Umstürzler im Hörsaal

Systemwechsel Stuttgart hat Erfahrung mit aufgebrachten Menschen. Hier wurde der „Wutbürger“ entdeckt. Ein Revolutionskongress in der Landeshauptstadt war da die logische Konsequenz

Ausgerechnet Stuttgart. Seit Monaten laufen hier „Baumschützer“ und „Parkwächter“ gegen die Tieferlegung ihres Hauptbahnhofs Sturm. Am Sonntag hat die geballte Bürgerwut die schwarz-gelbe Landesregierung von Stefan Mappus hinweggefegt. Zum ersten Mal seit 58 Jahren regiert im Ländle nicht die CDU. Und nun das.

Die Macher des Magazins agora42, das wirtschaftliche Vorgänge mit philosophischer Weltanschauung zusammenbringt, haben zum „Revolutionskongress“ in die baden-württembergische Landeshauptstadt eingeladen. Der heißt zwar offiziell „Stuttgarter Kongress“, aber die Stoßrichtung ist klar. Im angemieteten Hörsaal der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste soll „über eine neue Gesellschaftsordnung nachgedacht“ werden. So heißt es in der Einladung.

Demokratiereform statt Aufstand

Der Umsturz ist von langer Hand geplant. Vor ein paar Monaten haben die agora-Redakteure einen Wettbewerb gestartet und darum gebeten, Konzepte für eine neue Gesellschaftsordnung zu entwickeln und sie an die Redaktion zu schicken. „Ich bin Revolution. Also sind wir“ lautete der Titel. Eine Jury hat die besten vier Konzepte ausgewählt und die Urheber nach Stuttgart eingeladen.

Und so steht nun Jörn Kruse im „Mehrzwecksaal“ am Rednerpult und enttäuscht seine Zuhörer. „Ich will keine blutige Revolution“, sagt er und zerstört schon einmal gleich alle Vorstellungen von brennenden Barrikaden und gestürmten Hauptbahnhof-Baustellen. Kruse, eigentlich Professor für Wirtschaft an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, setzt stattdessen auf eine „Reform der Demokratie“. So hat er sein Konzept überschrieben.

Die zentrale Rolle spielen darin die Bürger, die unablässig wählen dürfen – ein Parlament ohne Fünf-Prozent-Hürde, „parlamentarische Fachräte“ zu verschiedenen Politikbereichen, die auch an der Gesetzgebung beteiligt werden, die Regierung, und zwar direkt, damit die besten Minister rekrutiert werden können, und schließlich einen „Senat“ als parteienunabhängige Einrichtung, die alle staatlichen Institutionen mit Personal besetzt. Die Parteien kommen bei Kruse insgesamt nicht gut weg: „Sie bestimmen alles, was passiert, weil sie über die Köpfe in den Gremien entscheiden“, sagt er. Ihre Macht müsse radikal beschnitten werden.


Das Publikum mag solche Sätze. Kruse erntet viel Applaus. Neben vielen jungen Leuten sind auch einige ältere gekommen. Sie sprechen mit schwäbischem Akzent. Eine Frau stellt sich mit dem Satz vor: „Wir kommen aus dem Stuttgarter Widerstand.“ Christina Chondrogianni kann bei ihr sofort punkten. „Der Staat muss wieder die Kontrolle über die Geldschöpfung und die Geldmenge übernehmen“, fordert die grauhaarige Frau, die im normalen Leben Geologin ist. Um dieses Ziel zu erreichen, möchte sie eine „Monetative als vierte Staatsgewalt“ einführen und „kein Gesetz ohne Zustimmung der Bürger“ in Kraft treten lassen. Wie sie ihre Utopie umsetzen möchte, bleibt jedoch ihr Geheimnis. Sie sagt oft Wörter wie „irgendwie“ und „irgendwelche“, eines ihrer Schaubilder erinnert mit seinen grünen Pfeilen an eine Zeichnung des Tropischen Regenwalds.

„Ihr Anliegen übermalt ein bisschen die Logik“, fällt so auch der Kommentar von Chondrogiannis „Sparringspartner“ Ulf Schmidt aus. Der Mann ist bemüht, der engagierten Frau nicht weh zu tun.

Spaß an der Arbeit

Weitaus konkreter präsentieren sich Gerhard Borck und Andreas Zeuch. Nicht umsonst trägt das Konzept der beiden Unternehmensberater den Titel „RealExperiment“. Sie wollen in einer Firma testen, wie dort die Rahmenbedingungen so geändert werden können, dass die Arbeit allen Angestellten Spaß macht. „Es ist haltloser Blödsinn, dass Spaß an der Arbeit und Wirtschaftlichkeit zumindest ab einer bestimmten Unternehmensgröße ein unvereinbarer Widerspruch sind“, sind die beiden Männer überzeugt.

„Spielerisches Arbeiten“ lautet ihre Lösung. „Für drei bis fünf Jahre“ wollen Borck und Zeuch eine kleine Gruppe Menschen mit Geld ausstatten, damit sie tun können, was immer sie möchten. In einer Atmosphäre ohne Druck sollen sie kreative Ideen entwickeln können. Borck und Zeuch wollen so ihr Konzept testen und bei einem Erfolg ausweiten. „Es ist für den Schnäppchenpreis von 1,5 Millionen Euro zu haben“, werben die Hörsaal-Revolutionäre für ihre Idee. Allerdings müssen sie zugeben: „So richtig revolutionär ist das Ganze nicht.“

Und so bleiben auch am Ende des Tages die Mistgabeln im Schrank und die Revolutionäre friedlich. „Das Wünschenswerte wurde gesagt“, lautet das abschließende Fazit des Ökonomen Birger Priddat. Er habe viel Anregendes gehört, wirkliche Visionen für einen neuen Staat seien jedoch noch nicht dabei gewesen. Priddat hat dabei das schwarze T-Shirt einer Zuhörerin in der ersten Reihe im Blick. In blutroten Buchstaben steht darauf eine Frage. „Wo bleibt die Revolution?“

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13:25 30.03.2011

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