Umstellt von Erziehern

Verdrängt. Vermutet. Projiziert Am Fall Natascha Kampusch zeigt sich die Unfähigkeit, Opfer zu denken

Am interessantesten ist der Neid. Wenn Anrufer in TV-Diskussionen gleich die ganze Angelegenheit bezweifeln. Wenn die postfeministischen Moderatorinnen von puls-tv den Namen so gelangweilt dehnen und sofort eine Religionswissenschaftlerin aufgefahren wird, den Heiligenstatus von Natascha Kampusch zu bestätigen. Wenn in der Straßenbahn der Satz fällt, dass "Die" sich doch sicher längst befreien hätte können. Wenn "Die" das wirklich gewollt hätte, hätte "Die" das gekonnt, wird vermutet und sehr bedeutungsvoll genickt. "Eine komische G´schicht. Eine wirklich komische G´schicht ist das", sagt ein soignierter älterer Herr im Café Eiles und greift kopfschüttelnd nach der Kronen-Zeitung mit dem Kampusch-Interview.

Die andere Seite des Neids ist die Idealisierung. Wenn Robert Misik im Standard "die Geschichte der Natascha Kampusch jetzt schon zum kulturellen Fundus der Menschheitsgeschichten zählt." Wenn der Obmann des ÖVP-Parlamentsclubs eine Verdopplung des Strafrahmens für lang anhaltende Entführung bei einer Pressekonferenz verlangt und dabei zornig mit seiner Rührung kämpft und sich mit kleinen Schlägen auf den Tisch Luft machen muss. Harte Strafen, wünscht er sich. Wirklich harte Strafen. Überwältigung hier wie dort. Eine Gesellschaft zeigt sich, die sich nur in Bedürftigkeit oder Bewunderung ausdrücken kann. Neid und Idealisierung müssen sich in die angebotene Geschichte eintragen und sie so in Besitz nehmen. Sich aneignen. Die erzählte Geschichte wird während der Erzählung schon umgeschrieben. In Ablehnung oder Aneignung. Die Geschichte gehört auf diese Weise dann allen. Jedem. Die Zuhörer setzen sich an die Stelle des Erzählers und in diesem Fall der Erzählerin. Die Zuhörer ersetzen im Zuhören die Erzählerin und füllen die Geschichte mit ihren eigenen Bezügen. Ablehnung oder Aneignung entscheiden sich an den Möglichkeiten der einzelnen Personen. Die über eine solch intimisierende Überwucherung verdeckte Erzählerin der Geschichte wird zur Projektionsfläche von Ablehnung oder Aneignung. Eigengewicht für die Erzählerin - das gibt es nicht. Das kann es nicht geben. Wenn eine Gesellschaft keinen Raum entwickelt hat, aus dem herauszutreten einen Blick auf sich selbst ermöglichte. Wenn die Medien dieser Gesellschaft dann nur ein unendliches Innen abbilden können. Oder wollen. Dann gibt es keine Erzählung. Die Erzählung wird in die vielen Umschreibungen atomisiert. In einer solchen Gesellschaft gibt es dann auch keine Geschichte als Erzählung dieser Gesellschaft. Wenn alles zur Anekdote angeeignet werden muss, stellt sich die Frage, ob das, was da so zur Erscheinung kommt, Gesellschaft genannt werden kann. Überhaupt.

Nun gilt diese Gesellschaftsvortäuschung Österreich ja sich selbst als Opfer. Dieser Mythos ist fern. Mittlerweile. Versunken hinter den Veränderungen der neunziger Jahre. Weil das grenzenlose Innen des Klerikofaschismus nie in einer Selbstkritik sichtbar gemacht worden ist und damit verlassen hätte werden können. Im Gegenteil. Unser Bundeskanzler steigt auf die Kanzel des Stephansdoms und predigt selber. Deshalb ist man hier diesem konkreten Opfer Natascha Kampusch vollkommen ausgeliefert und muss neiden. Schließlich hat doch jeder selbst das vage Gefühl, ein Opfer zu sein. Ausgeliefert zu sein. Und jede ist weiterhin im Unwillen gefangen, ihre Benachteiligungen zur Kenntnis nehmen zu wollen, weil sie sonst befürchten muss, unsichtbar zu werden. Als Opfer. Als auf sich selbst verweisendes Opfer wird frau hier nämlich unsichtbar gemacht. Auf eine Frau, die die Inkongruenz ihrer Existenz öffentlich macht, wird die öffentliche Mädchenerziehung angewandt, in der nichts richtig gemacht werden kann und alles zur Erniedrigung des Mädchens führt, aber der Erzieher als Schöpfer des Mädchens zur Erscheinung gebracht wird.

Für Natascha Kampusch heißt das, dass sie es noch so gut wissen kann. Sie ist von einer Unzahl von Erziehern umstellt, die dann auf Fotos immer größer sind als sie. Jeder andere weiß es besser.

Zitat Kronen-Zeitung vom 8. September: "Besonders beeindruckt waren auch viele Leser und Seher von ihrer außerordentlichen Sensibilität. Kampusch dazu lapidar: ›Ich denke, ich hatte immer schon eine hohe Empathiefähigkeit.‹ An dieser Stelle unterbricht erstmals einer ihrer Ärzte, Klinik-Professor Hans Scheidinger: ›Da sollten Sie vielleicht ein einfacheres Wort wählen.‹" Zitatende.

