Um Gottes willen

Evangelikale Im Erzgebirge bietet die AfD sich religiösen Abtreibungsgegnern als neue politische Heimat an
Christine Keilholz | Ausgabe 37/2016 31

Thomas Schneider ist ein misstrauischer Mann. Fragen beantwortet er nur schriftlich und sehr knapp. Nur wenn es um sein Anliegen geht, kann der 59-jährige Ingenieur sehr ausführlich werden. Schneider nennt sich Evangelist im Dienste der „besten Botschaft der Welt“, sein Büro hat er in Breitenbrunn am Erzgebirgshang kurz vor der tschechischen Grenze. In einer Zeit, schreibt er, „in der die für die Bewahrung menschlichen Lebens sprechenden Werte und Normen auf dem Altar des Zeitgeistes geopfert“ würden, brauche es mehr denn je Leute wie ihn, die gemeinsam den Wert menschlichen Lebens in den Fokus rückten.

Der Streit ums Abtreibungsrecht hat wieder an Schärfe gewonnen. Die „Pro-Life“-Bewegung der religiösen Abtreibungsgegner hat für den kommenden Samstag in Berlin zu einem „Marsch für das Leben“ aufgerufen. Aus 36 Städten gibt es von Teilnehmern organisierte Busreisen zur Demonstration. Ein neues Kraftzentrum hat die Bewegung dabei im Erzgebirge gefunden – einer der wenigen tiefgläubigen Gegenden im Osten. Das ist Thomas Schneiders Verdienst. Und das der AfD, die die Kritik an der geltenden Abtreibungspraxis dankbar aufgreift.

Bei der CDU ist man genervt

Anfang Juni trommelte der Evangelist Schneider mehr als 600 Mitstreiter in Annaberg-Buchholz zusammen. Annaberg ist das Zentrum des westlichen Erzgebirges und der jährliche „Marsch für das Leben“ in der 20.000-Einwohner-Stadt ein fester Termin in der konservativen Region. Man geht schweigend um die Annenkirche und trauert um „im Mutterleib getötete Kinder“.

Bis 2015 trat die CDU-Gruppe „Christdemokraten für das Leben“ als Veranstalter auf, neuerdings der Verein „Lebensrecht Sachsen“. Dahinter steckt immer Schneider, der früher für die CDU im Kreistag saß, heute als Journalist für unterschiedliche christliche Verlage schreibt. Vor fünf Jahren trat er in Sachsen die konservative CDU-Basisbewegung „Aktion Linkstrend stoppen“ los. Doch darüber hält er sich heute bedeckt. Vor zwei Jahren verließ Schneider die CDU. Die Unterstützer der Abtreibungsgegner sitzen inzwischen in der AfD.

Die strikte Ablehnung jeglicher Abtreibungspraxis ist auch in der sächsischen CDU keine anschlussfähige Position mehr. Der Landesverband gilt zwar als besonders konservativ, doch auch hier nimmt man die Auftritte der Annaberger Lebensschützer eher genervt zur Kenntnis. Der Schweigemarsch habe „schon eine gewisse Tradition“, sagt ein CDU-Mann, sei aber doch bislang eine isolierte Erscheinung gewesen.

In diese Lücke stößt die AfD. Die Partei wirbt in den abgeschiedenen Tälern des Erzgebirges um die Konservativen, die sich in der CDU abgedrängt fühlen. Die AfD ist inzwischen die einzige Partei, die den Abtreibungsgegnern offen zur Seite springt. Die AfD „solidarisiert sich mit der Demonstration für den Schutz ungeborenen Lebens und tritt ohne Wenn und Aber für die Demonstrationsfreiheit ein“, lässt die Landtagsfraktion wissen. Der Marienberger AfD-Mann Carsten Hütter, der sich als Landtagsabgeordneter um Kirchenpolitik kümmert, regte sich nach dem Schweigemarsch im Juni auf, dass „friedliche Demonstranten als Radikale verunglimpft“ würden. Immerhin, sagt Hütter, habe die Republik in der erstarkten AfD „endlich auch wieder eine politische Stimme, die das versiffte linksrotgrüne Meinungskartell durchbricht“. Zehn Jahre war der 52-jährige Autohausbesitzer Hütter in der CDU, seit 2013 ist er Vize-Landeschef der AfD.

Ein klares Nein zu Abtreibungen gibt dabei aber auch die AfD nicht. In ihrem Grundsatzprogramm wendet sich die Partei nur strikt gegen „alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem Menschenrecht zu erklären“.

In den Anfangsjahren des Annaberger Schweigemarschs ließen sich CDU-Politiker blicken. Steffen Flath, langjähriger Landesminister und Fraktionschef im Dresdner Landtag, kam öfter. Der bekennende Konservative wohnt in Annaberg. Inzwischen hat er sich zurückgezogen. Die Erbin seines Wahlkreises, Barbara Klepsch, vertritt als Gesundheitsministerin in Dresden einen pragmatischen Kurs. Zum Missvergnügen der heimischen Abtreibungsgegner. Weil Klepschs Haus ein Merkblatt zur Kostenübernahme für Schwangerschaftsabbrüche ins Netz stellte, warf ihr Thomas Schneider vor, „offensiv die Tötung ungeborenen Lebens“ zu fördern.

