Über dem Vulkan

Bücherturm Erhard Schütz erkennt das All als Dampf, wühlt sich durch Fake News, verfolgt Flüchtlingsdebatten von 1709 – liest, liest und liest

Weltall, Erde, Mensch. Stefan Klein ist der Bruno H. Bürgel (1875-1948) unserer Tage. Wie der Kosmos, Gesetze und Wunder erklärte, ist Klein ein Naturwissenschaftspublizist auf der Höhe der Zeit. Was viel heißt, denn das heutige naturwissenschaftliche, speziell das astrophysikalische und kosmische Wissen (wie das Wissen um das Nichtwissen) sind vielleicht nicht Lichtjahre, aber doch planetenweit von Bürgels ehrfurchtheischender Naturfrömmelei entfernt.

Allerdings beginnt auch Klein mit der andächtigen Ehrfurcht angesichts einer Rose – wie wunderbar doch alles mit allem zusammenhängt. Dann führt es naturgemäß zur der Formel: Wir wissen so viel mehr als je zuvor, naturgemäß in die übergehend, dass unser Wissen nur eine Insel in einem Meer von Nichtwissen sei, wobei schon die Insel das Problem hat, eigentlich nur Nichts zu sein. Doch Klein weiß ungemein plastisch und anschaulich die kompliziertesten Zusammenhänge zu entwickeln, ohne dass man je als Einfaltspinsel behandelt würde. Von Anekdoten ausgehend, entwickelt er größere Zusammenhänge, wie das Wissen, wie Theorien sich entwickelten, wie Licht zum Beispiel Energie und Information zugleich ist, was wiederum Einsteins Verstehen zu verstehen hilft, was der Laplace’sche Dämon den Wetterprognosen oder dem perfekten Schachcomputer antut, wie zufällig der Zufall ist, wie bei näherem Hindenken das vermeintlich Solide sich in noch weniger als den Dampf auflöst, in den sich alles Stehende und Ständische einstmals verflüchtigen sollte. Wie Masse aus der „Zähigkeit der Leere“ resultiert – und auch die schröckliche Entropie darf nicht fehlen. Unvorhersehbarkeit ist einer der Strings, die das Buch durchziehen, das uns den Weg der Erkenntnis als Wendeltreppe verspricht.

Erhard Schütz, geboren 1946, war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er regelmäßig die Sachbuchkolumne Sachlich richtig

Im Sommer 1709 registrierte man circa zehntausend sogenannte Pfälzer auf englischem Boden. Unter den Verheerungen durch Frankreich, vor allem durch den fürstlichen Abgabendruck, auch wegen des extrem kalten Winters in den Jahren 1708 und 1709, waren sie aus der Kurpfalz oder Hessen-Darmstadt über die Niederlande nach England gelangt, zum Teil durch Werber angelockt. Die Bauern und Winzer, Lehrer und Handwerker diverser Profession konzentrierten sich in der Nähe von London. Im Nu war die Region mit ihrer Versorgung überfordert. Es kam zu Unruhen und heftigen Debatten.

In dieser Situation hat Daniel Defoe, einer der agilsten Publizisten seiner Zeit, eine Denkschrift in Form eines Briefes an eine höhergestellte Persönlichkeit verfasst, die höchst wert ist, wieder gelesen zu werden. Zum einen wegen der aktuellen Parallelen, zum Beispiel der Debatten in einem Land, das unter wirtschaftlicher Flaute litt, ob es sich um Glaubensbrüder oder ob um Wirtschaftsflüchtlinge handele. Ob Privatinitiative ausreiche oder die Regierung eingreifen müsse. Über diese Aktualitäten hinaus ist Defoes Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge interessant durch eine – rhetorisch instrumentierte, aber intellektuell redliche – Bedachtsamkeit von Für und Wider, die den heutigen Debatten in der Regel von allen Seiten abgeht, wo gerne der blökenden Hetze einseitige Beschwichtigungen entgegengestellt werden, statt sich die Mühe zu machen, alle Argumente zu wägen.

Schon deshalb müsste Defoes Traktat in jedem schulischen Unterricht seinen Platz finden. Wobei man auch bedenken könnte, dass es damals meist um anspruchslose Familien mit brauchbaren Kenntnissen und Fähigkeiten, heute mehrheitlich um junge Männer mit hohen Ansprüchen, aber wenig Qualifikation handelt.

