Umarmung, dann Nacht

Whistleblower Edward Snowden scheint, sich in Moskau eingelebt zu haben. Doch wovor er immer warnte, wird jetzt in der Causa Assange Realität. Ein Besuch
Umarmung, dann Nacht
Das Foto von Angela Richter und Edward Snowden entstand 2016. Er ist nicht mehr ganz so dünn, stellte sie jetzt erleichtert fest

Foto: privat

Es ist ein erster lauer Frühlingsabend in Moskau – der lange russische Winter ist endlich vorbei und das Leben zeigt sich von seiner leichteren Seite. In der Ferne sind Straßenmusiker zu hören und plötzlich reitet ein junges Mädchen auf einem Pferd an uns vorbei, auf dem Gehsteig. Die Sonne geht gerade unter, die Zwiebeltürme einer orthodoxen Kirche leuchten golden, und für einen Augenblick kann ich vergessen, dass ich in Begleitung eines der meistgesuchten Menschen der Welt spazieren gehe.

Unsere Stimmung ist trotzdem ausgelassen, man kann sich dem Frühlingsflirren kaum entziehen. Nachdem wir uns stundenlang in einem Hotelzimmer unterhalten haben, ist es befreiend, an der frischen Luft zu sein. Edward Snowden beobachtet die Umgebung sehr genau, er achtet darauf, dass er nicht zufällig von Touristen fotografiert wird, die um uns herum massenweise Selfies schießen.

Ich habe Edward Snowden 2015 zum ersten Mal besucht, im eisigen Moskauer Winter und unter großen Sicherheitsvorkehrungen. Damals schien es undenkbar, einfach so mit ihm durch die Straßen zu laufen. Ich hatte das Glück, dass er mich für mein transmediales Projekt Supernerds beriet, das von seinen Enthüllungen über die weltweite Massenüberwachung der NSA handelte. Er lieferte mir außerdem ein paar Ideen, wie man das Publikum während des Stückes „hacken“ kann, so wie es nicht nur die NSA, sondern auch große Internetkonzerne täglich praktizieren. So machten wir für das Publikum damals direkt erfahrbar, was Datenmissbrauch ist, weil die tatsächlichen Konsequenzen der Massenüberwachung sehr abstrakt sind und im Alltag kaum zu spüren. Wir ließen beispielsweise alle Telefone klingeln, deren Eigentümer keinen Kredit bei der Bank bekommen würden. Es gab Vorstellungen, in denen dann von den rund sechshundert Telefonen zwei- bis dreihundert klingelten.

Ein Jahr später habe ich Snowden erneut besucht, wieder im Winter, hauptsächlich, um mich bei ihm zu bedanken. Auch hier stand er mir spontan beratend zur Seite, dieses Mal für mein Stück Silk Road zum Thema Darknet.

In Vergessenheit

Inzwischen ist Snowden ein wenig in Vergessenheit geraten, die Welt hat, so scheint es, andere Probleme, vor allem seit Donald Trump Präsident geworden ist. Und doch ist das Thema Whistleblowing aktueller denn ja, erst kürzlich hat Trumps Justizministerium ein ehemaliges Mitglied der Air Force angeklagt, das angeblich das gezielte Drohnentötungsprogramm des US-Militärs enthüllte. Es ist bereits die dritte mutmaßliche Quelle der Nachrichtenseite The Intercept, die von der Trump-Administration verfolgt wird.

Etwa drei Jahre habe ich Snowden nicht gesehen, er sieht etwas älter aus und nicht mehr ganz so dünn wie letztes Mal, es scheint ihm gut zu gehen. Er lebt in Russland mit seiner Freundin zusammen und hat kaum noch Hoffnung, woanders Asyl zu bekommen. Er bestellt sich „Bœuf Stroganoff“ beim Zimmerservice – beim ersten Mal war es noch ein Hamburger –, sein Russisch klingt dabei flüssig, wenn auch mit einem starken amerikanischen Akzent.

