Über Grenzen

Toleranz Heiko Mersch liebt Männer und trägt eine Prothese. Er kämpft also gleich doppelt gegen Vorurteile
Florian Beißwanger | Ausgabe 21/2014 2

„Wann hast du für dich entschieden, dass du hetero bist“, kann man auf einem Plakat lesen, das durch die Straßen Berlins getragen wird. Wenige Meter weiter schwenkt Heiko Mersch mit anderen Leuten regenbogenfarbene Fahnen. „Stop Transphobia!, Stop Homophobia!“, ist die Botschaft der rund 2.000 Protestierenden, die vergangenen Samstag in Berlin Richtung Alexanderplatz zogen.

Sie wollen auf die alltägliche Diskriminierung von Schwulen und Lesben in Deutschland aufmerksam machen. Denn entgegen der gesellschaftlichen Toleranzbekundungen wie beispielsweise nach dem Comingout des ehemaligen Fußballnationalspielers Thomas Hitzlsperger oder jüngst nach dem Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest werden Homosexuelle weiterhin im Alltag angefeindet. Zwar steigt nach einer aktuellen Umfrage die Akzeptanz von Homosexualität, doch noch immer gibt es viele Vorbehalte. Allein der Bildungsplan der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg, der vorsah, „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im Unterricht zu thematisieren, löste eine Protestwelle aus. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, warnte vergangene Woche vor einer „neuen Homophobie“ in Deutschland.

Ein Grund mehr für Mersch, bei der Demonstration vergangenen Samstag auf die Diskriminierung von Schwulen und Lesben aufmerksam zu machen. Doch er setzt sich nicht nur für die Anerkennung von Homosexuellen ein, sondern kämpft auch gegen Vorurteile an, die Menschen mit Behinderung erfahren. Der gebürtige Berliner trägt seit einem Unfall in seiner Kindheit am rechten Bein eine Orthoprothese, eine Art Prothesenschiene. Und er geht offen damit um. So ließ sich der 43-Jährige vor kurzem auch nackt für ein schwul-lesbisches Stadtmagazin fotografieren. Sein Ziel: die Öffentlichkeit für Homosexuelle mit Handicap zu sensibilisieren. Und insbesondere die schwul-lesbische Szene selbst.

Absurde Kritik

Denn neben vielen positiven Reaktionen, die Mersch von Homosexuellen erlebt, stößt er in der Szene mit seinem Handicap nicht nur auf Akzeptanz. „Unter Schwulen sind einige manchmal sehr intolerant, obwohl sie für sich selbst Toleranz einfordern“, erzählt er. Ihre eigenen Vorurteile hinterfragten manche nicht. So wird zum Beispiel oft „noch immer eine körperliche Behinderung einer geistigen Behinderung gleichgesetzt“, sagt Mersch.

Als er in Berlin vergangenen Sommer bei einem Demonstrationszug gegen Homophobie in Russland mitlief, war er ganz vorn mit dabei. Da es an jenem Tag sehr warm war, trug Heiko Mersch eine kurze Hose. Doch der Anblick eines Homosexuellen mit Orthoprothese entsetzte einen Mitdemonstranten so, dass er Mersch nach dem Protestmarsch auf das Übelste auf Facebook beschimpfte. Er fragte, was dem Krüppel einfallen würde, diese politische Demonstration zu verhunzen. Tief getroffen von der Kritik wollte Mersch, der keine Diskussion scheut, sich mit den Vorwürfen auseinandersetzen. Doch der Mann löschte sein Profil. Mit Freunden kommunizierte Mersch danach offen in dem sozialen Netzwerk über die vorgefallene Diskriminierung, worauf sich der Mann nochmals zu Wort meldete und sich beklagte, dass sein Kommentar öffentlich thematisiert werde. Für Mersch eine absurde Kritik.

Bereits sehr früh hat er gelernt, offen mit seinem Handicap umzugehen und Probleme direkt anzusprechen. Seit seinem siebten Lebensjahr trägt er die Orthoprothese bereits. Als er sein Fahrrad vor dem Haus eines Freundes anschloss, brach damals ein Fenstersims vom ersten Stock herab. Die schweren Betonteile begruben den Jungen. Der Lenker des Rads durchtrennte seinen rechten Unterschenkel. In einer stundenlangen Operation gelang es den Ärzten, den Unterschenkel anzunähen. Aber Merschs Organismus nahm das angenähte Körperteil nicht mehr an, der Unterschenkel wuchs nicht mehr mit. Der Junge wurde zum Orthoprotheseträger.

