Über die Platte

Comic Markus „Mawil“ Witzel zeichnet in seiner Coming- of-Age-Story „Kinderland“ den letzten Sommer der DDR mit wohltuender Melancholie
Jonas Engelmann | Ausgabe 30/2014 2
Über die Platte

Bild: Mawil

Ostberlin, Sommer 1989, und keine Grenze kann ihn aufhalten: Schon nach wenigen Seiten knallt der erste Tischtennisball – „Pock“ – über den Bildrand hinweg und – „Ping“ – hinein ins nächste Bild. Ihm werden im Laufe der fast 300 Seiten unzählige folgen. Geschlagen hat den Ball Mirco Watzke, wenn auch eher zufällig mit einem Comicheft auf dem Pausenhof. Es ist der Beginn einer innigen Beziehung zum Tischtennis, ein Sport, für den der 13-Jährige schließlich sogar fast den Mauerfall verpasst. Kein Zufall dagegen ist es, dass Mirco Watzke die gleichen Initialen trägt wie der 1976 in Ostberlin geborene Comiczeichner Markus Witzel, genannt Mawil, der sieben Jahre an seiner bislang umfangreichsten und wie immer autobiografisch gefärbten Geschichte Kinderland gearbeitet hat. Die Themen: Tischtennis, Schüchternheit, Erwachsenwerden, Stress mit Lehrern und Mitschülern und am Rande irgendwo: das Ende der DDR.

Der Comic spielt in der Zeit vom Sommer bis zum Herbst 1989. Kinderland wirkt erst einmal wie ein naives Spiel mit dem kindlichen Blick auf weltpolitische Ereignisse. Der schleichende Zerfall des sozialistischen Systems wird nur nebenbei erzählt, in einer karikaturhaften Ästhetik, mit teils platten Witzchen, so heißt zum Beispiel die überengagierte FDJ-Gruppenratsvorsitzende mit dem Topfschnitt-Pony Angela Werkel. Erst nach und nach erschließt sich die politische, ästhetische und emotionale Tiefe dieser Beschreibung des sozialistischen Systems. Das hat er zuletzt auch die Jury des Max-und-Moritz-Preises überzeugt, die Kinderland Anfang Juni mit dem bedeutendsten deutschen Comicpreis ausgezeichnet hat. Damit würdigt sie auch einen seit einigen Jahren anhaltenden Trend, geschichtliche Ereignisse in Comicform zu erzählen. Nicht die große, vorgeblich objektive Geschichte erzählen solche Bücher, sie zeigen stärker noch als Prosa bereits durch ihre Form, das gezeichnete Bild, wie sehr der Blick auf die Geschichte von der subjektiven Wahrnehmung des Zeichners/Autors geprägt ist. Das gilt auch für Kinderland.

„Ich kann nich!“

Der Außenseiter Mirco Watzke, Brillenträger, Kind der moderat systemkritischen Eltern Manfred und Marlies Watzke, geht in die siebte Klasse und heimlich zum Messdienerdienst. Er hat Stress mit älteren, brutalen Mitschülern, beginnt sich für das andere Geschlecht in Gestalt von Mechthild zu interessieren und freundet sich mit dem Troublemaker Torsten Maslowski aus der Parallelklasse an, mit dem er nach einigem Hin und Her anlässlich des Geburtstags der Pionierorganisation ein Tischtennisturnier planen darf. Und in ebendieses Turnier bricht plötzlich die politische Realität in Form des Mauerfalls herein: „Ich kann nich in’n Westen! Wir müssen unser Turnier machen! Wir ham jetzt schon alles geplant“, schreit er verzweifelt, als die euphorischen Eltern ihn ins Auto zerren, um an den Ort des Geschehens zu fahren. Das Ende der DDR ist für Mirco Watzke vor allem ein verpasstes Tischtennisturnier, der Mauerfall eine Tragödie, die Menschenmassen in Berlin-Mitte drohen ihn fast zu verschlucken, bedrohliche Schatten umfassen den Jugendlichen, der doch gerade über den neu entdeckten Sport zum Befreiungsschlag ausgeholt hatte: heraus aus der Schüchternheit, aus dem Schatten seiner Mitschüler und der Autorität seiner Eltern. Die Umwälzungen in der Welt der Erwachsenen reißen Mirco aus seinem vorsichtigen Herantasten an das, was es heißt, erwachsen zu werden.

Dieser Blick auf die verlorene Kindheit und Jugend, die nicht zurückzuholende Zeit, in der Zweifeln erlaubt und Unsicherheit normal ist, zeichnet alle Comics von Mawil aus. Immer wieder beschreibt er, mal mehr, mal weniger autobiografisch, Außenseiter, das Anderssein (Das große Supa-Hasi-Album) und Dazugehörenwollen, den alltäglichen Kampf in der Pubertät, unglückliche Lieben (Wir können ja Freunde bleiben) und die Flucht in Musik (Die Band), Comics oder eben Tischtennis. In Kinderland ist dieser leicht melancholische Blick jedoch besonders wohltuend.

Lehrer, Eltern, Schüchternheit

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls werden bald unzählige Bücher zum Thema erscheinen, manche mahnend, andere verklärend, von Helden und Gescheiterten erzählend, vom Widerstand des Volkes, von Stasi und Toten an der Mauer. All dies fehlt in Mawils Kinderland, die Kämpfe, die der Protagonist darin ausfechten muss, sind die gleichen wie überall auf der Welt: gegen die Schüchternheit, gegen Lehrer und Eltern, die Forderungen stellen. Der Kapitalismus hat zwar die bessere Musik und vor allem die besseren Tischtennisschläger, ein genaueres Bild hat Mirco jedoch nicht vom „Westen“. Wozu auch, der Kampf darum, der Beste zu sein, findet an der Tischtennisplatte der Ostberliner Schule genauso statt.

Ohne Verklärung, aber auch ohne Anklage erzählt Mawil von den kleinen Erlebnissen auf dem Weg zum Mauerfall, von den unmerklichen Veränderungen, die Mirco kaum wahrnimmt, der Leser aber umso stärker – wenn etwa die regimetreue Russisch-Lehrerin heimlich den Spiegel liest oder die Schüler in Fantasie-Englisch Depeche Mode singen –, und von einer Welt, die aus dem Gleichgewicht gerät. Spätestens da zeigt sich, dass die Idee des Tischtennisturniers und der Bälle, die über die Bildränder hinweggeschmettert werden, mehr sind als nur eine ästhetische Spielerei. Immer mehr Grenzen lösen sich im Laufe des Comics auf, im Persönlichen wie im Politischen, bis beim zentralen Tischtennismatch des Buchs, das sich über 30 Seiten zieht, schließlich überhaupt keine Bildränder mehr die Geschichte aufhalten und einfangen können. Die Grenzen im Kopf und in der Realität sind verschwunden, die DDR ist ebenso Geschichte wie die Kindheit Mirco Watzkes. „Ihr seid doch keine Kinder mehr“, lautet der letzte Satz des Comics. Die Wende ist vollbracht, und nun geht es irgendwie anders weiter. Spannend ist das, was passiert auf dem Weg ins Dasein als Erwachsener, so oder so.

Kinderland Mawil Reprodukt 2014, 296 S., 29 €

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