... um den Schlaf gebracht

Medientagebuch "Denk ich an Deutschland" - Eine Dokumentarreihe von Spielfilmregisseuren frei nach Heine

Zwischen den sechziger Jahren, als Rebellentum schick war und den achtzigern, als das Angepasstsein zumindest bei den Yuppies wieder Mode wurde, ragen sie noch immer als schwierig zu etikettierender Block heraus - die Siebziger. Die Bilder aus jener Zeit werden sorgfältig in den Familienalben versteckt gehalten und geraten sie trotzdem mal ans Licht der Öffentlichkeit, ist man immer wieder überrascht, wie kabarettistisch die Frisuren, wie karnevalistisch die Alltagskleidung und wie ernst bei alledem die Gesichter waren. In der BRD gab es damals die sogenannte "Alternativbewegung", die sich zum Diskutieren und Zerstreuen in soziokulturellen Zentren und auf Folkfestivals traf, wo man unter anderem auf der Suche nach einer anderen, alternativen "Volkstümlichkeit" war. So wurde auf den dortigen Veranstaltungsbühnen viel Heinrich Heine zitiert; "Ein neues Lied, ein besseres Lied, oh Freunde, will ich euch dichten!" war geradezu das Leitmotiv der sogenannten Liedermacher. Und die Verse "Denk ich an Deutschland in der Nacht / dann bin ich um den Schlaf gebracht" bildeten als bewährter running gag den Fixpunkt zahlreicher gesellschaftskritischer Auftritte, egal ob musikalischer, literarischer oder parodistischer Art.

Dass ein Dokumentarfilm, der eigens für eine Reihe produziert wurde, die sich eben diesen Anfang von Heines Nachtgedanken zum Titel auserkoren hat, mit verwackelten Amateuraufnahmen einer Gruppe von langhaarigen Jugendlichen beginnt, besitzt von daher eine zwingende Logik. Leander Haußmanns Film Die Durchmacher, der am vergangenen Wochenende zu sehen war, zeigte allerdings die DDR "in den späten siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts", wie das die eingeschobenen Zwischentitel ausdrücken. Er sei Teil einer Gruppe gewesen, die sich zum Ziel gesetzt habe, die DDR abzuschaffen, heißt es da weiter - "indem wir sie ignorierten". Zwanzig Jahre nachdem sich der Freundeskreis aufgelöst hat, "weil die einen zur Armee und die anderen in den Knast mussten, während die Mädchen andere Jungs heirateten", trafen sie sich nun wieder und Haußmann filmte.

Wahrscheinlich sind es die Erfahrungen aus dieser Subkultur, die Haußmann gelehrt haben, auch das komplizierteste Vorhaben möglichst einfach anzugehen, ohne übertriebenen Aufwand, mit den nahe liegenden und zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Bilder von früher werden kontrastiert mit den Aufnahmen vom Wiedersehen der Freunde und Einzelgesprächen, die Haußmann im Anschluss geführt hat. Es wird in alten Dokumenten geblättert; manche Szenen sind in stimmungsvoller Grobkörnigkeit nachinszeniert; die Geschichten und Anekdoten, die die Freunde zu erzählen haben, reißt Haußmann nur an, es kommt zu keiner Befragung über Karrieren und Schicksale, sinniert wird allenfalls über die Frage, warum soviel gesoffen wurde damals. Der Prozess der Erinnerung scheint Haußmann beim Drehen wichtiger gewesen zu sein, als die Reflexion über diese Zeit des "Quatschens ohne Ende".

Herausgekommen ist auf diese Weise ein Film, der in Form und Inhalt sehr stimmig ist und untergründig davon handelt, wie treu sich die Freunde trotz all der großen Veränderungen und Umbrüche in ihrem Leben geblieben sind. Der Hang zum Schwadronieren, zu dem der besserwisserische Drive des Berlinerischen ja geradezu herausfordert, ist jedenfalls keinem anhanden gekommen.

