Überlebender des rassistischen Anschlags von Mölln: „Wir vertrauen dem Staat nicht mehr“

Interview İbrahim Arslan überlebte den rassistischen Brandanschlag von Mölln vor 30 Jahren. Wieso wurde seine Familie verdächtigt?
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 46/2022
Trauerfeier am 27.11.1992 für die in Mölln
Trauerfeier am 27.11.1992 für die in Mölln

Foto: Wolfram Steinberg/AP/DP

Am 23. November jährt sich der rassistische Anschlag von Mölln zum 30. Mal. Zwei Neonazis hatten in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Molotowcocktails auf Wohnhäuser geworfen, in denen türkeistämmige Familien lebten. Danach riefen sie bei der Polizei an: „In der Ratzeburger Straße brennt ein Haus! Heil Hitler!“ Drei Menschen wurden ermordet: die 51-jährige Bahide Arslan, die 10-jährige Yeliz Arslan und die 14-jährige Ayşe Yılmaz. Nur knapp überlebt hat İbrahim Arslan. Seit Jahren setzt er sich gegen Rassismus und für eine andere Erinnerungskultur ein.

der Freitag: Herr Arslan, Sie selbst waren damals sieben Jahre alt. Können Sie sich noch an den Abend erinnern?

İbrahim Arslan: Ich kann mich nur an Bruchteile erinnern, an einige Küchenutensilien etwa. Ansonsten kann ich mich nur noch daran erinnern, dass ich dann neben meiner Mama im Krankenhaus aufgewacht bin.

Ihre Großmutter hat Ihnen das Leben gerettet.

Ja. Sie hatte mich in nasse Tücher gewickelt und in die Küche gebracht. Beim Versuch, meine Schwester und meine Cousine zu retten, ist sie selbst ums Leben gekommen. Die Feuerwehrleute haben berichtet, dass sie verbrannt ist. Meine Schwester und meine Cousine sind durch Rauchvergiftung gestorben.

Wie sind Ihre Familie und Sie mit dem Verlust umgegangen?

Es ist nichts Abgeschlossenes, vor allem wenn Menschen durch einen rassistischen Mord ihr Leben verlieren. Denn man fragt sich immer wieder, ob die Gesellschaft so verändert werden kann, damit so etwas nicht mehr geschieht. Deswegen haben wir das bis heute nicht verarbeiten können. Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist, dass wir damit nicht abschließen können.

Wie haben damals Nachbarschaft und Stadtgesellschaft auf den Anschlag reagiert?

Mölln ist klein, jeder kannte jeden. Unsere direkten Nachbarn waren wie Verwandte für uns. Auch weiße Deutsche waren uns sehr wohlgesinnt. Nach dem Anschlag allerdings gab es eine extreme Abneigung gegenüber unserer Familie. Einige, nicht alle, sind davon ausgegangen, dass unsere Familie selbst hinter dem Anschlag stecken könnte.

Die typische Täter-Opfer-Umkehr.

Klar. Es war wie immer: Die Betroffenen und Familienangehörigen der Ermordeten werden nach der Tat beschuldigt. Unser Glück im Unglück war, dass die Neonazis, die uns das angetan haben, in der Nacht des Anschlags bei der Polizei angerufen und sich als Neonazis zur Tat bekannt haben.

Sie sprechen im Zusammenhang mit den Anschuldigungen der Opfer vom zweiten Anschlag.

Nicht nur ich. Ich bin bundesweit vernetzt mit Betroffenen rassistischer und antisemitischer Gewalt, Diese erzählen immer wieder, dass sie nicht allein durch den Anschlag krank werden, sondern von dem, was danach kommt, wenn sie von Gesellschaft, Medien und Justiz kriminalisiert und beschuldigt werden.

Gleichzeitig gab es auch damals Solidarität mit Ihrer Familie: Hunderte Menschen hatten Briefe geschrieben. Allerdings sind diese Briefe erst vor Kurzem aufgetaucht. Wo waren diese Briefe all die vielen Jahre?

Bundesweit haben uns Menschen geschrieben, auch aus dem Ausland, aus den Niederlanden, Amerika, selbst aus der Türkei. Diese Briefe wurden zunächst durch die Stadtverwaltung gesammelt und später dem Stadtarchiv übergeben. Erst 27 Jahre später habe ich durch einen Zufall diese Briefe dort entdeckt. Es gab in den Briefen neben Solidaritätsbekundungen auch Vernetzungsangebote von Schoah-Überlebenden. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke. Wir haben 20 Jahre lang versucht, Betroffene zu vernetzen. Direkt nach dem Anschlag hätten wir mit den Briefen die Möglichkeit zur Vernetzung gehabt. Selbst das wurde uns nicht gewährt.