„Jeder geht ganz unterschiedlich mit seiner Behinderung um“, sagt Heiko Mersch und ergänzt, dass er gemerkt hat, dass es für ihn bedeutet, „teilweise sogar noch ein bisschen offener als andere zu sein“. Die Scheu, sein Handicap öffentlich zu zeigen, legt er früh ab. Er sucht sich einen Kellnerjob, auch um ständig in Bewegung zu sein. Zu wenig Bewegung führt zur Erschlaffung der funktionstüchtigen Muskeln oberhalb des Orthoprothesenansatzes. Viel Sport und physiotherapeutische Übungen sind daher besonders wichtig. An einem heißen Sommertag kellnert er in einem Charlottenburger Café. Wieder einmal trägt er selbstbewusst eine kurze Hose. Seine Orthoprothese ist für jeden Gast deutlich sichtbar, auch für die Modeschöpferin Vivienne Westwood, die damals gerade für ein Semester Modedesign an einer Berliner Hochschule unterrichtet. Wegen Merschs Figur und seinem selbstbewussten Auftreten mit Orthoprothese fragt sie ihn, ob er sich vorstellen könne, als Model bei einer Modenschau ihrer Studenten mitzulaufen. Nicht im Anzug, sondern im Schottenrock. Er sagt zu. Ganz bewusst setzt Westwood ihn auf dem Laufsteg in Szene. Für Mersch soll es nicht der letzte Modelauftritt bleiben.

Karriere als Model

Als er in einem Film im Jahr 2007 als Komparse mitspielt, lernt er am Set Del Keens kennen, der damals als „das hässlichste Model der Welt“ gehandelt wird. Der Brite ist damals bei der Londoner Modelagentur Ugly Models (Hässliche Models) unter Vertrag. Ihr Fokus: Models, die nicht der Norm entsprechen. In Deutschland plant Keens eine ähnliche Agentur zu eröffnen. Der Fokus der deutschen Niederlassung unter anderem: Menschen mit Handicap. Der damals 37-jährige Mersch wird als einer der Ersten in die Kartei der neugegründeten Niederlassung Misfit Models aufgenommen. Doch Mersch wird nicht nur wegen seines Handicaps nebenberuflich als Model engagiert, er erhält auch Shootings, bei denen seine Orthoprothese überhaupt keine Rolle spielt. Für ihn ist es ein Schlüsselerlebnis, das ihm zeigt, dass er nicht anders als die anderen ist.

Als er mit 21 Jahren feststellt, dass er mehr Gefühle für Männer empfindet als für Frauen, ist die Vorstellung, gleich zwei Minderheiten anzugehören, für ihn anfangs belastend. „Aufgrund meiner Behinderung hatte ich Angst, keinen Mann kennenzulernen, da ich dachte, dass Schwule nur auf perfekte Körper stehen“, erinnert sich Mersch. Doch er akzeptiert schnell seine Homosexualität für sich.

Immer wieder testet Mersch bewusst auch die eigenen Grenzen aus. Er widmet sich dem Extremsport. „Grenzerfahrungen sind für mich wichtig, weil sie mir zeigen, dass ich am Leben bin.“ Als ihm die Ärzte sagen, er solle keinen exzessiven Sport betreiben, bricht er mit dem Rat der Experten und springt mit seiner Orthoprothese 30 Meter in die Tiefe. Ein Bungeesprung der besonderen Art. Doch nicht nur Sportarten wie Riverrafting und Fallschirmspringen stehen auf der Agenda seines selbstbewussten Umgangs mit dem Handicap, er hat auch keine Scheu, sich vor der Kamera nackt ablichten zu lassen.

Als ihn Ende vergangenen Jahres die Redaktion des Berliner Queer-Magazins Siegessäule fragt, ob er sich für ein Foto ausziehen würde, sagt er spontan zu. Er sieht es als Chance, um in der Szene auf Schwule und Lesben mit Handicap aufmerksam zu machen. Immer noch, sagt er, würden zu viele Menschen ihr Handicap und ihre sexuelle Orientierung verstecken und sich nicht trauen, öffentlich so zu sein, wie sie sind. Diese Erfahrung macht er auch während des Shootings für die Siegessäule. Gemeinsam mit ihm soll eine Frau mit einem Handicap fotografiert werden. Doch sie sagt überraschend ab. Für Mersch ist das durchaus nachvollziehbar: „Sie erschien nicht, weil es ihr zu gewagt war. Viele ihrer Bekannten und Kollegen wissen nicht, dass sie behindert und lesbisch ist.“ Die Frau hatte Angst, dass ihre öffentliche Entblößung negative Konsequenzen nach sich ziehen könnte. „Noch immer nehmen einige Unternehmen trotz Inklusionsgesetz lieber Strafen in Kauf, als einen Behinderten einzustellen“, weiß Mersch. Viele Unternehmen wollen es nicht hinnehmen, dass Menschen mit Behinderung wegen ihres Handicaps einen verschärften Kündigungsschutz genießen und verweigern ihnen Beschäftigung.

Heiko Mersch muss diese Sorgen nicht haben. Sein Arbeitgeber profitiert von seinen Erfahrungen mit Orthoprothese. Er arbeitet inzwischen als Krankenpfleger in einer Wohngruppe für junge Erwachsene, die einen Schlaganfall erlitten haben. „Für mich ist es leichter sich in die jungen Erwachsenen hineinzuversetzen“, sagt er. Sie würden in ihm einen Verbündeten sehen, weil sie sich zurück ins Leben kämpfen müssen wie er damals nach dem Unfall. Bei der Abschlusskundgebung des Demonstrationszuges lässt Mersch einen Luftballon mit einem Zettel darin steigen. Seine Botschaft: „Toleranz allen gegenüber. Auch innerhalb der Community.“

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14:36 21.05.2014

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