Haußmanns Film bildete den Auftakt der fünf neuen Teile der Reihe Denk ich an Deutschland, die im November im Bayrischen Rundfunk und im WDR zu sehen sein wird: Der Münchner Filmemacher Klaus Lemke geht in Die Leopoldstraße kills me den Originalen auf der Flaniermeile nach, Peter Lilienthal besucht in Ein Fremder die Heinz-Galinski-Schule in Berlin und Peter Patzak porträtiert in Adeus und Goodbye zwei Freunde, die Deutschland verlassen haben. Den Abschluss der Reihe bildet schließlich Fatih Akins Dokumentarfilm über seine eigene Familie, Wir haben vergessen zurückzukehren.

Die Themen von Migration (nicht nur nach Deutschland hinein - auch von Haußmanns Durchmachern sind bereits zwei in die USA ausgewandert) und Fremdsein im eigenen Land und/oder in der Ferne sind somit der rote Faden dieses nächtlichen An-Deutschland-Denkens, das darin Heine auf seine Weise treu bleibt. Ohne eigens thematisiert zu werden spielt auch die Vielsprachigkeit der Bundesrepublik in diesem Projekt eine wichtige Rolle: Wo Haußmanns Ostberliner Clique berlinert, was das Zeug hält, setzt Fatih Akin stolz sein Hamburgerisches Schnell-Näseln ein. Die Verbundenheit mit seinem Kiez demonstriert er außerdem, indem er von der Kamera begleitet durch Altona fährt und in flottem Idiom Freunde begrüßt. Akin, selbst Jahrgang 1973, interviewt aber auch seine Eltern, seinen Bruder, seine Cousins und Onkel, fährt ans Schwarze Meer in die Stadt, aus der sein Vater einst aufbrach und setzt auf diese Weise ein vielgestaltiges Puzzle zusammen über Fortgegangene und Dagebliebene, über die, die über die Zeit "vergessen haben, zurückzukehren" und die, die nach Jahrzehnten Deutschland verlassen, um in der Türkei erneut etwas aufzubauen.

Was in Akins Film besonders besticht, ist sein respekt- und liebevoller Ansatz: Dass seine Eltern mit Anfang 20 in ein fremdes Land gingen, dessen Sprache sie nicht einmal beherrschten ("Mann, das wäre ja, als würde ich nach Russland gehen!"), bewundert er unverhohlen. So erscheinen in seinem Film die "Gastarbeiter" einmal nicht als fremde Untersuchungsobjekte, sondern Subjekte ihrer eigenen Erzählung. Weil er sie so schön reden lässt, in deutsch und in türkisch, erfährt man beiläufig, sozusagen in den Nebentönen von Dingen, die sonst wenig Erwähnung finden: Dass der Vater heute selbst nicht mehr weiß, warum er seiner jungen Frau den Deutschkurs verboten hat, wie schlimm es für die war, ihren Beruf als Lehrerin aufgeben zu müssen, dass sein Bruder möchte, dass seine Kinder im Gegensatz zu ihm wieder richtig türkisch sprechen lernen. Ohne falsche Versöhnlichkeit, bekommt man aus Akins Film aber auch ein Bild davon, wie viel näher die Länder sich inzwischen gekommen sind: Nur noch drei Flugstunden heutzutage, sagt die Mutter mit einem Lächeln, in dem sich zugleich auch eine Utopie ausdrückt.

Sendetermine: Die Leopoldstraße kills me (Klaus Lemke), BR 3.11., 23 Uhr, WDR 5.11, 23.15; Ein Fremder (Peter Lilienthal), BR 10.11., 22.55; WDR 14.11., 23 Uhr; Adeus und Goodbye, BR 17.11., 22.45; WDR 19.11., 23 Uhr; Wir haben vergessen zurückzukehren (Fatih Akin), ARD 28.11. 23.45.

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00:00 02.11.2001

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