Der Schweigemarsch von Annaberg passt in eine ganze Reihe von Aufzügen, mit denen das Erzgebirge immer wieder negativ auffällt. Noch vor Pegida-Zeiten zogen im Advent 2013 Menschen mit Kerzen durch das Städtchen Schneeberg. Diese Lichtelläufe waren als Protest gegen eine Erstaufnahmeeinrichtung im Ort gemeint. Organisator war ein NPD-Mann, das störte die 2.000 Mitläufer wenig. Als es dann Pegida gab, gründete sich rasch ein Erzgebirgsableger namens „Erzgida“. Auf Dauer fanden die Erzgidisten dann aber einen wöchentlichen Demoausflug zum Original nach Dresden spannender als den spärlichen Umzug durch Aue.

Gegen ein liberales Weltbild

Bei dem Schweigemarsch in Annaberg trifft sich der evangelikale Osten. Die Gegend wird nicht umsonst sächsischer Bibelgürtel genannt. Die religiöse Landschaft des Erzgebirges ist uneinheitlich, aber Frömmigkeit wird hier großgeschrieben. Rund um die alten Silberstädte Annaberg, Schneeberg und Aue hat sich die sehr starke volkskirchliche Tradition auch durch die DDR-Zeit gerettet. Im 19. Jahrhundert zogen hier Erweckungsprediger von Tal zu Tal. Geblieben ist bis heute eine lebendige Frömmigkeit, auf die die großen Kirchen nur wenig Einfluss haben. Harald Lamprecht, Sektenbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Dresden, spricht von einer „religiös sehr fruchtbaren Gegend, wo Pflanzen wachsen, die anderswo nicht gedeihen“. Darunter bibeltreue Christen und evangelikale Freikirchen. Einige dieser Gruppen engagieren sich etwa für Flüchtlinge, andere lassen sich von der Islamangst leiten.

In diesem Milieu, das der CDU jahrelang stabile Ergebnisse um die 50 Prozent bescherte, wirbt jetzt die AfD. Die Abtreibungsfrage als konservatives Kernthema wird da gern angesprochen. Die Partei und die Lebensschützer vereint der Gegensatz zur liberalen Lebensauffassung. Hier wie da wird polemisiert gegen Gleichstellungspolitik, Gender-Mainstreaming und den Verfall der guten Sitten.

Das Abtreibungsrecht war seit Mitte der 90er Jahre eigentlich aus den Schlagzeilen verschwunden. Zentrum der Lebensrechtsbewegung war bislang die katholische Konservativenszene im Südwesten der Republik, und damit der rechte Rand der Union. Martin Lohmann, Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht, war fast 40 Jahre CDU-Mitglied. Kurz vor der Bundestagswahl 2013 trat er aus. Die CDU sei „nach links weggezogen“, sagte er damals der Jungen Freiheit. Lohmanns Verband veranstaltet jährlich den „Marsch für das Leben“ in Berlin. Auch bei der Kundgebung in Annaberg sprach Lohmann. „Wir brauchen mehr Annaberg in Deutschland“, forderte Lohmann dort.

Gegen den Schweigemarsch demonstrierte im Juni wiederum ein Bündnis, „Pro Choice Sachsen“. 400 Leute brachte es zusammen. Junge Aktivisten aus Dresden, Berlin, Erfurt und Leipzig protestierten gegen ein „Weltbild, das alle Alternativen zur weißen, heterosexuellen, christlichen Kleinfamilie abwertet“. Die Stimmung war aufgeheizt. Auf der einen Seite forderte die schweigende Pro-Life-Fraktion eine „Willkommenskultur für ungeborene Kinder“. Ihre Gegner riefen: „Fundamentalismus raus aus den Köpfen.“ 300 Polizisten hielten beide Seiten auseinander.

Aktivisten, die für die Wahlfreiheit der Frau kämpfen, warnen vor dem wachsenden Einfluss evangelikaler Hardliner. Im stark atheistisch geprägten Osten äußert sich in der Kritik dabei auch ein grundsätzliches Unbehagen gegenüber dem Religiösen. Schon zum Katholikentag in Leipzig im Mai beschwerten sich Politiker der Linken über Infostände von „zwielichtigen Organisationen“, die für ein Totalverbot von Schwangerschaftsabbrüchen warben. „Eine ideologische Beeinflussung darf nicht stattfinden“, sagt die Linken-Politikerin Sarah Buddeberg. „Auch nicht in Schwangeren-Beratungsstellen kirchlicher Träger.“

Da ist sie sich mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg allerdings einig. Diese distanzierte sich jetzt vor dem „Marsch für das Leben“ in Berlin klar von der Veranstaltung und dem Bundesverband Lebensrecht. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg stehe für eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Gewissensentscheidung von Frauen und Paaren unterstütze, sagte ihr Sprecher Christoph Heil. Anders dagegen die Katholiken. Das Erzbistum Berlin teilte auf seiner Facebookseite mit, dass der katholische Erzbischof Heiner Koch an dem Marsch teilnehmen werde.

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06:00 17.09.2016

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