Diesmal habe ich mir vorgenommen, möglichst wenig über seine Enthüllungen zu sprechen, es ist schon so viel darüber geredet und geschrieben worden. Nur einmal, am Ende des Abends, spreche ich ihn direkt darauf an, weil das Medienportal The Intercept, das die Enthüllungen bis vor Kurzem verwaltet und weiterverarbeitet hatte, diese Arbeit eingestellt und das Archiv geschlossen hat. Er sei davon überrascht und etwas enttäuscht gewesen, sagt er. Er hätte erwartet, von Glenn Greenwald zumindest vorher darüber informiert zu werden. Seine Hoffnung ist, dass sich vielleicht eine akademische Institution findet, die die Forschungsarbeit fortsetzen könnte. Das dürfte allerdings nicht einfach sein, da die meisten von staatlichen Zuschüssen finanziert werden und es also einen Interessenkonflikt geben könnte.

Inzwischen, sagt er, sei eingetreten, wovor er nach seinem Leak unermüdlich gewarnt hatte und was auch einer der Gründe für seine Enthüllung war – dass die monströsen technischen Möglichkeiten der Massenüberwachung in die falschen Hände geraten könnten: „Jetzt hat Donald Trump diese Möglichkeiten zur Verfügung, und das ist ziemlich beunruhigend. Es ist überraschend, dass nicht mehr darüber geschrieben wird. Aber vielleicht sind alle zu sehr abgelenkt von den täglichen Eskapaden des Präsidenten, über die obsessiv berichtet wird.“ Schließlich findet fast jeder seiner impulsiven Tweets Widerhall in den Schlagzeilen der Weltmedien.

Während des Essens unterhalten wir uns über mein nächstes Theaterstück, eine Antigone-Version von Slavoj Žižek. Snowden erzählt mir lachend, dass er schon oft mit dieser antiken Figur verglichen wurde, wahrscheinlich weil auch er sein bisheriges Leben seiner Überzeugung geopfert hat. Als er mich fragt, wie ich es angehen will, erzähle ich ihm, wie schwierig es ist, am Theater etwas jenseits von negativen Emotionen zu evozieren, weil diese so viel leichter herzustellen sind als etwa ermutigende oder erkenntnisfördernde. Das weiß jeder Regisseur, es ist der billigste Taschenspielertrick, und doch scheint die Rezeption regelmäßig darauf hereinzufallen und darin eine intellektuelle Tiefe zu erkennen. Ein wirklich dummer Irrtum. Ich nenne es Emotionspornografie. Er erkennt darin sofort Parallelen zur Manipulation des Verhaltens in den sozialen Medien: „Genau das ist das Problem mit Plattformen wie Twitter und Facebook, negative Emotionen wie Wut, Angst und Neid lassen sich leicht herbeiführen, im Gegensatz zu positiven. Man kennt es ja aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, Ermutigung, Vertrauen oder auch nur Entspannung herzustellen. Aber es reicht ein rassistischer oder sonst wie provokativer Tweet, um einen in Sekundenschnelle aufzuregen. Womöglich kann man den Reflex nicht unterdrücken, zu antworten, und schon sitzt man in der Falle des Shitstorms. Umgekehrt dauert es dann Stunden, sich wieder zu entspannen.“

Ich frage ihn, wie aus der einst so großartigen utopischen Idee des Internets als Emanzipationsmittel, als freier Raum, in dem sich alle verbinden können, ein gefährlicher Wegbereiter des Totalitarismus und ein Hort des Hasses werden konnte. Das Problem, sagt er, sei eigentlich schon in den Algorithmen angelegt, auf Social-Media-Plattformen geht es darum, Kosten gering zu halten und Erfolg und Profit durch Werbeeinnahmen zu maximieren. Negatives Feedback macht süchtig, ist billiger und kurzfristig effektiver als positives. Damit also die bessere Option im geschäftlichen Sinne. Und so würden wir alle unmerklich auf eine fahle Dystopie abgerichtet, die auf den simplen Verhaltensreflexen von Belohnung und Bestrafung basiere, ursprünglich gedacht zur Anzeigenwerbung, mutierten die rigiden digitalen Technologien langsam zu einem Hassimperium: „Dazu braucht es noch nicht einmal eines ‚bösen Mannes‘ oder einer Verschwörung im Hintergrund mit einem Masterplan zur Weltunterdrückung, es ist der logische Verlauf einer Entwicklung, die die falschen Prämissen gesetzt hat.“