Als 2014 in Catania die Fischplatte einiges teurer sein soll als in der Speisekarte angegeben, ist der Computer dran schuld. Als in Patti 2015 die Anmeldung des Agriturismo den Autor als DDR-Bürger ausweist, ist es auch wieder der Computer. Endlich gibt es auch einen, der in Porticello aus voller Kehle „Volare – oho“ singt. Porticello wirkt gegenüber früher gepflegter. Aber nur in den Hauptstraßen, sagt der Einheimische. Und um auch das anzusprechen, mit der Mafia geht es bergab: 2013 nur noch drei oder vier statt früher zwei-, dreihundert Mafiamorde. 2014 wehren sich die kleinen Geschäfte massiv gegen Schutzgelderpressung. In Corleone gibt es Benetton und Geox. Welch Selbstvertrauen muss man haben, wenn man aus Touristenperspektive über Sizilien schreiben will, wo doch – sagen wir: seit Goethe – gerade darüber eine mehrfache, kaum noch zu durchdringende Schicht an Texten liegt. Goethe-, Staufer- und Orientkult, Bella-Italia-Gesänge und Mafia-Mordsgeschichten, Sozioanalysen und EU-Versickerungsrecherchen.

Wie unlängst in seinen Erkundungen zum Ruhrgebiet, erweist sich Andreas Rossmann in seinem Sizilianischen Tagebuch wieder als einer, dem es auf verblüffende Weise gelingt, Landschaft, Leute und Lebensart vorzustellen. Nicht romantisierend, nicht entlarvend, sondern wie aus sich heraus. In Beobachtungen, Lektüren und vielen Gesprächen wird er vom Touristen zum Landeskundler, dessen Mosaik der Insel von Jahr zu Jahr dichter und bunter wird. Begleitet werden Rossmanns Beobachtungen durch Fotos der unvergleichlichen Barbara Klemm, deren Graustufigkeit einen ganz eigenen Kontrast zeitloser Vergangenheit bildet.

Der Dreißigjährige Krieg, dessen Jubiläum 2018 bereits von Kehlmann bis Münkler seine Bücherschatten vorausgeworfen hat, war nicht zum wenigsten Produkt und Generator von Gerüchten – vulgo: Fake News – zugleich. Getragen vor allem vom Medium der Flugblätter waren sie, so Stefan Wolle (allerdings über die DDR), „Ersatzöffentlichkeit des ‚kleinen Mannes‘“. Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff knüpfen an ihr 2002 bei Ch. Links erschienenes Buch Deutsche Legenden nun mit einer Revue von Fake News des 20. und 21. Jahrhunderts an. Dabei sind die Zahlen der Teilnehmer von Trumps Inauguration, das 350-Millionen-Versprechen der Brexiteers und die russlanddeutsche Lisa-Kampagne nur Illustrationen im Vorwort.

Während urban legends wie die von der Spinne in der Yuccapalme eher juxig sind, geht es hier um Fataleres, geht es kapitelweise von Kurt von Schleichers angeblichem Staatsstreich 1933 über Hitlers Alpenfestung, die von US-Imperialisten der DDR angetane Kartoffelkäferplage, die KZ-Bauer-Kampagne gegen Lübke, die angebliche Isolationsfolterhaft der RAF-Häupter, Waldsterben, Kosovo-Krieg und Finanzkrise bis zur Massenzuwanderung 2015. Mal konziser, mal anekdotischer. Allemal ein Warnsignal gegen die Gerüchteschleppe im Gefolge von Falschmeldungen, gegen fixe Erregungsgewissheiten nachdenkfreier Weltbildkonfirmation.

Gerüchte, Falschmeldungen. Unlängsthat uns Joachim Radkau mit überzeugenden Beispielen erklärt, wie leicht man sich damit lächerlich machen kann, da erscheint eine Prognose der CIA zur Entwicklung der Welt bis zum Jahre 2035. Nicht eigentlich die CIA, sondern der National Intelligence Council hat unter Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure zwischen Wissenschaft und Diensten verschiedene Zukunftsszenarien durchgeprüft. Das Ergebnis ist, wie schon der Untertitel Das Paradox des Fortschritts nahelegt, ein Entweder-oder und Sowohl-als-auch. Fortschritt gibt’s technologisch, ansonsten sieht es eher nach Zerschredderung aus. So wie jetzt wird es sein, nur unvorhersehbarer und unangenehmer, eventuell insulär auch besser. So kann man’s im Fazit lesen. Obenan die Entkoppelung von Technologieinnovationen und Sozialverträglichkeit, die Ubiquisierung und Molekularisierung des Terrors und Ideologisierung von Geopolitik, Emotionalisierung und Irrationalisierung des Verhaltens von Bevölkerungen unter Migrations- und Verteilungsdruck, Konflikte zwischen alternden Insassen und jungen Zustromern, Unkalkulierbarkeit geschwächter nationaler Regierungen, unwägbare Außenpolitik zur Stabilisierung der innenpolitischen Lage. Fazit: Regieren wird schwieriger und verlockt daher zu Allianzen mit nichtstaatlichen Akteuren, NGOs oder missionarischen Wirtschaftsunternehmen. Akteure, das Inkalkulable der Erwartungen nehmen zu, ab hingegen Sicherheit, Planbarkeit und Hoffnungen. Bleibt der Trost, dass es bei vernunftgeleiteteren Individuen, Gruppen und Staaten auch anders kommen könnte. Oder die mythische Hoffnung, dass der Speer, der die Wunde schlug, sie auch heilt.

