Lieber abhängig von amerikanischem als von russischem Gas?

Energieversorgung Noch droht Deutschland kein Notstand. Doch um sich von Russland zu emanzipieren, stehen hierzulande nun LNG-Terminals, Kohle und Atomkraft zur Debatte

Schon Anfang Dezember galt als entschieden, dass die NATO für den Fall einer russischen Invasion einem Ersuchen der Ukraine um militärischen Beistand nicht nachkommen wolle. Stattdessen wurden Salven einer anderen Waffenart in Aussicht gestellt. Es sollte massive Wirtschaftssanktionen geben, wobei das Kaliber präzise vorausgewählt wurde. Der Westen wollte zu weitreichenden Beschränkungen auf dem Finanzmarkt und gegen designierte Einzelpersonen greifen – und tat das inzwischen.

Der Energie- und Rohstoffsektor hingegen bleibt ausgespart, man möchte weiter Kohle, Erdöl und Erdgas, dazu Nickel und Aluminium aus Russland beziehen und vor allem bezahlen können. Die Finanzmarktsanktionen sind deshalb so angelegt, dass Rechnungen für Importe aus Russland auch künftig zu begleichen sind. Man will sich nicht selbst und voreilig von Rohstoff- sowie Halbzeug-Einfuhren abschneiden.

Freilich traut sich die EU – und das im Alleingang – mehr zu. Sie hat den „Faktor Energie“ in ihr Waffenarsenal eingestellt, was bedeutet, dass an Raffinerien in Russland keine Ausrüstungen mehr geliefert werden dürfen. Betroffen sind Anlagen, deren Technologie fast ausschließlich aus Europa stammt, für diese soll es unmöglich sein, Aggregate zu reparieren und zu modernisieren. Daraufhin steht die Sorge im Raum, dass Russland den Kampf in dieser Waffengattung annimmt und zurücksanktioniert. Es wäre naheliegend und entspräche der Rationalität jeglichen Kampfes. Wahrscheinlicher ist aber, dass nicht mit voller Wucht reagiert wird. Und wenn, dann könnte Russland bei seiner Erwiderung zwar Wirkung hinterlassen, aber auf keinen durchschlagenden Erfolg rechnen.

Auch als Transitland gefragt

Die deutschen Sorgen fokussieren auf Erdgas, was nicht zuletzt der medialen Dominanz des Loch-Ness-Themas „Nord Stream 2“ geschuldet ist. Eine besonders starke Verletzlichkeit durch einen Lieferausfall von russischem Erdgas wäre indes kaum zu erwarten. Es gibt genügend Speicherkapazitäten in Deutschland, auch ist der Winter mit seinem Spitzenbedarf fast vorbei. Ohnehin wird nur ein Drittel des Gasbedarfs der EU aus russischen Quellen gedeckt. Mit verflüssigtem Erdgas (LNG) gäbe es ein – mittelfristig – aktivierbares Substitut. Der Pferdefuß besteht darin, dass kurzfristig kontrahiertes LNG sehr viel teurer ist als langfristig kontrahiertes Pipelinegas aus Russland. Es kommt hinzu, dass es innerhalb der EU bislang nur 29 LNG-Terminals gibt, mit denen das in Tankern transportierte Flüssiggas wieder in einen Zustand versetzt wird, um es verwenden zu können. Deutschland selbst entbehrt Konverter dieser Art, der Bau eines ersten in Stade (Niedersachsen) wurde immer wieder aufgeschoben unter Verweis auf den Umweltschutz und in Erwartung des für 2022 erstmals avisierten Pipelinegases der Marke „Nord Stream 2“. Olaf Scholz hat nun den schnellen Bau von zwei LNG-Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel angekündigt.