Zur Person

Foto: Sabrina Richmann

İbrahim Arslan, 37, ist als Überlebender aktiv beim „Freundeskreis im Gedenken an die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992“. Er ist bundesweit vernetzt mit anderen Betroffenen rassistischer Gewalt, z.B. mit der „Initiative 19. Februar“

Sie engagieren sich für eine andere Erinnerungskultur im Umgang mit rassistischem Terror. Warum braucht es ein Umdenken?

Man hat nie wirklich mit Betroffenen gemeinsam darüber nachgedacht, wie man mit dem offiziellen Gedenken umgehen soll. Die wichtigste Frage überhaupt ist: Was möchten die Betroffenen und die Angehörigen der Ermordeten von uns als Gesellschaft?

Sie kritisieren auch die Stadt Mölln für die offizielle Erinnerungspolitik. Warum?

Die Stadt Mölln versucht das Gedenken zu vereinnahmen. Das passiert auch in anderen Städten, in denen es Anschläge gegeben hat: Betroffene werden nicht eingeladen oder bewusst ausgeschlossen von den Gedenktagen, die eigentlich den Betroffenen selbst gehören sollten.

In welcher Weise organisieren Sie selbst das Gedenken an den Anschlag?

Mittlerweile haben wir keine Möglichkeit mehr, in Mölln eine offizielle Gedenkveranstaltung zu organisieren, weil die Stadt Mölln das einfach nicht haben möchte. Deswegen versuchen wir eine eigene Mahnwache vor dem Haus in Mölln zu machen. Außerdem haben wir die „Möllner Rede im Exil“ ins Leben gerufen. Damit wollen wir zeigen, dass wir die Hauptzeugen des Geschehens und keine Statisten sind.

Sie sind nicht nur Betroffener und setzen sich für eine andere Erinnerungspolitik ein, sondern sind auch in der antirassistischen Bildungsarbeit aktiv. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Gesellschaft in Bezug auf Rassismus und den Umgang mit Migration und Integration seit den Neunzigerjahren verändert hat?

Es kommt darauf an, was man unter Veränderung versteht. Im Bildungssystem gibt es leider kaum Veränderungen. Man beschäftigt sich viel zu sehr mit Tätern und Täterinnen und verliert die Betroffenen aus dem Fokus. Mein Job ist es, diese Perspektive aufzuzeigen und gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler zu empowern.

Wie machen Sie das?

Als ich vor ungefähr sieben Jahren angefangen habe, meine Geschichte an Schulen zu erzählen, war das ein typisches Zeitzeugengespräch. Ich habe inzwischen gelernt, dass Schüler und Schülerinnen eigene Betroffenheiten haben, die sie auch mit mir, anderen Schülern und Lehrkräften teilen möchten. Menschen wie ich können Bezugspersonen für andere sein, die Rassismus erfahren. Außerdem versuche ich Menschen zu motivieren, die Perspektive der Betroffenen einzunehmen und sich mit ihnen zu identifizieren. Über die Täter wissen wir alles. Wir wissen, welche Kindheit, welche Großeltern, welche Haustiere ein Täter hatte, welche Klamotten er gerne trug. Über die Betroffenen wissen wir gar nichts. Aber warum sollte diese Gesellschaft empört sein, wenn sie rein gar nichts über die Betroffenen weiß?

Nach dem Anschlag von Hanau war „Say their names“ eine zentrale Parole der Angehörigen und Überlebenden. Die Namen der Ermordeten waren überall zu lesen: auf Aufklebern, Transparenten und auch in vielen Medien ...

Okay. Aber was schätzen Sie, warum die Namen der Ermordeten aus Hanau von Anfang an in den Zeitungen standen? Und warum es so zentral war, die Namen der Ermordeten zu nennen?

Ich schätze, es lag vor allem an Angehörigen, Überlebenden und Unterstützenden, die schnell und offensiv darum gekämpft haben, über die Ermordeten zu sprechen, und die Erinnerungsarbeit, das Gedenken und selbst die Aufklärung selbst in die Hand genommen haben.

Meine Frage geht aber darüber hinaus: Warum konnten sich Betroffene so empowern, vom ersten Tag an auf die Straße gehen, schnell einen eigenen Laden als Gedenkort in Hanau eröffnen und sich in den Medien Gehör verschaffen?

Verraten Sie es mir.

