Übernatur am Mount Ventoux

Sportplatz Wenn am Samstag die Tour de France zum sechsundachtzigsten Mal gestartet wird, liegen nicht nur fast 3.500 Kilometer Straße vor dem Feld, sondern ...

Wenn am Samstag die Tour de France zum sechsundachtzigsten Mal gestartet wird, liegen nicht nur fast 3.500 Kilometer Straße vor dem Feld, sondern auch der gefürchtete provenzalische Mount Ventoux. Von ihm sagte Eddie Merckx letztens, er sei kein Berg, sondern ein Pilz, wie er da so kahlköpfig in die Landschaft rage. Im Jahr 2000 gewann hier Marco Pantani im gentlemen's agreement vor Lance Armstrong. In diesem Sommer stehen die Chancen des Amerikaners auf den prestigeträchtigen Etappengewinn aber sehr gut. Pantani ist dagegen gesperrt, wegen Besitzes unerlaubter Substanzen auf dem letztjährigen Giro d'Italia.

Spätestens seit 1998, als Pantani jene Tour gewann, die durch Einwegspritzen im Hotelmüll, tagsüber streikende und des Nachts verhaftete Fahrer von sich reden machte, kommt der Radsport vom Doping nicht los. Fahrer haben mittlerweile davon berichtet, dass man ohne systematisches Doping nicht mehr in der Weltspitze fahren könne, seit mit Anfang der neunziger Jahre synthetisches Erythropoietin verfügbar war, das die Sauerstoffaufnahme des Blutes erhöht. Das führt umgekehrt natürlich dazu, dass man zwar mal die Konkurrenten, nie aber das Misstrauen abhängen kann. So ging es Armstrong immer, wenn er an einer der Steigungen des Jahres aus dem Sattel ging und Jan Ullrich plötzlich wie ein alter Mann wirkte. Übernatürlich sei Armstrongs Leistung, heißt es immer wieder in aller Doppeldeutigkeit. Ob das ein Nebenwettkampf in verbaler Unsportlichkeit ist oder die Skeptiker zu Recht welche sind, kann - und das ist das Dilemma - grundsätzlich nicht geklärt werden.

Die Eitelkeiten der Ankläger, seien es Politiker, Staatsanwaltschaften oder Sportler verstellen dabei nur den Blick. So behauptete der nach der 98er Skandaltour zu einer Haftstrafe verurteilte ehemalige Masseur Willy Voet im Aktuellen Sportstudio er kenne "keinen Toursieger der letzten Jahre, der nicht gedopt gewesen" sei. Das war juristisch schlicht nicht zu beanstanden. Die Polizeien benahmen sich auch mehr als respektlos, wenn sie ohne medizinische Fachkenntnis Razzien in Hotelzimmern durchführten und die Sportler auf diese Weise mitten im dreiwöchigen Rennen um halbe Nächte gebracht wurden. Und die italienische Staatsanwaltschaft gab Informationen über die gefilzten Fahrer so merkwürdig heraus, dass sie den Verdacht auf sich zog, bloß die mediale Ausbeute maximieren zu wollen. In einem Fall wurde zum Beispiel nach Monaten bekannt gegeben, dass die konfiszierten Ampullen Kochsalzlösung enthielten. Von Jan Ullrich, der heuer verletzt pausiert, gab man bekannt, er sei unter den Fahrern, die verbotene Substanzen besaßen, sagte aber nicht dazu, dass es sich um ein Medikament gegen allergisches Asthma handelte. Einerseits hatte Ullrich eine Genehmigung des Weltradsportverbandes, andererseits handelte es sich um eine Behandlung, die jeder Arbeitnehmer an sich durchführen lassen muss, will er nicht seinen Arbeitsplatz verlieren: Wegen Heuschnupfen schreibt kein Arzt heute krank. Dies genau ist die Stelle, an der eine Unterscheidbarkeit von Doping und medizinischer Betreuung nicht mehr existiert. Man wird ja nicht im Ernst fordern wollen, dass ein Hochleistungssportler weniger ärztliche Kunst genießen darf, als die Kassiererin im Supermarkt. Oder dass der von einer Allergie geplagte Sportler automatisch seinem nicht allergischen Kollegen unterlegen sein soll.

Statt dessen möchte man von einem Gleichheitsprinzip ausgehen, gleiche Chancen für alle Fahrer. Nur: Die Fahrer sind ungleich und der Wettbewerb ist wesentlich durch nichts als diese Ungleichheit begründet. Gerade die Champions weisen oft eklatante Abweichungen von der Norm auf. Die Muskeln von Eddie Merckx produzierten kaum Milchsäure, Muskelkater kannte er auch dann noch nicht, wenn die Beine der anderen schon hart wie Beton waren. Gregor Braun verfügte über ein Lungenvolumen von mehr als acht Litern, normal ist die Hälfte. Auch im Hämatokritwert, der bei Erhöhung auf Höhentraining oder Epomissbrauch nur hinweist, aber nichts beweist, gibt es natürliche Ausreißer. Jede Regel bleibt letztlich Willkür, die willkürliche Definition eines gesunden Körpers, die gegen die Varianz der Natur nicht absolut standhalten kann. Für die Sportler sind solche Bestimmungen deshalb kaum hinnehmbar. So wie der nicht von einer Allergie geplagte Fahrer auf das bronchialerweiternde Cortisonspray verzichten muss, obwohl es auch ihn schneller machen würde, so musste Pantani, in Führung liegend, mit zu dickem Blut vom Rad. Mit gutem Recht: Herzinfarktgefahr!

Die Freigabe des Dopings, wie sie der greise Juan Antonio Samaranch oder der Organisator der Deutschland-Tour Franz Reitz schon forderten, würde sehr wahrscheinlich dazu führen, dass früher oder später doch wieder einer tot vom Rad fällt. So ging es 1967 Tom Simpson am Mount Ventoux. Nach einer Version hatte er neben manch anderem Mittelchen am Fuß des mörderischen Berges in einer Bar noch schnell einen Cognac gekippt: Prophylaxe gegen die vor ihm liegenden Schmerzen, die im Anstieg die Macht über seinen Körper übernehmen würden. Dem war das zuviel, und während man sich fragen kann, warum einem Menschen der Wahnwitz einer solchen doppelten Belastung - körperliche Extremleistung plus gesundheitliches Risiko durch Manipulation - überhaupt willentlich möglich ist, möchte kein Zuschauer aus der Eventualität eines live gesendeten Kollapses seine Erregung speisen. Eine "saubere" Tour ist deshalb schlicht eine, auf der allseits die Vernunft mitfährt. Das wieder ist sehr viel verlangt in einer Veranstaltung, in der es auf allen Seiten um Emotionen und Grenzerfahrungen geht und gehen soll. Vielleicht wollte die Tourleitung mit der klassischen, fürchterlichen Etappe am Ventoux ja auf diese ewige Problematik hinweisen. Das ist makaber, fährt doch der tote Simpson da immer mit.

00:00 05.07.2002

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