Umweltschützer gehören nicht aufs diplomatische Parkett

Umweltpolitik Hermann Scheer über die Frage, warum die Ökologiebewegung nur verlieren kann, wenn sie Einzelinteressen bedient, sich zu stark an Regierungen bindet oder auf Umweltgipfel vertraut

Unter Senkern - so könnte man den eben in Bonn eröffneten Weltklimagipfel in Bonn beschreiben. Nachdem sich die USA vom Kyoto-Protokoll verabschiedet haben, liegt es in den nächsten zwei Wochen an Japan, nicht zum endgültigen "Totengräber" (Jürgen Trittin) zu werden. Der Klimaschutz ist inzwischen zu einem Spekulationsobjekt für Emissionshändler geworden, und es stellt sich die Frage, welchen Rolle dabei die Umweltorganisationen spielen sollen, die in einer Vielzahl nach Bonn gereist sind - und über Sinn und Zukunft einer institutionalisierten Umweltbewegung nachzudenken.

FREITAG: "Die Umweltbewegung ist tot, lang lebe die Spaßgesellschaft". Wie finden Sie diesen Satz, Herr Scheer?

Hermann Scheer: Das allgemeine Verständnis von "Bewegung" ist sehr oberflächlich. Es sagt: Bewegung ist dann, wenn es Massendemonstrationen gibt. Bewegung kann aber auch ganz anders verstanden werden.

Nämlich?

Bewegung ist auch, wenn viele Menschen gleichzeitig etwas bewegt. Unglaublich viele in unserer Gesellschaft engagieren sich - weil sie etwas bewegt - auf unspektakuläre Weise. Das ist sozusagen eine stille, nach außen wenig sichtbare Bewegung. Bei der Umweltbewegung denkt man immer an das Erste. Das ist aber eine verkürzte Sicht.

Zumindest vor zehn, fünfzehn Jahren haben Massenaktionen Erscheinungsbild und Charakter der Umweltbewegung geprägt.

Das stimmt sicherlich. Es war die Zeit, in der die großen "Neins" formuliert wurden: Nein zu Atomkraft, Nein zur Dünnsäureverklappung, Nein zur Müllflut, Nein zu Brokdorf. Klar ist aber, dass sich eine derart organisierte Massenbewegung nicht über Jahrzehnte aufrecht erhalten lässt.

Warum denn nicht?

Viele Initiativen sind eingeschlafen, weil man ehrenamtliche Arbeit nicht zehn Jahre lang mit gleicher Intensität betreiben kann.

Aber es gibt doch heute noch große Nein-Probleme, die diese Organisiertheit eigentlich erfordert?

Natürlich: Das ganze konventionelle Energiesystem ist ein Nein-Fall. Die chemische Industrie, verlangt - so wie sie heute läuft - ein klares Nein. Sanken nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation überall die Rüstungsetats, erleben wir heute, wie sie wieder steigen. Die NATO fühlt sich inzwischen überall bedroht. Sie vereint 60 Prozent aller Rüstung weltweit. Welch eine Fehllenkung von Ressourcen mit so mieser Begründung! Ein klassischer Nein-Fall.

Wenn die Nein-Themen so offensichtlich sind, wie Sie behaupten - warum gibt es dann die Nein-Bewegung nicht mehr?

Nein-Bewegungen funktionieren auf Dauer nicht. Wir haben doch heute folgendes Problem: Jeder weiß, was los ist. Gleichzeitig hört aber jeder täglich von denen, die für die Probleme verantwortlich sind, es gebe keine Alternative. Wer das glaubt, kann nur zu dem Schluss kommen, die Probleme sind tatsächlich nicht lösbar. Wie kann man aber erwarten, dass sich Leute für oder gegen etwas engagieren, das als nicht als lösbar gilt. Menschen engagieren sich nur für eine Perspektive. "There is no alternative", hat Margret Thatcher einmal gesagt. Das ist psychologisches Dumping zur Entmündigung von Menschen! Alternativen müssen aufgezeigt werden - so konkret es irgend geht. Dass heute diese Alternativen von zu wenigen offensiv formuliert werden, liegt am verloren gegangenen Selbstbewusstsein der Umweltbewegung. Sie traut sich nicht mehr zu, umfassende Alternativkonzepte zu entwickeln.

Ihr Fazit bilanziert die Vergangenheit. Wie sieht es aber in der Gegenwart aus?

Natürlich gibt es da einen Zusammenhang zu Margret Thatchers Satz. Die klassische Ökobewegung ist an eine rhetorische Grenze gestoßen. Es gibt heute eine Fülle von Literatur, die die ökologischen Krisen mit all ihren negativen Wirkungen beschreibt. Viele Leute haben aber die Nase voll, immer nur mit Krisen konfrontiert zu werden. Wenn die Umweltbewegung die Katastrophen immer nur beschreibt ohne überzeugende Lösungen anzubieten, lässt sie die Leute mit den Katastrophen allein.

Warum gelingt es der Ökobewegung nicht, Lösungen anzubieten?

