Jutta Heeß
Ausgabe 5114 | 31.12.2014 | 06:00 4

Über die Schmerzgrenze

Leistungssport Zwei aktuelle Romane beschäftigen sich mit dem Frauenturnen und seinem Bild von Weiblichkeit

Über die Schmerzgrenze

Nadia Comăneci 1977, mit 15 Jahren. Da war sie schon dreifache Olympiasiegerin

Foto: Keystone/Getty Images

Die Beine des jungen Mädchens werden gespreizt. Ihr Körper wird im Kreis geschleudert, ihre Hüfte hart an eine Stange geschlagen. Mit dem Rückstoß fliegt die zierliche Figur in einer halben Schraube kopfüber durch die Luft. Ihre Hände bekommen eine Stange zu fassen, dann eine zweite, ihre Beine rauschen knapp oberhalb des Bodens entlang, sie rappelt sich wieder auf, ihr Po wird auf die Stange gestoßen, ihr Kopf hängt nach unten. Schließlich wird ihr Körper noch einmal mit voller Wucht gegen die Stange gedroschen, herumgewirbelt, und mit seitlich ausgestreckten Armen fliegt die Turnerin zu Boden. Sie landet auf den Füßen, ihre Arme werden in die Luft gerissen, ihr Rückgrat zum Hohlkreuz durchgebogen. Zwei Mal. Dann tänzelt sie lächelnd aus dem Bild. Ihr Pferdeschwanz hüpft.

Das Mädchen, dessen Körper derart geschunden wird, heißt Nadia Comăneci. Mit diesen Bewegungen gewann sie 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal die Goldmedaille am Stufenbarren. Natürlich ist es nicht ganz richtig, die Übung im Passiv zu beschreiben. Schließlich war die 14-Jährige Herrin über ihren Körper und führte diese extreme Akrobatik bewusst und enorm elegant aus. Sieht man aber genauer hin, erkennt man in den körperlichen Anforderungen sowie im ganzen System des Leistungsturnens der Frauen Brutalität, Zwang und Unterordnung. Ja, auch die männlichen Turner schinden sich, quälen ihre Körper und gehen bei extremen Sprüngen größte Risiken ein. Doch im Gegensatz zu den Frauen haben Männer ihren Leistungshöhepunkt viel später, in der Regel nach der Pubertät, sodass sie mental reifer und selbstbewusster sind. Außerdem ist Männerturnen eher ein Kraftsport, bei dem muskulöse, kompakte Köper erstrebenswert sind, nicht schmalbrüstige Fliegengewichte.

1,55 Meter, 40 Kilo

Nadia Comăneci wog bei einer Körpergröße von 1, 55 Metern 40 Kilogramm und war die erste Turnerin, die je für eine Darbietung mit der Bestnote von 10,00 bewertet wurde – bei der eingangs geschilderten Stufenbarrenkür. Comăneci war das Turnpüppchen par excellence. Jung, federleicht, zuckersüß, entsprungen dem kommunistischen Zwangssystem des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu, das – ähnlich wie die anderen damaligen sozialistischen Staaten – seine hochgetrimmten Sportlerinnen und Sportler als Diplomaten im Trainingsanzug um die Welt schickte.

Comănecis Erfolg war die Fortsetzung einer Entwicklung, die sich bereits vier Jahre zuvor abzeichnete: Die Olympischen Spiele 1972 prägte die zierliche 17-jährige Russin Olga Korbut, die als erste Kindfrau im Turnen gilt. Die Vorteile des Kindlichen sind offensichtlich: Kleine Körper mit wenig Gewicht verfügen über bessere Hebelwirkungen und können Salti, Schrauben, Flickflacks und Handstände leichter absolvieren als große, schwere. Das haben zu Beginn der 70er Jahre Trainer und Funktionäre besonders ausgenutzt, lauter Lolitas trafen sich auf den Matten und an den Geräten. Vorpubertäre Athletinnen, die problemlos zu formen und biegen waren, körperlich und seelisch.

Die turnende Frau mit weiblichen Rundungen war von der Weltspitze abgehängt. Das Leistungsturnen wurde zum Kinderturnen. Einen Einblick in den Turnsport der 70er gewährt die französisch-rumänische Schriftstellerin Lola Lafon. Sie hat das Leben von Comăneci in dem Roman Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte rekonstruiert. Comăneci ging als Siebenjährige zur strengen Turnschule von Béla und Márta Károlyi. Lafon erzählt Szenen aus dem Internatsleben, die verdeutlichen, wie Kinder zu Automatenmädchen wurden, die funktionieren mussten und kein Gramm zu viel wiegen durften. Wenige konnten die Strapazen mit Medaillen krönen, den meisten blieb am Ende ein kaputter Körper und eine kaputte Seele.

