Überall zu Hause und dennoch ohne Halt

„Global Home“ Der Dokumentarfilm von Eva Stotz über Couchsurfing ist eine Enttäuschung
Axel Minge | Ausgabe 44/2013
Überall zu Hause und dennoch ohne Halt

Illustration: Otto

Man kann sich Global Home wohl auch mit Gewinn anschauen. Der zweite Dokumentarfilm von Eva Stotz, der gerade auf DVD erschienen ist, dekliniert ein Phänomen des digitalen Städtebewohnens durch Reisen nach Mali, Japan, Palästina, in die Türkei und die USA durch. „Couchsurfing“ heißt die Möglichkeit, durchs Internet gratis Übernachtungsmöglichkeiten bei Privatpersonen in der ganzen Welt zu finden.

Global Home ist aber, und auch wenn das bei einem zweiten Film etwas hart klingen mag, eine Enttäuschung. In ihrem vielerorts und mit Recht gelobten Debütfilm Sollbruchstelle hatte Eva Stotz vor fünf Jahren aus einer sehr persönlichen Angelegenheit einen großen Film gemacht: Das Trauma ihres Vaters, der nach jahrelanger Arbeit in seiner Firma gemobbt worden war und darüber eine archaische Traumgeschichte erfand, hatte die Filmemacherin klug in eine Geschichte über die heutige Arbeitswelt verwandelt. Sollbruchstelle paarte den Hader des Gemobbten mit der Unsicherheit einer Schülerin auf Bewerbungstour und der Verzweiflung eines Mannes, der sich für die zynische Werbeaktion eines Medienkaufhauses über Tage sitzend vor einer Werbefläche verdingte, weil er Schulden hatte. Groß war der Film, weil er diskursiv war – eine Qualität, mit der nicht viel zu holen sein dürfte in der deutschen Filmlandschaft.

Global Home hat im Vergleich zum Debüt mindestens zwei Ebenen weniger. Der Film reist seiner Idee hinterher, die man von Werbung für Couchsurfing nicht immer unterscheiden kann, und erzählt die Leben der Leute, die er besucht. Das ist wenig zwingend. Und wird richtiggehend ärgerlich bei der ErPerspektive, die Stotz vorgibt gewählt zu haben – sie flunkert nämlich. Global Home rekonstruiert einen geplanten Film als eine sich scheinbar aus sich selbst ergebende Recherche, bei der die Regisseurin ihrer jeweils neuesten Erkenntnis nachgeht. Das ist unglaubwürdig und zeigt eigentlich nur, dass es dem Dokumentarfilm an Spannung und Relevanz mangelt. Das Ich von Eva Stotz hilft einem in Global Home nicht weiter, was bitter ist, wenn man dank Sollbruchstelle weiß, wie viel dabei herauskommt, wenn sich dieses Ich im Hintergrund hält.

Global Home
Eva Stotz 92 Min. Sprachen/Untertitel D, E; Good Movies.

Sollbruchstelle ist zum Preis von 18 € direkt über die Seite der Regisseurin zu bestellen: dvd@evastotz.com. Oder als Stream bei Doc Alliance erhältlich. dafilms.com/film/7797-sollbruchstelle

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 13.11.2013

Kommentare