Überholen ohne einzuholen

Schrittmacher für Ost- und Südostasien Die Volksrepublik China vollendet mit der WTO-Mitgliedschaft ihre weltwirtschaftliche Emanzipation und empfiehlt sich als Konjunkturlokomotive im "ASEAN + 3"-Verbund

Der britische IT-Konzern Vodafone hat sich durch den Erwerb eines Aktienpakts der China Mobil Hongkong auf dem chinesischen Mobilfunkmarkt etabliert. Und der Chefökonom von Stanley Morgan in Hongkong empfiehlt ausländischen Investoren Anlagen im Einzelhandel, in den Medien und städtischen Dienstleistungsunternehmen sowie im Immobiliensektor der Volksrepublik. Während die südostasiatischen "Tigerstaaten" teilweise noch mit Folgen des Börsen- und Währungscrashs von 1997 zu tun haben und Japan den Konjunktureinbruch auf dem US-Markt kompensieren muss, übernimmt China ökonomisch eine Vormachtstellung in der Region. Der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) hebt den Wettbewerb auf eine neue Stufe - ein Markt mit 1,3 Milliarden potenziellen Kunden wird so offen sein wie nie zuvor in der Geschichte des asiatischen Wirtschaftsraumes.

Der höchste Turm der Welt, in Kuala Lumpur gerade fertiggestellt, wirkt wie ein unerschrockener Praeceptor Asiae, der dem niedergehenden Westen das Angebot unterbreitet, ihn in das Geheimnis des Erfolgs einzuweihen. Keine Frage, in ein paar Jahren dürfte Malaysias Hauptstadt zu den ersten Metropolen der Welt gezählt werden. Japan, China, Südkorea und die "Tigerstaaten" - sie alle bilden die emerging markets in Südost- und Ostasien, mit denen das "Pazifische Jahrhundert" begonnen hat. Noch 1997/98 sah sich die Region einem jähen Absturz ausgesetzt. Für einige Staaten folgte der Canossagang zum IWF, wo seinerzeit allen Ernstes erwogen wurde, ob man nicht Südkorea - die elftgrößte Industrienation der Welt - einfach bankrott gehen lassen könne wie ein Unternehmen, dem die Liquidität ausgeht. Vier Jahre später sind die Folgen des großen Crashs teilweise überwunden. Das gelang auch deshalb, weil sich die Volksrepublik China dem Abwertungswettlauf entziehen und partielle Einbrüche im Export mit klassisch-keynesianischem deficit spending kompensieren konnte.

Vom "asiatischen Modell" redet derzeit niemand mehr, doch vor voreiligen Schlüssen sei gewarnt. Unzweifelhaft ist die Region der heutigen "ASEAN+3"-Staaten (*), von der koreanischen Halbinsel bis zum Golf von Bengalen mitsamt den vorgelagerten Inseln zu einem eng verflochtenen Wirtschaftsraum geworden und imstande, sich auch politisch als selbstständiger Pol des globalen Kräftespiels zu formieren. Verglichen mit der Bilanz ähnlicher Versuche, sich des Erbes kolonialer Wirtschaftsstrukturen sowie "importierter" Konflikte zu entledigen - etwa in Lateinamerika oder Afrika - nimmt sich die Entwicklung in Ost- und Südostasien durchaus erfolgreich aus. Insofern hat sich mit dem industriellen Boom der "Tigerstaaten" Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur (mit einigen Abstrichen Thailand, Malaysia, Indonesien) sowie dem Aufstieg Chinas zur viertgrößten Handelsmacht eine Entwicklung vollzogen, in deren Folge der Ferne Osten zum dynamischsten Pol der Weltökonomie werden könnte.

Verantwortung für die Region

Mit der WTO-Mitgliedschaft wird die Volksrepublik China ihre makroökonomische Emanzipation vollenden. Die Asienkrise vor vier Jahren konnte die chinesische Wirtschaft relativ unbeeindruckt überstehen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs 1999 um sieben, im vergangenen Jahr sogar wieder um acht Prozent (1. Halbjahr 2001: + 7,9). Die Ausfuhren stiegen 2000 gegenüber 1999 sogar um 30 Prozent - und dies, ohne die Landeswährung massiven Kursverlusten aussetzen zu müssen. Gerade der Verzicht auf einen Abwertungswettlauf mit den "Tigerstaaten" wurde von der Regierung des Premiers Zhu Rongji als Ausdruck der Verantwortung für die gesamte Region herausgestrichen. Sogar die Rolle einer "Konjunkturlokomotive" für den gesamten südostasiatischen Raum scheint nach der Dynamik der ersten sechs Monate dieses Jahr wirksamer denn je. Auch wenn der chinesische Binnenmarkt einige der erhofften Wachstumsimpulse schuldig blieb, ließ sich doch durch den boomenden Export ein Konjunktureinbruch vermeiden. Im ersten und zweiten Quartal lag der Anstieg der Ausfuhren auf den asiatischen, europäischen und US-Markt bei durchschnittlich sieben bis acht Prozent (s. Übersicht), ein Trend, der bisher allerdings durch anziehende Preise auf dem Weltrohölmarkt deutlich zu Lasten des gewohnten Handelsbilanzüberschusses geht.