In quantitativer Hinsicht ist Erdgas für Deutschland kein Energieträger schlechthin, sondern auch ein bedeutender Produktionsfaktor – mit zwei Besonderheiten. Zunächst einmal gilt auf der Nachfrageseite, dass Gas als Rohstoff in der Petrochemie, also nicht-energetisch, verwendet wird, vor allem zur Herstellung von Ammoniak. Das kann man gedanklich mit der ebenfalls geringen Menge an im Inland gefördertem Erdgas (5,2 Prozent des Gesamtbedarfs) saldieren. Damit steht das importierte Quantum, eingeführt aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen, allein für energetische Zwecke zur Verfügung. Der Nettoimport zur Deckung des Energiebedarfs liegt pro Jahr bei 2.800 Petajoule oder 778 Terawattstunden. Doch ist Deutschland nicht nur als Endverbraucher im Geschäft, sondern zugleich als Transitland gefragt, um Erdgas aus Russland nach Frankreich und in die Niederlande weiterzuleiten, dazu nördlich anlandende Ströme nach Tschechien, schließlich den Transit über die Trans-Europa-Naturgas-Pipeline (TENP) in die Schweiz abzuwickeln. Das ungefähre Volumen dieses Gastransfers liegt bei 1.100 Petajoule oder 306 Terawattstunden pro Jahr. Demnach wäre jede denkbare Einschränkung des Gasimports aus Russland für den Transitstaat Deutschland eine Herausforderung. Man hätte der Versuchung zu widerstehen, das Gelieferte für sich zu vereinnahmen und lediglich das weiterzugeben, was übrig bleibt. In diesem Fall wäre einer treuhänderischen Rolle gerecht zu werden und fair zu verteilen. Schließlich stehen hinter den gelieferten Chargen stets auch Verträge und klar definierte Abnehmer.

Von der in Deutschland selbst verbrauchten Gasmenge werden gut 30 Prozent zur Stromerzeugung in Großkraftwerken sowie für Fernwärme verwendet. Die anderen 70 Prozent gehen zu einem Drittel in energieintensivere Unternehmen der Industrie und zu zwei Dritteln in die Wärmeversorgung von Haushalten und Betrieben des Kleingewerbes. Das führt zu einem „Buckel“ der Nachfrage im Winter und einer größeren Anfälligkeit bei der Versorgung in dieser Jahreszeit, die jedoch im Moment nicht gefährdet scheint. Direkt an den deutschen Kunden schickt Russland sein Gas durch die Pipeline „Nord Stream 1“, dazu über die traditionellen Landtrassen via Polen und das ukrainische System (UGTS). Schätzungen zufolge stammen vom Nettoimport nach Deutschland etwa 50 Prozent aus Russland. Bei den Speichern, die russische Unternehmen wie Gazprom selbst unterhalten, wäre zu beachten, dass ursprünglich die naturräumlich erheblichen Depotmöglichkeiten in der Ukraine lange Zeit eine große Rolle für das Konzept der russischen Erdgasversorgung spielten. Es war damit möglich, die Sommer-Winter-Schwankung des Bedarfs auszugleichen. Bei dem augenblicklich schwer gestörten Verhältnis beider Staaten dürfte es künftig nur noch um Speicher jenseits dieses russisch-ukrainischen Systems gehen.

Alternativen Kohle und Atom

In den EU-Staaten selbst liegt die Kapazität der Speicher bei rund 4.000 Petajoule und damit knapp einem Viertel des Jahresbedarfs in EU-Europa. Gegenwärtig wird ein Füllstand von im Schnitt knapp 30 Prozent gemessen. Er liegt insgesamt bei etwa 1.200 Petajoule Gas, während der durchschnittliche europäische Monatsverbrauch momentan auf 1.400 Petajoule zu beziffern ist.

Im Extremfall einer Blockade sämtlicher Gaslieferungen aus Russland würden auf den Monat bezogen gut 30 Prozent weniger Gas zur Verfügung stehen, was über mehrere Monate hinweg auszugleichen wäre, begünstigt durch die anstehende Sommersaison. Zugleich müsste die Zeit für eine längerfristige Klärung und Vorsorge genutzt werden. Zum Ausgleich alternativ heranziehen ließe sich die Strom- und Wärmeerzeugung der Kohlekraftwerke. Vorstellbar wäre zudem ein Beitrag aus der Petrochemie, wo lagerfähige Produkte hergestellt werden und ein begrenztes Substitutionspotenzial besteht. CDU-Chef Friedrich Merz träumt derweil davon, dem Atomausstieg doch noch den Garaus machen zu können.

Zusammengefasst heißt das: Deutschland ist zum jetzigen Zeitpunkt gegen Ende der kalten Jahreszeit bei der Gasversorgung physisch nicht wirklich vulnerabel. Folglich ist nicht zu erwarten, dass von russischer Seite ein Versuch in dieser Richtung unternommen wird, da alternative Abnehmer wie China zwar in Sicht sind, aber die Trassen fehlen, um sie gebührend zu bedienen.

Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

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