So wie Antonia Heinrich. Sie ist die Protagonistin in Evi Simeonis Roman Rückwärtssalto, das zweite Buch, das sich aktuell mit dem Frauenturnen beschäftigt. Die FAZ-Sportjournalistin lässt ihre fiktive Turnerin als 49-Jährige auf ihr Leben zurückblicken. Im Westdeutschland der 70er und 80er Jahre war es nicht das politische System, das Höchstleistungen aus seinen Athleten quetschte, es waren Verbände und Trainer. Antonia lebt unter der Diktatur ihres Übungsleiters, der sie quält, missbraucht und den sie doch heiratet, weil sie sich von dieser Abhängigkeit nicht lösen kann. Auch ihre Karriere beginnt im Kindesalter und endet im Lauf der Pubertät, da ihr Körper sich verändert und den Anforderungen nicht mehr gewachsen ist. „Die normale körperliche Entwicklung wird als Schicksalsschlag empfunden“, sagt Simeoni. „Die Turnerin sieht nicht mehr so elegant aus, sie muss mehr Masse bewegen und hat ein höheres Verletzungsrisiko.“ Der sportliche Ruhestand wird oft erreicht, bevor die Turnerin volljährig ist.

Mädchen oder Kinder?

Simeoni stellt das System kenntnisreich bloß und liefert darüber hinaus die Geschichte einer Versöhnung von Tochter und Mutter. Rückwärtssalto ist kein reiner Turnroman, bietet aber einen verstörenden Blick auf das Innenleben dieses Sports. Als Journalistin hat Simeoni sich ausführlich mit Turnen beschäftigt, für sie ist es mehr als eine Disziplin unter vielen. „Das Frauenturnen ist für mich eine ganz große Metapher für das Leben einer Frau“, sagt sie. „Da ist das Verbiegen, das Sich-Anpassen, das Ertragen von Schmerzen oder die Unterordnung unter den Willen eines Trainers, oft eines Mannes. Und die Frage, was ist eine Frau bereit zu tun, um schön zu sein oder einem Schönheitsideal zu entsprechen?“

Der Turnsport kämpft gegen diese Verkindlichung der Athletinnen. In den 80er Jahren wurde die Altersgrenze für die Teilnahme an Olympischen Spielen von 14 auf 15 Jahre hochgesetzt. Seit 1997 dürfen nur noch mindestens 16-Jährige um olympische Ehren turnen. Eine sinnvolle Maßnahme, die jedoch manche zum Betrug animiert. China zum Beispiel musste die Team-Bronzemedaille der Spiele 2000 in Sydney zurückgeben, da Altersfälschungen vorlagen. Auch bei den Olympischen Spielen 2008 gerieten die chinesischen Turnerinnen unter Verdacht, jünger zu sein, als es in ihren Pässen stand. „Diese Mädchenmannschaft, das waren Kinder“, sagt Simeoni. „Das werden wir immer wieder erleben. Ich weiß nicht, ob man das jemals wieder rückgängig machen kann – diese Entwicklung zu fliegenden Kindern, die Frauen darstellen sollen.“

Sportlerinnen und Sportler sind Vorbilder. Die Verehrung von grazilen Kindfrauen hat also Konsequenzen. Nicht nur die Turnerinnen selbst leiden unter dem Zwang, ihren Körper klein zu halten – auch viele Mädchen und Frauen haben Essstörungen und sind mit ihren Rundungen unzufrieden. „Man kann von einer Tabuisierung des weiblichen Körpers in vielen Bereichen sprechen“, sagt Simeoni. „Es ist doch häufig so, dass weibliche Formen nicht mehr als schön empfunden werden, sondern sogar als störend.“ In anderen Gesellschaftsbereichen wird ebenso häufig eine Norm vorgelebt, die Frauen in ein Korsett zwingt. Es fängt mit Barbies an und findet seine Fortsetzung in Model-Casting-Fernsehshows und auf Werbeplakaten. Im Turnsport ist es die Fettmesszange, die verbotene Speckröllchen aufspürt und die vom Trainer als Druck- und Machtinstrument benutzt wird. Außerhalb des Sports ist es die gesellschaftliche Erwartung, die Frauen zur zwanghaften Gestaltung ihrer Körper anhält.

