Über die Verkehrung einer Revolution

Polen Die Umwälzung in Polen hatte viele Hoffnungen geweckt, die die wirtschaftliche Situation schnell zunichte gemacht hat. Einzig Lech Walesa gilt als Hoffnungsträger
Andrzeij Madela | Ausgabe 45/2015
Über die Verkehrung einer Revolution

Bild: Archiv/der Freitag

Es hat sich in der osteuropäischen Presse eingebürgert. die Umwälzungen der letzten Jahre in den ehemaligen sozialistischen Staaten als Revolution zu bezeichnen. Es ließe sich sogar ein Drehbuch verfassen, das - bei allen nationalen und historischen Besonderheiten der einzelnen Länder - gemeinsame Merkmale und Stationen dieser Revolution festhalten würde. Eine davon wäre, dass die ehemaligen Oppositionsführer entscheidende Positionen in den neuen Machtstrukturen übernehmen (Göncz, Havel, Walesa).

Dieses Drehbuch könnte von der neuen Macht in Auftrag gegeben worden sein. Ein Aktivist oder Freund der Revolution würde es schreiben, weil nur eine solche Person die Garantie für Sachlichkeit und Zuverlässigkeit der Darstellung böte. Der Verleger wäre auch der Autor. Die potentiellen Leser, die Bewohner jener kleinen, verkommenen und abgestandenen Länder im europäischen Osten, würden darin vor allem eine Analyse ihrer neuen Lage suchen, die Beschreibung der Umwertung aller Werte, die sie gerade hinter sich gebracht haben.

Womöglich würden einige Bücherfreunde eine Untersuchung des neuen Weltbildes erwarten, das doch, so würden sie sagen, mit dem Sieg der Revolution aufgekommen sei. Allein in dem Werk würde kein einziges Wort darüber gesagt werden.

Ich höre schon die Entrüstung über meine These. Ich verweise auf Erfahrungen mit der Revolution polnischer Prägung. Trotz ihrer Besonderheiten sind in ihr einige Hauptmerkmale erkennbar, die auch in den anderen Ländern zu finden sind. Die Fragen meiner Diskussionspartner verraten, dass sie mich nicht für einen Freund der Revolution halten. Mir hingegen geht es um den Grundsatz „die Wahrheit einigt“.

„Zur Revolution in Polen“. So könnte ein Kapitel des Drehbuches heißen, berücksichtigt nur am Rande, dass allen posttotalitären Staaten das bevorsteht, was in Polen geschieht: Die demokratischen Institutionen der nachrevolutionären Periode haben keine feste Basis. und die ökonomische Situation ist schwierig. Es wurden große Hoffnungen geweckt. Doch es fehlen eigenständige Erfahrungen für deren Umsetzung, für rechtliche und politische Formen der Konfliktlösung. Die Stabilität des neuen Staates kann jederzeit ins Schleudern geraten. In dem Drehbuch fehlt mir eine ehrliche Darstellung der widersprüchlichen Momente des "evolutionären Bewusstseins“, die den Übergang von der totalitären zur demokratischen Ordnung erschweren. Der Zusammenhang zwischen der Neuprofilierung der staatlichen Strukturen und deren Konsequenzen für die Wirtschaft, neue Arbeitsnormen, höhere Preise, der Untergang mancher unrentabler Betriebe, wird nicht ausreichend berücksichtigt.

Das Drehbuch übergeht stillschweigend die Tatsache, dass der Zusammenbruch aller Werte und Vorstellungen nicht zwingend die sofortige Durchsetzung neuer zur Folge haben muss. Begriffe und Formeln, die die neue Lebensqualität beschreiben, gibt es nicht. Begnügen muss man sich mit einer Sprache, die der neuen Lage nicht gemäß ist und die eine auffallende Ähnlichkeit mit der Sprache der alten Nomenklatura hat.

Die Gefahren für die Stabilität des „revolutionären Staates“ sind unterschätzt worden. Die Konturlosigkeit des neuen Weltbildes, das Fehlen einer unverbrauchten und von keiner Macht kontrollierten Sprache und das Ausbleiben von Wirtschaftswundern schaffen günstige Bedingungen für alte und neue Demagogen. Geweckte Hoffnungen bleiben unerfüllt, das Lebensniveau sinkt, die früher homogene Koalition zerfällt in ein Dutzend Parteien und Bewegungen. Zu ihrer Selbstprofilierung machen sie die Opposition zur Regierung und stiften auf diese Weise Verwirrung Die irritierte Regierung bewegt sich auf einem schmalen Grat; sobald sie sich zu härteren Maßnahmen veranlasst sieht, kann Destabilisierung die Folge sein.

Um das Chaos zu regeln, böte sich eine neue Polizeidiktatur an, als Garantie für das Wohlergehen aller. Problematisch erscheint mir das Drehbuchkapitel, das die Beziehung zwischen der neuen polnischen Regierung und der Solidarnosc beschreibt.

