Ukraine-Krieg: Zeit für eine Abrüstung des Hungers

Hunger Der Ukrainekrieg und die Blockade der Häfen führt zu einer Ernährungskrise in Nahost und Afrika. Doch die Verantwortung dafür liegt bei Weltbank, IWF, bei den G7 und den Getreidespekulanten
Akuter Hunger: Der Krieg in der Ukraine führt zu einer massiven Ernährungskrise in Afrika und Nahost
Akuter Hunger: Der Krieg in der Ukraine führt zu einer massiven Ernährungskrise in Afrika und Nahost

Foto: Sergei Karazy/Reuters

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ist sich sicher: „Die Gefahr einer weltweiten Hungerkrise liegt in Russlands Verantwortung, ist verschuldet durch Putins Krieg.“ Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schlug die höchsten Töne an: „Lebensmittel sind nun zu einem Teil des Terrorarsenals des Kremls geworden.“ Mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide können derzeit nicht aus der Ukraine exportiert werden, weil Russland Häfen blockiert. Es steht außer Frage: Für importabhängige Länder ist das dramatisch. Laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO beziehen mehr als 30 Länder im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika mehr als ein Drittel ihres Weizens aus Russland und der Ukraine und müssen diesen nun teuer auf dem Weltmarkt ersetzen. Doch das von Politik und Medien verbreitete Narrativ vom „Hunger als Waffe“ verschleiert die strukturellen Ursachen der Ernährungskrise.

Seit 2015 steigt die Zahl der Hungernden, obwohl sich die globale Nahrungsmittelproduktion auf Rekordniveau befindet: Sie könnte die Weltbevölkerung eineinhalb Mal ernähren. „Wir haben keine Verfügbarkeitskrise, sondern eine Preiskrise“, sagt Roman Herre von der NGO FIAN, die sich für das Menschenrecht auf Nahrung einsetzt. In den letzten zwei Jahren haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel um 40 Prozent erhöht. „Der Ukraine-Krieg ist nicht der Auslöser, aber ein Beschleuniger“, sagt Herre. FIAN sieht die Ursachen für den Hunger unter anderem in der Marginalisierung lokaler Nahrungsproduktion zugunsten vom Anbau von „Cash Crops“ für den Export, in der Macht von Agrarkonzernen und der Spekulation mit Agrarprodukten.

Die Recherche „The Hunger Profiteers“ der Organisation Lighthouse Reports beschreibt, wie zu Beginn des Ukraine-Krieges Banken ihren Anlegern empfahlen, in Agrarfonds zu investieren und auf steigende Lebensmittelpreise zu wetten. In der ersten Märzwoche flossen 4,5 Milliarden Dollar in solche Fonds. Konzerne wie Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus, die den globalen Getreidehandel dominieren, tätigen selbst spekulative Geschäfte. „Niemand weiß, wie viel sie in ihren Lagern horten“, sagt Herre. Auch das hat Einfluss auf die Preise. Laut dem Bericht „Profiting from Pain“ von Oxfam sind die Gewinne der Agrarhändler in den letzten Jahren extrem gestiegen: Cargill fuhr 2021 mit fünf Milliarden Dollar den größten Nettogewinn der Firmengeschichte ein.

Bill Gates auf Irrwegen

Befeuert wurde die Finanzialisierung der Landwirtschaft durch Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) und die Strukturanpassungen in den 1980er und 90er Jahren. Länder des Südens wurden zum Zwecke des Schuldenabbaus dazu gezwungen, Cash Crops wie Kaffee, Baumwolle oder Kakao für den Export anzubauen anstatt Nahrungsmittel zur eigenen Versorgung. Damit erst wurden sie von Lebensmittelimporten abhängig.

Die neoliberale Entwicklungshilfe setzt dies fort. Finanziert von Agrarindustrie, Regierungen, der UN und Stiftungen sind Public Private Partnerships entstanden, die Kleinbäuerinnen und -bauern in globale Wertschöpfungsketten einbinden und mit Agrochemie die Produktivität steigern sollen. Eine der größten ist die von der „Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung und der Rockefeller Foundation 2006 gegründete „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ (AGRA), die von der deutschen Bundesregierung mit insgesamt zehn Millionen Euro unterstützt wurde. Bis 2020 wollte AGRA die Ernährungsunsicherheit in 20 afrikanischen Ländern halbieren und die Einkommen von 30 Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern verdoppeln – mit lizenziertem Saatgut, Pestiziden und Kunstdünger. Stattdessen ist die Zahl der Hungernden um ein Drittel gestiegen, die Erträge wurden kaum gesteigert, aber lokale Sorten wie Hirse, Maniok und Süßkartoffeln durch kommerzielle Monokulturen verdrängt. Nun können Bäuerinnen und Bauern den Dünger nicht mehr bezahlen, weil die Preise seit dem Ukraine-Krieg explodiert sind.

Die G7 – jene Länder, deren Konzerne das Geschäft mit dem Hunger betreiben – haben jüngst ein Bündnis für Ernährungssicherheit gegründet. Das wird die Probleme nicht lösen. Was wirklich helfen würde: eine Wende zur lokalen Produktion statt chemieintensiver Landwirtschaft, die Stärkung von Kleinbauern, Regulierung von Konzernen und der Ausstieg aus der Produktion von Energiepflanzen und Fleisch. Hunger wäre am Ende keine Waffe mehr.

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