Umkehr

Dear Mr. Secretary In einem Brief an Colin Powell begründet US-Diplomat John B. Kiesling seinen Rücktritt

Sehr geehrter Herr Außenminister,
ich schreibe Ihnen, um meinen Rücktritt vom diplomatischen Korps der Vereinigten Staaten und von meiner Position als Attaché der US-Botschaft in Athen zu erklären. Diese Entscheidung habe ich schweren Herzens getroffen. Ich bin in dem Geist erzogen worden, meinem Land etwas zu geben. Als Diplomat zu dienen, war für mich ein Traumjob. Ich wurde dafür bezahlt, fremde Sprache und Kulturen zu verstehen und Diplomaten, Politiker, Wissenschaftler und Journalisten davon zu überzeugen, dass ihre und unsere Interessen übereinstimmen. Der Glaube an mein Land und seine Werte waren die wichtigsten Waffen in meinem diplomatischen Arsenal.

Es ist wohl unvermeidlich, dass man während eines 20-jährigen Dienstes im Außenministerium Einiges dazu lernt und auch zynisch wird angesichts der engstirnigen und egoistischen Motive, die unsere Politik manchmal bestimmt haben. Die menschliche Natur ist so, wie sie ist, und ich wurde dafür bezahlt und befördert, sie zu begreifen. Bevor die jetzige Regierung ins Amt kam, konnte ich daran glauben, dass die jeweilige Politik des Präsidenten im Großen und Ganzen auch den Interessen des amerikanischen Volkes und der Welt entsprach. Das glaube ich jetzt nicht mehr.

Die Politik, die wir Diplomaten jetzt vertreten sollen, ist nicht nur mit den amerikanischen Werten unvereinbar, sondern auch mit den amerikanischen Interessen. Wenn wir geradezu blindwütig auf einen Krieg gegen den Irak aus sind, dann untergraben wir damit unsere Glaubwürdigkeit gegenüber anderen Nationen, die seit den Tagen von Woodrow Wilson unser wichtigster Trumpf gewesen ist. Wir haben begonnen, das größte und effektivste Netzwerk internationaler Beziehungen zu zerstören, das es jemals gab. Unser gegenwärtiger Kurs wird Instabilität und Gefahr bringen, keine Sicherheit.

Globale Interessen zu Gunsten der Innenpolitik und des Eigeninteresses einer Regierung aufzugeben, ist nichts Neues und ist sicherlich nicht ein spezifisch amerikanisches Problem. Dennoch: Seit dem Vietnam-Krieg hat es nicht mehr eine solche Unvernunft und eine solche Manipulation der öffentlichen Meinung in Amerika gegeben. Nach der Tragödie des 11. September waren wir stärker als vorher. Um uns versammelt war eine internationale Koalition, die zum ersten Mal bereit war, systematisch gegen die Bedrohung des Terrorismus vorzugehen. Statt auf diesem Erfolg aufzubauen, hat sich die Regierung entschlossen, aus dem Terrorismus ein innenpolitisches Werkzeug zu machen, indem eine versprengte und weitgehend besiegte al Qaida zu ihrem Verbündeten wurde. Wir terrorisieren und verwirren die öffentliche Meinung, indem eine Verbindung zwischen dem Terrorismus und Irak behauptet wird, die nicht existiert. Als Ergebnis - und vielleicht war es sogar das Motiv - wird eine große Umverteilung öffentlicher Mittel an das Militär gerechtfertigt. Und aus dem gleichen Grund werden jene Vorkehrungen geschwächt, mit denen die amerikanischen Bürger vor dem Zugriff der Regierung geschützt werden. Der 11. September 2001 hat das Gefüge der amerikanischen Gesellschaft weniger beschädigt als das, was wir gegenwärtig selbst tun. Ist das Russland der späten Romanows tatsächlich ein Modell für uns, ein selbstsüchtiges und abergläubiges Imperium, das sich im Namen einer künftigen Ordnung selbst zugrunde richtet?

...

Sehr geehrter Herr Minister, ich habe großen Respekt vor Ihrem Charakter und Ihren Fähigkeiten. Sie haben mehr für unsere internationale Glaubwürdigkeit getan als unsere Politik verdient, und Sie haben trotz der Exzesse einer ideologisch verbohrten und egozentrischen Regierung etwas Positives bewahrt. Aber Ihre Loyalität zum Präsidenten geht zu weit. Wir sind dabei, das internationale System, das mit Mühe und großem Einsatz aufgebaut wurde, zerstörerischen Belastungen auszusetzen - ein Netz von Gesetzen, Verträgen, Organisationen und gemeinsamen Werten, das unseren Feinden wesentlich effektiver Grenzen setzt, als dass es Amerikas Fähigkeit, seine Interessen zu verteidigen, begrenzt.

Ich trete zurück, weil ich es nicht geschafft habe, mein Gewissen mit meinem Auftrag zu versöhnen, die gegenwärtige US-Regierung zu vertreten. Ich bin zuversichtlich, dass unser demokratischer Prozess sich eines Tages selbst korrigiert. Ich hoffe, dass ich von außen einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass wir wieder eine Politik betreiben, die der Sicherheit und dem Wohlergehen des amerikanischen Volkes und der Welt entspricht.

Aus dem Englischen von Hans Thie

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden