierten eine Möglichkeit, die Pump-richtung umzukehren, um verstopfte Siebe im Ernstfall von Faserfilz und zerbröseltem Dämmmaterial zu befreien. Diese so genannte „Rückspülung“ ist alles andere als harmlos: Denn in einer ohnehin brisanten Situation muss dafür die Kühlung des Reaktors gezielt unterbrochen werden. In dieser Phase steigt die Temperatur im Reaktorkern, der Kühlwasserspiegel sinkt – und alles hofft, dass die Siebe anschließend frei von Fasern sind und die Pumpen wieder ordnungsgemäß in die richtige Richtung transportieren.

Eigentlich finden die meisten Verantwortlichen bei den Betreibern der „sichersten Atomkraftwerke der Welt“ das Theater um die Sumpfsiebverstopfung überflüssig. Weil der Störfall praktisch nie vorkomme. Die bislang letzte Bund-Länder-Runde, ob die Diskussion nun abgeschlossen werden kann, tagte jüngst in Berlin. Man vereinbarte das Ende der öffentlichen Auseinandersetzung. Alle Atomaufsichtsbehörden sind mittlerweile Unions-geführt. Ein Votum aus der Reaktorsicherheitskommission, das auf „grundlegende Klärung“ besteht, heißt nun „Einzelmeinung“.

RWE-Chef Jürgen Großmann kann sich entspannen.

Gerd Rosenkranz ist Leiter Politik der

Deutschen Umwelthilfe

16:50 02.07.2010

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