Auf ein überlebensgroß erscheinendes Problem kann man nicht mit Klein-Klein antworten. Aber genau darauf beschränken sich heute viele. Sie backen zu kleine Brötchen. Zudem hat sich Umweltbewegung zu sehr spezialisiert. Die Schwerpunkte sind technisch, technologisch anspruchsvoller - detaillierter - geworden, aber die große Perspektive wird zu wenig artikuliert.

Was ist denn falsch an gebündeltem Sachverstand?

Sicherlich muss man vielen Problemen mit spezieller Expertise begegnen. Wer Alternativen präsentieren will, braucht auch ein technisches Grundverständnis, um den Argumenten, warum etwas nicht gehen soll, qualifiziert widersprechen zu können. Man darf aber durch die Spezialisierung nicht die Gesamtdimension - den Zusammenhang - aus den Augen verlieren. Genau das passiert aber heute.

Wie hat sich die grüne Regierungsbeteiligung nach ihrer Wahrnehmung auf die Umweltbewegung ausgewirkt?

Nicht so wie in Amerika. Dort haben die Umweltverbände in der Clinton/Gore-Zeit die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Viele Amerikaner dachten mit großen Erwartungen: Jetzt haben wir die Regierung, die wir schon immer haben wollten. Unser Fahnenträger Al Gore wird es schon richten. Praktisch wurde keine dieser Erwartungen eingelöst. Die Umweltbewegung aber hatte Beißhemmungen, ihre Fahnenträger zu kritisieren. Das Ergebnis: Die amerikanische Umweltbewegung wurde sprachlos, eine breite Demobilisierung setzte ein. Diese überdimensionierten Erwartungen gab es in Deutschland nicht. Ich halte es auch für falsch, wenn sich Nichtregierungsorganisationen zu sehr an eine Regierung binden. Das gilt auch für die Umweltbewegung im Verhältnis zu den Grünen. Die Umweltbewegung darf niemals Beißhemmungen bei Konflikten haben.

Andererseits hatte die grüne Partei in der Opposition auch nie Beißhemmungen, Umweltprobleme anzusprechen.

Parlamentarisches und außerparlamentarisches Handeln sind zwei völlig verschiedene Rollen. Eine Initiative, die gesellschaftliches Bewusstsein schaffen will, darf sich nicht in den politischen Kompromissbildungsprozess einbinden lassen, der im Parlamentarismus unerlässlich ist. Das ist aktuell das Problem mancher Umweltorganisationen, die inzwischen für ein Kyoto-Protokoll werben, das vorwiegend aus Schlupflöchern besteht.

Wie bewerten Sie die heute existierenden Strukturen der Umweltbewegung?

Viele Umweltorganisationen haben sich in den letzten zehn Jahren professionalisiert. Das kann man verstehen, aber so etwas ist auch immer ambivalent. Ihre Vertreter haben eine hohe Fachkenntnis, sie artikulieren diese auf Hearings, erarbeiten Konzepte, werden in Kompromissprozesse eingebunden. Dabei stellen sie fest, dass sie den üblichen Verbands-, Industrie- oder Lobbyvertretern haushoch überlegen sind. Natürlich arbeiten diese Fachmänner noch ehrenamtlich. Aber dank ihrer Kenntnisse etablieren sie sich und ihre Vereine. Damit setzt der Integrationsmechanismus ein. Der Verein bekommt öffentliche Gelder. Das erleichtert natürlich die Arbeit unseres Fachmanns und verschafft mehr organisatorischen Spielraum. Unversehens werden Rücksichtnahmen auf die Geldgeber eingebaut. Und der Verein spezialisiert sich immer mehr, verliert den Zusammenhang. Ich will solche Prozesse gar nicht kritisieren. Ich will nur darstellen, warum solche Integrationsprozesse und die zunehmende Professionalisierung ambivalent sind.

Mit welcher Schlussfolgerung?

Umweltbewegung muss immer peinlichst darauf achten, ihre Unabhängigkeit zu wahren.

Ein wesentliches Mittel von politischer Meinungsbildung ist Lobbyarbeit. Muss dort Umweltbewegung aktiver werden?

Es ist ein Irrtum, die Lobbyarbeit der Umweltbewegung an der eines Interessenverbandes messen zu wollen. Interessenverbände sind hoch professionalisiert, mit viel Geld ausgestattet und wenig tragfähigen Ideen für die Gesellschaft insgesamt. Diese Leute vertreten gegenüber der Politik ein partikulares Interesse. Umweltorganisationen aber sind keine Interessenverbände in diesem Sinne, sondern per se gemeinwohlorientiert. Also vertreten Umweltvereine das Gemeinwohl gegenüber den partikularen Interessen dieser Verbände. Würde es nur danach gehen, wie viel Personal und Finanzkraft notwendig ist, um irgendwo Einfluss zu nehmen, hätten Umweltorganisationen nirgendwo eine relevante Veränderung bewirkt. Da sind die anderen haushoch überlegen. Nein, ich halte nichts von diesen Ratschlägen, die Umweltorganisationen zu konventionellerem Lobbyismus zu ermuntern. Wer sich diese Art von Waffengleichheit mit einem Industrieverband wünscht, darf sich nicht wundern, wenn er letztlich auch wie ein solcher von den Menschen gesehen wird.