Wenn ihm eine verklärende Sicht auf Lech Walesas Gesamtwerk anhaftet, dann wegen der ideellen Nähe des Verfassers zu ihm. Bedenklich wäre der Versuch, undifferenziert seine politischen Eigenschaften zu preisen. Sie waren in der Zeit der kommunistischen Diktatur die Grundvorraussetzung unseres solidarischen Erfolges: seine Ferne zu den Regierungsgeschäften, seine Überzeugtheit von der Richtigkeit des eigenen politischen Weges, der Wille zur alleinigen Führung der Opposition. Die besagte Ferne zu den Regierungsgeschäften und im umfassenden Sinne zur kommunistischen Macht war jahrelang eine Garantie für die moralische und politische Unverdorbenheit gewesen. Sie hat ihn, den Elektriker, der über Nacht zum Führer der Solidarnosc wurde, als eine integre Persönlichkeit erscheinen lassen. Das hat ihm Selbstbewusstsein und die Sympathie der Bevölkerung verschafft. Diese Mischung hat ihm zu der Position verholfen, die im Dialog und der Kontroverse mit der Macht ein unabdingbarer Faktor war. Die undifferenzierte Fortsetzung dieser Enthaltsamkeit gegenüber der Regierungsverantwortung, als "Nichteinmischung in die Angelegenheiten einer demokratisch gewählten Regierung" apostrophiert, ist Zeichen für politische Kurzsichtigkeit und übergroße Angst vor einem Desaster. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich eine Blasphemie begehe, aber die Ferne zu den Staatsgeschäften war in der Opposition eine Tugend, aber dann wurde sie ein Anachronismus und eine Last, denn sie war Flucht vor der Verantwortung und bedeutete Infragestellung des bisher Erreichten. Denn die heutige Tugend liegt keineswegs mehr im Zurückweisen, sondern im Annehmen. Ein „Revolutionär“ der sich heute außerhalb der Macht stellen will, hat nicht Schritt gehalten und denkt in Kategorien von gestern.

Der Glaube Lech Walesas an die Richtigkeit seiner Auffassungen ist in dem Drehbuch nicht als etwas Ambivalentes erfasst. Seine Unerschütterlichkeit war in der Zeit der kommunistischen Herrschaft etwas ungeheuer Starkes, hatte etwas Magisches und Einigendes. Das entsprang dem Gefühl des uns allen widerfahrenden Unrechts, von dem auch dieser politische Führer, den wir als unbestrittenen Interessenvertreter ansahen, nicht verschont blieb. Seine Unfehlbarkeit wäre auch dann erhalten geblieben, wenn er gefehlt hätte. Denn unser Glaube hätte ihn unfehlbar gemacht.

Würde man die Unfehlbarkeit auf die gesamte Zeit seines Wirkens übertragen, gelangte man dadurch zu einem undialektischen Verständnis des Sachverhaltes. Eine Revolution, zumal eine siegreiche, verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn sie sich nach der Schlacht so verhalt, als sei sie die einzig mögliche Stimme der Vernunft, und dabei andere Stimmen unterdrückt. Das läuft auf einen neuen Totalitarismus hinaus, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Mit der behaupteten Unfehlbarkeit verbindet sich der Anspruch auf alleinige Führung „unserer Bewegung“.

So bietet sich die These an, dass die politisch-moralische Einheit der Nation nur unter der Führung der einzig wahren Autorität in unserem Land möglich ist. Eine solche Haltung, die ihre Berechtigung aus der angeblichen Unvergleichlichkeit, der Auserwähltheit einer Person schöpft, gehört allenfalls ins Revolutionsmuseum, denn sie wird der Vielzahl der Anschauungen und Führungstechniken nicht gerecht. Sie glaubt an die Unbestrittenheit der eigenen Leistungen und an das eigene Charisma aus der Vergangenheit und verkennt dabei, dass letzteres zu einem guten Teil unsere eigene Entscheidung gewesen war, in diesem Mann einen charismatischen Führer sehen zu wollen, dem keiner den Rang ablaufen konnte. Doch es muss unterschieden werden zwischen dem Bedürfnis der Menschen nach Helden und Führern und dem neuen Selbstbetrug der Führer durch eine unkritische Haltung zu sich selbst. Der uneingeschränkte Führungsanspruch nach dem Sieg bedeutet, dass man das Wesen der Demokratie überhaupt nicht begriffen hat und sie möglicherweise gar nicht braucht. Hinweise dafür bieten das Fehlen eines eigenen Programms und die Verwandlung des Exekutivapparats der Solidarnosc in einen eigenen Wahlkampfapparat, Anno Domini 1990.

Wer aber auf die Demokratie verzichten kann, dem wird sie mit der Zeit entbehrlich, später lästig, schließlich unerträglich.

Es ist die Frage, ob die vergangenen Leistungen Lech Walesas ihn zum Präsidenten qualifizieren. Die andere Seite der Medaille ist, dass er einen Abschluss der 10. Klasse mit Facharbeiterbrief als Elektriker besitzt, geistige Ferne zur Intelligenz aufweist und in Fragen der Wirtschaft und Geschichte inkompetent ist. Das Bekenntnis, mit diesem Mann den totalitären Kommunismus überwunden zu haben, erfordert Mut. Möglich, dass gerade seine Eigenschaften gefragt waren. Wie dem auch immer sei. Tatsache ist, dass gerade sie im Moment des Sieges zum Hemmschuh der polnischen Entwicklung geworden sind.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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