Ich werfe ein, dass solche Mechanismen und Verhaltensmanipulationen inzwischen aber natürlich auch zur politischen Beeinflussung missbraucht werden, wie man am Beispiel von Cambridge Analytica im Kontext mit dem Brexit und dem amerikanischen Wahlkampf sehen könne. Ich frage ihn, ob er das Zitat von Goethe kennt: „Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.“ Das bringe den modernen Überwachungstotalitarismus auf den Punkt, erwidert er, zumindest in unserer modernen, wohlhabenden Hemisphäre: „Goethe hat recht, stärker als er damals ahnen konnte, gilt das für heute mehr denn je: Subjektiv fühlen wir uns so frei wie wahrscheinlich keine Generation vor uns, und doch sind wir in gewisser Weise so unfrei wie noch nie, nur merken wir es nicht. Das ist auch der Unterschied zu den klassischen, veralteten totalitären Systemen. Die Unterdrückung war direkt spürbar, man konnte sie gar nicht ignorieren.“ Widerstand, sagt er, sei heute deshalb weitaus schwieriger: „In gewissem Sinne sind wir darauf dressiert, uns selbst unter Kontrolle zu halten.“

Aus Spaß klopfen wir die größten Internetgiganten darauf ab, welche der sieben Todsünden sie am besten bedienen: Neid und Hochmut: Instagram; Habgier: Amazon; Zorn: Twitter und Facebook. Wollust: Pornhub und überhaupt 25 Prozent des Internets. Trägheit: alle. Wir lachen darüber, und als wir versuchen, die sieben Kardinaltugenden zuzuordnen, kommen wir nicht sehr weit.

Ganz am Ende, bevor wir zu unserem Spaziergang aufbrechen, bitte ich ihn darum, einen Brief zur Unterstützung für den Wikileaks-Gründer Julian Assange zu schreiben, den ich eine Woche später auf einer Kundgebung, organisiert von Diem25, vorlesen werde. In der Vergangenheit hatte es zwischen Wikileaks und Snowden Meinungsverschiedenheiten gegeben – er lehnte ihre radikale Form der Veröffentlichung ab, durch die oft Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen in Dokumenten ungeschwärzt zu erkennen waren.

Das Richtige

Aber sofort nach dessen Verhaftung hat sich Snowden auf Twitter solidarisch mit Assange gezeigt und dessen Festnahme als direkten Angriff auf die Pressefreiheit verurteilt. Er ist einverstanden und lässt mir später den Brief zukommen, in dem es unter anderem. heißt:

„Die Regierung hat selbst eingeräumt, dass Julian Assange vorgeworfen wird, dass er daran beteiligt war, wahre Informationen ans Licht zu bringen, die Missetaten und Kriegsverbrechen enthüllten, begangen von dem mächtigsten Militär in der Geschichte der Menschheit.“

Als wir uns später am Abend verabschieden, umarmen wir uns, und dann sehe ich Snowden nach, wie er in der Dunkelheit der Moskauer Nacht verschwindet. Ich kann nicht anders, als ihn zu bewundern, für seinen Mut und Idealismus. Es ist für ihn nicht unbedingt von Vorteil, sich öffentlich hinter Assange zu stellen, und doch tut er es – weil er überzeugt ist, dass es das Richtige ist. Die Welt braucht Menschen wie ihn, und er braucht weiterhin unsere Unterstützung, denn seine Enthüllungen und die Konsequenzen daraus haben nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil, sie waren nie aktueller als heute.

Angela Richter ist Theaterregisseurin. Im Januar schrieb sie im Freitag (Ausgabe 1/2019) über einen Besuch bei Julian Assange

06:00 22.05.2019

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