Ein einfacheres Wort soll sie wählen, sagt der Herr Professor. Beim Wort Empathie wird sie unterbrochen. Die Erzählung wird gestoppt. Ihre Wortwahl wird anhand des Worts Empathie diskutiert. Nun scheint es so gewesen zu sein, dass genau diese Empathiefähigkeit für die Gestaltung des Überlebens der jungen Frau notwendig war. Der Professor unterbricht sie also bei der Schilderung ihres Überlebens. Dabei, wie sie über eine Fachvokabel erzählt, dass sie ihren Peiniger verstehen musste, um überleben zu können. Genau in der Mitte dieser Erzählung unterbricht der Fachmann sie und zwingt sie auf eine Laienebene. Damit bewahrt er sich und die Leser vor dem wahren Ausmaß des Begriffs. Die Erzählung gerät ins Stottern. Muss wiederholt werden. Das Mädchen wird freundlich zurechtgewiesen, gezwungen, den Raum der fachlichen Ermächtigung über so eine Fachvokabel zu verlassen und in einem "normalen" Sprechen "normal" zu werden. Das, was so gerne gesagt wird. "Da wird uns ein 18-jähriges Fräulein vorgestellt". "Millionen Fernsehzuschauer waren beeindruckt von dem tapferen Mädchen." Das wird uns auch vorgeführt. Die Vermittler der Aussagen. Interviewer. Kamera. Betreuer. Alle steuern die Erzählung mit und mauern die Erzählerin in Anweisungen und Unterbrechungen und Kopfnicken ein.

Wenn wir nun auch keine kritische Selbstsicht entwickeln können - eine Außenansicht ist uns immer möglich. Wir Österreicherinnen können uns in Deutschland und in den deutschen Medien geschildert finden. Der deutschsprachige Blick auf uns lässt dann die eine Frage zu, die hierzulande nur gedacht alle Kommunikation beherrscht, die aber nie ausgesprochen wird. "Wird sie je einen Mann richtig lieben können?" fragt die Bild-Zeitung.

Wieder geht es um die öffentliche Mädchenerziehung. Ein Psychologe. Auch hier nimmt sich ein Mann dieser Mädchenfrage an. Der Psychologe vermutet doch eine Möglichkeit, dass Natascha Kampusch "eines Tages eine normale Partnerschaft führt, falls sie einen verständnisvollen, ruhigen Partner kennenlernt."

Also ein Mann muss es sein. Kleine Mädchen müssen auf den Mann des Lebens vorbereitet werden. Wenn sie Problemfälle sind, dann ist es klar, dass dieser Mann eine pädagogische Haltung einnehmen muss. Verständnisvoll und ruhig muss der dann sein. Ein bisschen therapeutisch halt. Wie man das aus den Pygmaliongschichterln so kennt. Henry Higgins oder Daddy Longlegs. Die völkischen Väter der Naziromane. Alle sind sie den Mäderln gegenüber verständnisvoll. Und nehmen sie darin nicht ernst. Müssen sie nicht ernst nehmen. Das Verständnis ist ja ohnehin nur der Weg zum Bett. Damit es da keine allzugroßen Probleme gibt. Und Verständnis und Ruhe. Das beschreibt wieder das Normale. "Dass sie eines Tages eine normale Partnerschaft führt, falls sie einen verständnisvollen, ruhigen Partner kennen lernt." Eine normale Partnerschaft hängt also nicht von der jungen Frau ab. Der verständnisvolle und ruhige Partner stellt so eine Partnerschaft her, die dann ja wahrscheinlich keine Partnerschaft ist.

In seinem Statement stellt der Psychologe keinen Bezug zu den Folterbedingungen der Gefangenschaft von Natascha Kampusch her. Die Abwesenheit der "normalen Erfahrungen der Liebe, wie den ersten Kuss, die erste Enttäuschung" würde die Liebesfähigkeit der jungen Frau in Frage stellen. Normal wird hier zum Zauberwort einer Rückkehr. Als befände man sich in der Erzählung vom Dornröschen, und die Prinzessin muss nur aufwachen und alles geht weiter. Normal. Aus dem Märchen wissen wir, dass der arme Küchenjunge nun seine Ohrfeige bekommen muss, weil alles aus dem hundertjährigen Schlaf erwacht wieder normal weiter geht.

Es wird also herumgeredet. Vermieden. Verdrängt. Vermutet. Projiziert. Die Unfähigkeit, Opfer denken zu können, weil so viele Opfer in der Historie vergraben sind, muss das Opfer in einer Einverleibung bannen oder in einer Vorstellung von möglicher Normalität verschwinden lassen. In einem Unglauben, dass so etwas möglich ist, neuerlich begraben. Mir stellt sich die Frage, wie die ersten Fotografen herbeigerufen wurden. Wer hat wann diese SMS geschickt. Hat angerufen. Hat herbeigerufen. Hat veröffentlicht und damit jede Möglichkeit zerstört.

Wir wussten immer, dass es Opfer bei uns nicht gut haben. Dass das Opfersein ein Zustand ist, der besser verheimlicht wird und damit keine Gegenerzählung provoziert. Opfer müssen ihre Geschichte in einer Form verteidigen, die sie noch einmal beraubt. Wir müssen nur die Begriffe "Verhör" und "Einvernahme" wörtlich nehmen und können das Ausmaß der notwendigen Selbstverteidigung erahnen, das notwendig ist, sich die Erzählung zu erhalten.

Die Erzählung der Natascha Kampusch ist nun tausendfach umgeschrieben und berichtigt und benutzt. Der Täter ist ungenannt begraben worden. Er hat alle Anonymität. Für den Täter war Geheimhaltung möglich. Haben nur Täter Persönlichkeitsrechte?


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00:00 15.09.2006

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