Na ja, ich denke, dass das auch an den Kämpfen liegt, die Betroffene vor ihnen geführt haben. Bereits Angehörige der NSU-Ermordeten und Überlebende hatten damals gefordert, die Namen der Opfer in den Vordergrund zu rücken. Auch wir haben das in den 1990er Jahren gesagt, ebenso Betroffene rassistischer Gewalt in den 1980er Jahren. Auch Schoah-Überlebende haben dafür gekämpft. Sie alle, wir alle haben einen Baum gepflanzt und die Früchte werden jetzt geerntet von Überlebenden aus Hanau. Es gibt natürlich viel mehr, was wir machen müssen. Aber das ist ein Anfang.

Trauerfeier am 24.2.2020 für die in Hanau Ermordeten

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Sowohl Angehörige der NSU-Ermordeten als auch Betroffene aus Hanau kritisieren, Sicherheitsbehörden hätten die Taten nicht verhindert und nicht angemessen aufgeklärt. Einige sprechen von Staatsversagen. Wie steht es um Ihr Vertrauen in den Staat und in die Sicherheitsbehörden?

Es gibt kein Vertrauen in den Staat. Es beschämt mich, das zu sagen, denn ich bin deutscher Staatsbürger, hier geboren und hier aufgewachsen. Für das Misstrauen gibt es viele Gründe: Die Polizei hat damals beim NSU in rassistischer Weise gegen die Betroffenen ermittelt. Gleichzeitig hat der Verfassungsschutz V-Männer aus der neofaschistischen Szene eingesetzt und diese Szene dadurch mit Steuergeldern unterstützt. Nach der Selbstenttarnung des NSU haben wir gelernt, dass der Staat in der Lage ist, wichtige Akten zur Aufklärung zurückzuhalten oder zu vernichten. Weil wir dem Staat nicht vertrauen, ist Solidarität aus der Gesellschaft so wichtig.

Und wie sieht die aus?

2017 haben wir das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ in Köln gemacht. Mehr als 5.000 Menschen haben daran teilgenommen und eine gesellschaftliche Anklage zur Aufklärung der Taten erhoben. Hinzu kommt: Der Staat möchte die Kontinuität rassistischer Gewalt seit den 1980er Jahren nicht erkennen und spricht lieber von Einzelfällen. Auch deshalb darf es aus der migrantischen Community kein Vertrauen in den deutschen Staat geben. Darf es nicht.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Gesellschaft und dann auch irgendwann die staatlichen Behörden verändern können?

Das meiste, was ich tue, habe ich von Schoa-Überlebenden gelernt. Sie haben darauf vertraut, dass sich diese Gesellschaft irgendwann verändert. Deshalb gehe ich an Schulen, weil ich den Heranwachsenden einen großen Vertrauensvorschuss gebe. Sie werden irgendwann in entscheidenden Positionen sitzen.

Sie haben eine Familie, sind Vollzeit berufstätig. Die Erinnerungs-, Vernetzungs- und Bildungsarbeit machen Sie ehrenamtlich in Ihrer Freizeit.

Ja, das wissen viele Menschen nicht. Viele Betroffene machen die ganze Arbeit in ihrer Freizeit. Man kann sich das gar nicht vorstellen: Wenn wir das in Vollzeit machen würden und es eine offizielle Institution für die professionelle Arbeit von Betroffenen gäbe, wäre Deutschland wahrscheinlich wirklich ein Synonym für eine gut laufende Gedenkkultur.

Denken Sie manchmal darüber nach, nicht mehr so viel Zeit und Arbeit zu investieren?

Ich frage mich immer wieder, warum ich die Arbeit überhaupt machen muss. Warum muss ein Betroffener eines Anschlags eine vernünftige Gedenkkultur aufbauen, warum einen antifaschistischen Kampf führen? Wir tun das alles, weil wir uns gezwungen sehen, dazu beizutragen, dass so etwas nicht noch einmal passieren kann, dass der Tod unserer Liebsten nicht einfach folgenlos bleiben darf. Deswegen machen wir immer weiter, müssen wir immer weitermachen. Wir, die Überlebenden, sind zum Überleben verurteilt.

Das Interview basiert auf einer gekürzten und leicht überarbeiteten Fassung eines Interviews von NDR Kultur. Das vollständige Interview läuft am 20.11. um 13.00 Uhr beim Format „Das Gespräch“ auf NDR Kultur. Es ist außerdem als Podcast unter ndr.de/kultur abrufbar

Das Gespräch führte Sebastian Friedrich

Zur Person

Foto: Sabrina Richmann

İbrahim Arslan, 37, ist als Überlebender aktiv beim „Freundeskreis im Gedenken an die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992“. Er ist bundesweit vernetzt mit anderen Betroffenen rassistischer Gewalt, z.B. mit der „Initiative 19. Februar“

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