Über dem Regenbogen

Retrospektive King Vidor drehte Monumentalfilme, Billigwestern und einige ikonische Momente
Über dem Regenbogen
Für viele der beste Vidor-Moment überhaupt: Wenn sich James Murray in The Crowd (1928) mit erhobenen Armen gegen die Flutrichtung des anonymen Menschenstroms stellt

Foto: Prod.DB/Imago

Betrachtete man die Geschichte des Kinos als eine Aneinanderreihung von besten Filmszenen, so hätte King Vidor seinen Platz im Olymp sicher. Nur ist diese fantastische Idee nicht wirklich zweckmäßig. Denn die besten Momente ergeben noch keine besten Filme. Weshalb Andrew Sarris, einer der einflussreichsten US-Filmkritiker der 1960er Jahre, über King Vidor feststellen konnte: „He created more great moments and fewer great films than any director of his rank.“

Doch sind es andererseits nicht genau solche „großen“ Augenblicke, bigger than life, die sich derart fest ins kollektive Kinogedächtnis eingebrannt haben? Wenn Jennifer Jones am Ende von Duel in the Sun (1946) – ein Prestigeprojekt von Studioboss David Selznick, das Vidor eigentlich nicht leiden konnte – in ihrer schwarzen Bluse tödlich verwundet einen felsigen Steilhang hinaufklettert, um mit Gregory Peck nach einem letzten Kuss zu sterben. Wenn Kirk Douglas in Man without a Star (1954) mit seinem Banjo durch den Saloon tanzt. Wenn in Beyond the Forest (1949) Bette Davis in einem ihrer besten Filme den „Stachel des Bösen“ so schmerzhaft fühlt, dass sie sich schminkt, die Treppe hinunterwankt und schließlich am Bahnhof tot zusammenbricht – mit offenen Augen. Oder wenn in The Crowd (1928), für viele der beste Vidor-Moment überhaupt, James Murray mit erhobenen Armen sich gegen die Flutrichtung des anonymen Menschenstroms stellt.

Die King-Vidor-Retrospektive der Berlinale erforscht ein vielfältiges Lebenswerk. Edle und billige Studiowestern, bittere Sozialdramen mit großem Einfluss auf den italienischen Neorealismo, New-Deal-Filme über die Große Depression und düstere Melos mit tollen Stars wie Barbara Stanwyck: King Vidor war für alles gut. Und dennoch war er mehr als das, was man später – je nach Kritikerstandpunkt despektierlich oder wertschätzend – als routinierten Kinohandwerker betrachtete. Geboren 1894 in Texas, noch vor der offiziellen Geburtsstunde des Kinos, drehte Vidor knapp sieben Jahrzehnte lang Filme. Manch richtig guten, viele mittelmäßige, einige schlechte. Gerne erzählte er davon, dass er als Junge einen gewaltigen Hurrikan überlebte und später, bei MGM unter Vertrag, die Wirbelsturm-Szene in The Wizard of Oz (1939) drehen durfte – und Judy Garlands Over-the-Rainbow-Gezwitscher.

Es ist verlockend, Vidors Karriere mit der technischen und gesellschaftspolitischen Entwicklung des amerikanischen Kinos abzugleichen: von den frühen, heute als Meisterwerke anerkannten Stummfilmen wie dem Kriegsfilm The Big Parade (1925) und dem sozialkritischen The Crowd bis zu den aufwendigen Breitwandfilmen der Nachkriegsjahre, wie der Tolstoi-Verfilmung War and Peace (1956) mit Audrey Hepburn und dem Bibel-Monumentalfilm Solomon and Sheba (1959) mit Yul Brynner und Gina Lollobrigida. Vidor war, wie man heute sagen würde, breit aufgestellt.

Doch obwohl seine Filme weniger eindeutig an einer Handschrift zu erkennen sind, war Vidor nicht weniger ein uramerikanischer Filmemacher als die von den Europäern hofierten Ford, Welles oder Hawks. Im Gegensatz zu diesen interessierten King Vidor jedoch universellere Themen, man könnte auch sagen: den Menschen als solchen und wie er in dieser Welt besteht. Oder untergeht. Wie er in bestimmten Situationen den Kampf gegen sich selbst auszufechten glaubt. Beinahe in jedem Film von King Vidor finden sich diese inneren und äußeren Kämpfe, von Männern und – in seinen späteren Arbeiten sehr häufig – tragischen Frauenfiguren gleichermaßen. Krieg, Armut, Krankheit, Verletzungen des Körpers und Verwundungen der Seele bestimmen die Verhältnisse, aus denen es so oft kein Entrinnen gibt. Die Tragik dieser Figuren liegt immer auch darin, dass sie bis zuletzt glauben, etwas ändern – und das heißt: in diesem Amerika etwas aus sich machen – zu können.

In seinem unter einem Pseudonym 1964 entstandenen, auf 16mm gedrehten Kurzfilm Truth and Illusion sieht man zu Beginn idyllische Naturaufnahmen. Durch diesen philosophischen Essayfilm mit dem Untertitel An Introduction to Metaphysics kann man mehr über Vidor erfahren als durch zwei Dutzend seiner Spielfilme. „The stars shine. The wind blows. A dog sleeps, and children play“, so Vidors Erzählstimme zu den entsprechend illustrativen Bildern. Sterne, Wind und Blumen, die Menschen würden die Welt als gegeben hinnehmen, solange die Ordnung der Dinge aufrechterhalten bleibt. Doch die Welt, wie wir sie sehen, hängt davon ab, wie wir sie wahrnehmen, und deshalb habe jeder von uns, so Vidor in seiner Autobiografie A Tree is a Tree, eine Mission zu erfüllen. Für sich und für alle anderen.

In King Vidors Filmen geht es für seine Figuren stets darum, eine Bedeutung zu finden in dem, was sie tun, wogegen sie ankämpfen oder wofür sie sich einsetzen. Das mag man als die einfachste Sache der Welt betrachten, im Grunde ist es jedoch eine der schwierigsten Aufgaben, die man sich vorstellen kann.

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06:00 23.02.2020

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