Ein Blick auf den Inlandsmarkt verrät, dass sich der chinesische Konsument derzeit offenbar mit einer komfortablen Sparquote gegen das von Zhu Rongji während des Nationalen Volkskongresses (NVK) im März en détail erläuterte Reformprogramm abpolstert, da der Arbeitsmarkt bereits nachgibt und nach einer im Juni offiziell mit 3,2 Prozent angegebenen Erwerbslosenquote zum Jahresende mit mehr als fünf Prozent gerechnet wird. Da überrascht es nicht, wenn unter diesen Umständen deflationäre Tendenzen vorherrschen und im ersten Quartal 2001 das Staatliche Statistikbüro (SSB) das Plus beim Konsumentenpreis-Index mit unter einem Prozent angibt. Dieser geringe Zuwachs kam trotz expandierender privater Ausgaben für Mieten und öffentliche Dienstleistungen (Verkehrstarife) in einer Größenordnung bis zu zehn Prozent zustande, was eindeutig auf einen Preisverfall bei Konsumgütern dank einer schleppenden Nachfrage schließen lässt.

Chinas digitale Revolution

Ende 2000 überschritt die Zahl der Mobiltelefon-Abonnenten in China die 50-Millionen-Grenze. In diesem Jahr wird noch einmal mit einem Zuwachs von zehn Millionen gerechnet. Die Volksrepublik ist damit nach den USA und Japan weltweit einer der größten Märkte für Telekommunikation. Die Anzahl der Surfer im Internet lag im Juli 2001 bei 22,1 Millionen - konservative Prognosen gehen für 2003 von mindestens 35 Millionen aus. Eine Quote, die auch weiter ausbaufähig bleibt, da der so genannte "dynamische 400-Millionen-Markt" der kaufkraftstarken Mittelschicht in den Küstenmetropolen bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Der erkennbare Nachholbedarf stellt sich dabei bezogen auf die technologische Innovation keineswegs als Nachteil dar, da bestimmte Entwicklungsphasen übersprungen wurden: China orientiert sich bereits jetzt auf den beschleunigten Ausbau von Breitbandverbindungen, so dass eine Verfügbarkeit des Internets gegeben ist, die europäischen Standards entspricht.

Staatliche Konjunkturprogramme, die sich auf die Infrastruktur, den Wohnungsbau wie auf Entwicklungsvorhaben in den Westgebieten Chinas konzentrieren, sind daher unverzichtbar, da sich ihr Schnittmuster nicht zuletzt nach den Bedürfnissen großer Staatsfirmen richtet. Denen werden so nicht nur neue Märkte eröffnet, sondern auch Einnahmemöglichkeiten verschafft, die zusätzlich an Attraktivität gewinnen, weil bereits seit 1999 äußerst niedrige Zinsen die Bilanzen der Unternehmen entlasten. Staatsfirmen in der Informationstechnologie, der Elektrotechnik, im chemischen und Baugewerbe können außerdem vorhandene Schulden den staatlichen Vermögensverwaltungsgesellschaften (Asset Management Companies/AMC) überantworten, die stornierte Wechsel später in Form von Unternehmensbeteiligungen an Banken oder Privatkunden veräußern - Privatisierung durch Entschuldung unter dem Patronat des Staates. Diese Art der Unternehmenstransformation können auch Unternehmen der chinesischen Verarbeitungsindustrie wählen, die bisher Halbfabrikate importierten, um sie als Fertigprodukte wieder auszuführen, solange technologischer Standard, Qualität und Lohnkostenvorteil für genügend Abnehmer sorgten. Der WTO-Beitritt wird diesem Re-Import Grenzen setzten. Für ausländische Firmen in China wie auch für Joint Venture dürfte es künftig heißen: "Weg vom Produzieren in China, hin zum Export nach China".

Technokratische Elite

Vom Erfolg oder Misserfolg der WTO-Mitgliedschaft und damit einer ultimativen Öffnung zum Weltmarkt hängt maßgeblich das Schicksal der Kommunistischen Partei ab, deren Herrschaftsmonopol allen Unkenrufen zum Trotz heute gefestigter erscheint als noch vor zehn Jahren. Die Partei - längst zum Kartell einer technokratischen Elite mit einer metakonfuzianisch-nationalistischen Ideologie transformiert - kann sich an der Macht halten, solange sie ihre Funktion als Garant von "Stabilität und Einheit" in einer sozial segmentierten Gesellschaft zu erfüllen vermag. Und dies wird gelingen, solange die demokratischen Aspirationen der neuen urbanen Mittelschicht (an der Ostküste müssen inzwischen etwa 400 Millionen Menschen dazu gerechnet werden) und die sozialen Abwehrkämpfe der "Modernisierungsverlierer" sich einander gleichgültig, wenn nicht gar feindlich gegenüberstehen. Dies kann sich in einer wirtschaftlichen Krisensituation natürlich schnell ändern, wenn der Regierung Zhu Rongji beispielsweise innere soziale Konflikte über den Kopf zu wachsen drohen, die sich im Gefolge des WTO-Beitritts und unaufschiebbarer Massenentlassungen in der Staatsindustrie mit Sicherheit verschärfen werden.

Der Kalte Krieg ist allerdings vorbei: An der Destabilisierung eines Regimes, das die kapitalistische "Inwertsetzung" so erfolgreich betreibt wie das chinesische, kann keiner westlichen Regierung gelegen sein.

Hubert Zick ist Politologe und arbeitet zu Geschichte und Politik Chinas.

(*) Die zehn Staaten der ASEAN sowie China, Südkorea und Japan.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 31.08.2001

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare