Überlebensmodell Echse

Sirenenklang Brigitte Oleschinski lässt in ihrem neuen Lyrikband "Geisterströmung" winzige Minenschuhe mitten durch Verse laufen

Diese Geisterströmung ist eine verwegene Litanei. Bewundernswerte Zuversicht spricht aus dem neuen Gedichtband der 1955 geborenen Lyrikerin und Erzählerin Brigitte Oleschinski: "die letzten Wanderer // werden Gedichte sein, in der weglosen Landschaft / zerfallener Dateien". Das Buch enthält keine lautmalerische Slampoetry und baut doch ganz auf den mündlichen Ursprung der Dichtung.

Mit dem Versepos hat der Zyklus den großen gedanklichen Entwurf, den weit gespannten Bogen der Phantasie gemein und ist dabei alles andere als altmeisterlich gedrechselt. Er durchstreift die Geschichte der Materie und unseres Planetensystems quasi vom Urknall ("Gas / war die älteste Stille der Welt"), über die Entstehung von Planeten, Sonne und Mond, Nacht und Tag, Meer, Land und Gebirge der Erde über die Entstehung des Lebens, die Ausformung der Tierarten bis zur Spezies Mensch.

Dabei assoziieren die Gedichte bruchstückhaft die Geschichte der Zivilisation einschließlich der Entwicklung von Sprache und der Stiftung von Religionen. Die Lyrikerin entwirft mit Sprachbildern, Klängen und Rhythmen "kleine begehbare Wahnwelten", die sie nahtlos ineinander verschränkt und zu einem System ordnet. Ungeachtet dieser Ordnung mangelt es dem Buch nicht an Kuriositäten: "Geisterimporte" aus Träumen, auf Autopilot geschaltete "Geisterkanzeln" von Erdbebenshuttles, Aliens und aus der Schulter wachsende Flugdrachen sind irreale Zutaten, die befremden. Befremden auszulösen aber scheint mir die erste Voraussetzung für literarische Qualität überhaupt. Ein Schelm, wer sich im Horrorfilm wähnt, im trivialsten Kriminalstück oder im pseudo-utopischen Hollywoodschinken.

"Gedichte ›handeln nicht von etwas‹ wie ein Roman, sie sind Stimmen, die eine andere, eine fremdere Sprache suchen für Liebe und Tod, für das Essentielle jeden Augenblicks", äußerte die Autorin vor fünf Jahren in der der von Joachim Sartorius herausgegebenen Sammlung Minima poetica. Da hatte sie das Essentielle von Augenblicken bereits in zwei Gedichtbänden zur Sprache gebracht. Sowohl in Mental Heat Control (1990) als auch in Your passport is not Guilty (1997) verband sie Gegenstände und Sehweisen, die bislang einander auszuschließen schienen: absolute Hingabe an die Natur und zugleich Vertrautheit mit Technik, Wissenschaft und modernes Großstadtleben. Natürliches und Künstliches vermischte sich, tauschte sich aus: das silbergrün fließende Gras und das Fiepen von Styropor auf Gleisschotter. Landschaften rauschten vorbei, während das Ich - ganz im Zug der Moderne - eine Entgrenzung erfuhr und dabei - beinahe klassisch - in die Natur einging. Das einzelne Gedicht ahmte keine Bewegung der äußeren Realität nach, sondern produzierte selbst Vorgänge und Prozesse - optisch und akustisch. Synästhesien nahmen Gestalt an und waren als Bewegungen spürbar.

All das enthält auch das neue Buch Geisterströmung. Aber aus den einzelnen beweglichen Sprachgemälden, die die Autorin als ein Feuerwerk von Loopings und Bungee-Sprüngen inszenierte, ist nun, im dritten Gedichtband, ein zyklisches Strömen geworden. Einzelne Dinge, Empfindungen und Gedanken sind nur für Augenblicke gestochen scharf erkennbar und verflüchtigen sich sogleich in einer an- und abschwellenden Bewegung, die sich zu einem Muster gruppiert: eine Zeitreise auf drei miteinander verwobenen Ebenen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Während Brigitte Oleschinski mit ihrem zweiten Lyrikband eine poetische Bestandsaufnahme modernen Lebensgefühls vorlegte, etwa Befindlichkeiten anlässlich der Geschwindigkeit und Leichtigkeit, mit der Reisende sich fortbewegen: "Wie Libellen / flitschen wir von Paris nach Athen, von Athen nach Berlin", geht es nun um nichts Geringeres als die Schöpfung. Das ist nicht minder Gedankenlyrik als die früheren Gedichte, doch erscheinen gedankliche Reflexionen seltener im Klartext. In Bildmodellen mit skeptischen Überlegungen etwa zum Vorhandensein eines Schöpfers oder einer schöpferischen Kraft: "im Wachkoma, der Gottesantrieb draußen / im Raum -" oder "nur Materie hat / Materie geschaffen, niemand schuf wir, wir erst / erschuf Gott - ".

Erstaunlich, dass die philosophische Grundierung so gar nicht kopflastig daherkommt, sondern mit einer gesteigerten Sinnlichkeit. Gestalteten die Gedichte der vergangenen Jahre eine im Grunde leere Welt ohne wirkliche Berührungen, ein Leben, in dem etwas fehlt, ohne dass es benannt wurde, so widmen sich die neuen Texte ganz und gar dem Sehen, Schmecken, Riechen, Fühlen, vor allem aber dem Berühren und Hören.