Die Bücher von Lola Lafon und Evi Simeoni zeigen diese Perversion am Beispiel des Turnens. Aber wer hält uns vor Augen, dass auch das Frauenkörperbild in der gesamten Gesellschaft krank ist? Und wer verhindert, dass fünfjährige Mädchen mit magersüchtigen Puppen aufwachsen und plötzlichen ihren Bauch zu dick finden? Das vor kurzem erschienene Geständnis des Models Lina Scheynius zum Beispiel über physische und psychische Grausamkeiten in der Branche ist traurig, aber wichtig und hilfreich. Auch hier verhält es sich wie bei Nadia Comănecis Stufenbarrenkür: Auf den ersten Blick sieht’s super aus. Wenn man genauer hinschaut, tut’s höllisch weh.

Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte Lola Lafon Piper 2014, 288 S., 19,99 €

Rückwärtssalto Evi Simeoni Klett-Cotta 2014, 272 S., 19,95 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/14.

Kommentare (4)

denkenundhandelnbitte 05.01.2015 | 01:35

Ein sehr einseitiger Bericht ! In den 70ern war der Turnverein oft einzige nachmittägliche Freizeitbeschäftigung , zig tausende - ehremamtliche !! - Übungsleiter und Sportlehrer waren engagiert und haben Jugendliche " von der Straße geholt " , trainiert und manche zu Sportwettkämpfen geführt und begleitet . Und die wenigsten Turnerinnen haben ihre Trainer geheiratet , meine Trainerin in Neckarbischofsheim hieß Elfie und war eine reizende Dame , stets korrekt frisiert , im dunkelblauen Trainigsanzug mit Steghose !

Eine Olympiasiegerin mit einem Model zu vergleichen, das geradeaus gehen kann, ist eine Frechheit.

Diese Bücher liest keiner, denn sie unterschlagen das Gute und beschreiben ausführlich nur das - geringere - Schlechte !

Uwe Detemple 28.03.2015 | 17:04

Zu Lola Lafons Roman Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte:

Schnell merkt man, dass das, was in einem »sprachlichen Parforceritt« (Klappentext) mit Montreal 1976 beginnt, mit einem tatsächlich wenig vorhandenen Interesse Lafons an ihrer Protagonistin kontrastiert. Sie braucht Nadia schon, als Zugpferd und als Projektionsfläche für ihre eigenen Vorurteile. Ihr geht es mehr um Themen wie kindliche Manipulation und Ausbeutung, um die Aneignung des weiblichen Körpers, und sie spart auch nicht an antikommunistischen Klischees. Da wundert die seltsame Titelgebung des Romans dann auch nicht mehr. Nadia, die »Kommunistenfee«, kommt in dem Roman nicht gut weg, ihr Trainer Béla Károlyi ebenso wenig. Ihm unterstellt Lafon unmenschliche Trainingsmethoden. Er soll seinen Schützlingen nur Schmerz, Hunger, Unterordnung und Selbstaufopferung abverlangt und die Kinder zu Automatenmädchen gedrillt haben. Und wozu? Angeblich damit seine Turnerinnen Triumphe zum Ruhm des Diktators Ceausescu einfahren sollten. Tatsächlich setzte Kárloyi gegen alle Widerstände seine eigene Sportschule in Rumänien durch, er strukturierte das Training in einer Weise, die die physische und mentale Kraft der Turnerinnen auf neue bemerkenswerte Ebenen hob. 1980 brachte er die vom Rumänischen Turnverband bereits abgeschriebene Nadia nochmals zu den Olympischen Spielen, wo sie wieder zwei Mal Gold gewann. Ein Jahr später setzte sich Béla Károlyi in die USA ab und führte die bis dahin international unbedeutenden US-Turnerinnen mit seinen »umstrittenen Methoden« zu Goldmedaillen bei der 1984er Olympiade in Los Angeles. Kárloyi hat in seiner Trainerlaufbahn insgesamt neun Olympiasiegerinnen und 15 Weltmeisterinnen hervorgebracht.

Komplette Rezension auf https://www.freitag.de/autoren/uwedetemple bzw. http://uwedetemple.com.