Das ist zumindest lesenswert als Anlass zur Skepsis gegen Freundseligkeiten und Vergeschwisterungsträume. Viel spricht dafür, dass die Gutartigkeit ihr Gegenteil erreicht. Aber auch dies noch: Die Studie erhofft sich von mehr Rechten für Frauen eine zivilisierende Wirkung auf die jungmännlichen „Aggressionskulturen“.

Wer zu den Büchernarren gehört, wird närrisch bei der Vorstellung, niemals alle vorhandenen Bücher nur irgend lesen zu können, noch närrischer aber, erfährt er von solchen, die er niemals wird lesen können, weil verschwunden oder vernichtet, ehe sie zu Büchern werden konnten. Immerhin kann er sich nun Salz in die Wunde reiben, indem er darüber liest. Giorgio van Straten hat ein kleines, feines Bändchen zu acht verschwundenen „Meisterwerken“ geschrieben. Auch wenn Witwen (oder wie im Falle Sylvia Plaths: Witwer) schuld sind, ruft er nicht zu deren Verbrennung auf. Moderat wägt er ab, prüft Varianten und Möglichkeiten. Dass Freunde die Memoiren Lord Byrons nach dessen Tod vernichteten, kann er nachvollziehen, denn die darin offen bekundete Homosexualität wäre seinerzeit ein Verdikt über das gesamte Werk gewesen. Im Falle von Ernest Hemingway war es die Unachtsamkeit der Noch-Ehefrau, der das Manuskript gestohlen wurde; im Falle von Malcolm Lowry brannte die Hütte ab, in der er gegen seinen Suff anschrieb. Nichts weniger als seine Version der Göttlichen Komödie hatte es werden sollen!

Eine Göttliche Komödie der Steppe hatte Gogol im Sinn, doch fiel der zweite Teil von Die toten Seelen seiner Perfektionsobsession zum Opfer. Walter Benjamin schleppte trotz Herzkrankheit bis zuletzt eine schwere Aktentasche mit, die nach seinem verzweifelten Suizid in Port Bou verschwand. War darin das wahrhafte Passagen-Werk, wiewohl er doch bei Georges Bataille eine (Foto-)Kopie hinterlassen hatte? Im Falle von Bruno Schulz war es nur allzu klar: Sein nicht minder sagenumwobenes Messias-Buch verschwand, als ein Nazi-Scherge ihn ermordete.

All dies nicht zuletzt ein Anreiz, sich wieder mit den erhalten gebliebenen Werken zu befassen, so mit Malcolm Lowrys Unter dem Vulkan oder mit Romano Bilenchis Anna und Bruno oder Die unmöglichen Jahre, beide einst bei Wagenbach erschienen.

Info

Das All und das Nichts: Von der Schönheit des Universums Stefan Klein S. Fischer 2017, 240 S., 20 €

Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge Daniel Defoe Heide Lipecky (Übers.), dtv 2017, 88 S., 8 €

Mit dem Rücken zum Meer. Ein sizilianisches Tagebuch Andres Rossmann, Barbara Klemm (Fotografien) Walther König 2017, 200 S., 18 €

Fake News machen Geschichte. Gerüchte und Falschmeldungen im 20. und 21. Jahrhundert Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff Ch. Links 2017, 328 S., 20 €

Die Welt im Jahr 2035: Gesehen von der CIA. Das Paradox des Fortschritts Enrico Heinemann Christoph Bausum, Karin Schuler (Übers.), C. H. Beck 2017, 318 S. , 14,95 €

Das Buch der verlorenen Bücher: Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens Giorgio van Straten Barbara Kleiner (Übers.), Insel 2017, 167 S., 16 €

06:00 24.12.2017

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