Die Begegnung der durch Indonesien reisenden Westeuropäerin mit der Kultur Südostasiens prägt unübersehbar den Gedichtzyklus. Gestaltete Brigitte Oleschinski einst mit rationalem Kalkül einfache Sinnesempfindungen, so ist nun jegliche Distanziertheit in glühenden erotischen, geschlechtlichen oder einfach nur körperlichen Berührungen aufgehoben. Als unbrauchbar erweisen sich herkömmliche Bezeichnungen wie "Liebesgedicht" oder "erotische Verse". Zwar gibt es Bruchstücke davon auch in Geisterströmung, doch geht es hier eher um eine in nüchterner Sprachökonomie gestaltete Ekstase, in der die Grenzen zwischen Innen und Außen aufgehoben erscheinen. Diese Entgrenzung läuft im Textfluss als ein Prozess ab, als eine "durchlaufende Simulation". Gäbe es einen Film der Evolution und der Zivilisationsentwicklung, könnte man das Ganze als einen rückwärts abgespulten Film betrachten. Doch das hieße ja, dass eine gewisse Chronologie zugrunde läge. Diese Chronologie gibt es hier aber nicht, statt dessen eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse, Orte und Dinge. Eine Hütte am Hang und eine Raumstation am Horizont, die Umlaufbahnen der Planeten und das Ecklokal einer alten Metzgerei, die "Evolutionsarmee", der "dreifaltige Zeugnisbalken", profane Plastikflaschen, Klärwerke, Kanäle, das umweltfeindliche Gift von "Schwefelplantagen großer Fabriken, "prallheiße Kondome" und "kiffsüße Trinkportionen" sind gleichermaßen präsent.

Formal profitiert Brigitte Oleschinski damit zweifellos von der Postmoderne und den assoziativen Sprachspiel-Modellen der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber das Strömen dieses Sprachflusses erschöpft sich nicht im poetischen Verarbeiten von Partikeln aus unterschiedlichsten Bereichen. Unter den Tieren bewegt sich - neben den Insekten - die Echse leitmotivisch als ein erfolgreiches Überlebensmodell der Evolution durch das Buch. Von den menschlichen Figuren beherrscht - neben Kannibalen und einem anrührenden Kind namens Warte - der mythische Orpheus die Szenerie und mit ihm die lange vor dem Schriftlichen existente Tradition und Kraft des Mündlichen und des Gesanges. Und so verwundert es nicht, dass dem Leser Verse aus Brigitte Oleschinskis Essay Argo Cargo aus dem Jahr 2003 wieder begegnen. Da war schon von der "inneren Stimme der Gedichte" und dem "Klang des Denkens" die Rede. Bereits in vergangenen Jahren konnte man sich mit reisenden Ich-Figuren der Gedichte auf Schiffsdecks begeben, doch nun folgt der auf Abenteuer erpichte Leser Orpheus an Bord der Argo, lauscht einem imaginären Wettstreit mit den Sirenen.

Was die Autorin im Essay als "Schattenklang des Vor- und Nicht-Rationalen" bezeichnet, macht sie in Geisterstömung zum dominierenden Gestaltungsprinzip. Das sirenenhaft Schwebende, Schwelende, Verlockende, Unbefestigte und Durchlässige bestimmt die Akustik der Geisterströmung. Die das Buch ergänzende transkulturelle CD Wie Gedichte singen ( mit einem aus Sängerinnen bestehenden Chor, gegen den die Autorin selbst disharmonisch anspricht) ist nur eine logische Folge. Ergänzen sich Buch und CD? Widersprechen sie einander? Das im Schriftlichen erkennbare Strömende des Gedichtzyklus will sich beim Hören der CD nicht so recht einstellen. Befremden auf der ganzen Linie. Eine gewöhnungsbedürfige Kakophonie? Wahnsinn, Nachahmung eines schöpferischen Chaos´ mittels Sprache? Gezwitscher von Scheinstimmen, unzählige in der Alltagssprache kaum zu definierende Geräusche, Reibelaute und "Kunstkopfklänge", flüsterndes Gras, das Knistern von "Wespengespenstern" in Erdnestern, unübersetzbare Zaubersprüche, Gesänge von Zeit und Ewigkeit, Wiedergeburt und Vielfalt mischen sich zu einem tönenden Sprech- und Sprachgewebe, das Sinn simuliert.

Wer dabei an l´art pour l´art denkt, geht fehl. In allem steckt jenes "Wissen Kritik Ironie", das mit "Cargo Global" die gegenwärtigen Weltprozesse reflektiert: Kriege, Terror, die globale Ausdehnung weniger großer Konzerne, die fortschreitende globale Vernichtung der Grundlagen des Lebens überhaupt. In den einzelnen Passagen der geisterhaft strömenden Reise versteckt sich - wie es an einer Stelle heißt - ein "winziger Minen-/ schuh mitten im Vers". Gegen Ende der irrationalen Schattenklänge spricht Brigitte Oleschinski von ihren Intentionen als Dichterin: "ein paar Wörter retten, Güte // vielleicht, Freude, Erbarmen oder Freiheit, Vielfalt, Zweifel, oder / Gewissen, oder Mut - die Wörter retten // oder was sie bedeuten, oder retten / überhaupt - // oder wenigstens: und".

Brigitte Oleschinski: Geisterströmung. Gedichte. Mit der CD Wie Gedichte singen. DuMont, Köln 2004, 116 S., 19,90 EUR


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00:00 04.02.2005

Ausgabe 39/2020

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