Was sind die Themen der Zukunft, die sich die Umweltbewegung auf ihre Agenda schreiben muss?

Nach meiner Überzeugung muss sie in viel stärkerem Maße eine Ressourcenbewegung werden. Die Themen der Zukunft sind erneuerbare Energie, Wasser, Boden und Luft - Schonung und Erhaltung der Ressourcen also. Daraus folgt automatisch zwingend eine andere Wirtschaftspolitik. Wirtschaft ist ohne Ressourcenverbrauch gar nicht denkbar. Alle Umweltprobleme, die wir haben, hängen mit dem falschen Umgang oder der falschen Wahl von Ressourcen zusammen. Also ist die Ressourcenwirtschaft der Kern des gesamten Problems.

95 Prozent der Weltkarte sind - was die Solarbewegung anbelangt - weiße Flecken. Muss Umweltbewegung globaler werden?

Umweltbewegung hat per se eine globale Komponente. Nehmen Sie das Erneuerbare-Energie-Gesetz, das nach Impulsen der Vereinigungen für erneuerbare Energien von der rotgrünen Bundestagsmehrheit auf den Weg gebracht wurde. Plötzlich passiert etwas in Deutschland. Andere Länder beginnen sich zu fragen: Warum geschieht auf einmal bei den Deutschen etwas, bei uns aber nicht? Der Impuls aus diesem Teil der Umweltbewegung war der Stein, den die Regierungsfraktionen ins Wasser geworfen haben. Jetzt schlägt er Wellen. Globale Wellen. Mein Eindruck ist allerdings, dass die Umweltbewegung ihren Beitrag zur Globalisierung zuletzt missverstanden hat. Es ist Unsinn, auf allen internationalen Umweltforen präsent sein zu wollen. Erstens würde das schnell ihre sämtlichen Budgetmittel auffressen. Zweitens würde die Bewegung sehr schnell Bestandteil der internationalen Umweltdiplomatie werden. Von der aber kann man nicht mehr erwarten, als bei den Weltklimakonferenzen herausgekommen ist. Vertreter der Umweltbewegung haben Unsinnskompromisse wie den Emissionshandel mitgetragen, weil sie das gerade noch für akzeptabel hielten. Sie müssen sich diesen Treppenwitz mal auf der Zunge zergehen lassen: Umweltschützer fordern jetzt, dass dieses Konzept - das nur entstanden ist, um die Amerikaner zum Klimaschutz zu animieren - verabschiedet wird, obwohl seine Urheber - die Amerikaner - schon ausgestiegen sind.

Anfang des dritten Jahrtausends redet die Menschheit gerne vom "Fit für die Zukunft machen". Was muss die Umweltbewegung tun, um das zu erreichen?

Wer Zukunftsgestaltung ohne Ökologie machen will, ist bestenfalls ein Traumtänzer. Insofern ist Umweltbewegung per se "Fit machen für die Zukunft".

Kaprizieren Sie sich mal nicht auf den philosophischen, sondern auf den strukturellen Gehalt!

Die Umweltbewegung muss wieder politischer denken. Sie muss die Strukturfragen aufgreifen, die mit dem jetzigen zerstörerischen Ressourcensystem verbunden sind. Es gibt heute viel zu wenig Kritik an der Liberalisierung der Energieversorgung. Es gibt viel zu wenig Kritik an der Konzentration der Ressourcenwirtschaft, die diametral dem Ziel der Organisierung ökologischer Kreisläufe entgegensteht. Solcherlei politische Dimension ist der Umweltbewegung zu stark verloren gegangen.

Wie lässt sich das revitalisieren?

Durch Widerspruch! Wie viele Leute widersprechen denn heute noch. Da stellt sich zum Beispiel die Kernkraftlobby nach Unterzeichnung des Atomkonsenses hin und sagt: Regenerative Energien können immer nur additive Bedeutung haben, aber nie die herkömmliche Energien ersetzen. Jeder weiß: Ohne Energie geht nichts. Also sagt die Kernkraftlobby: Atomare und fossile Energien sind unverzichtbar. Nur wenige haben dem widersprochen. Ohne Widerspruch nehmen das die Leute hin - sie glauben es.

Gerade zum Thema Energie kommen wieder viele wissenschaftliche Arbeiten aus der Umweltbewegung, die das Gegenteil belegen. Warum mangelt es in anderen Bereichen - Trinkwasser, Klimaschutz, Ressourcenverbrauch - der Umweltbewegung an solchen Arbeiten?

Weil die Problemlage nicht ausreichend bewusst ist. Ich bin aber optimistisch, dass sich das ändern wird. Am Anfang jeder Bewegung steht, dass ein Groschen fällt. Daraus können Massenprozesse werden.

Woher der Optimismus?

Die richtige Idee lässt sich auf Dauer nicht vertuschen. Die Mindestvoraussetzung ist allerdings, dass diese Idee unüberhörbar artikuliert wird. Daran müssen wir arbeiten. Es gibt einen schönen Satz: An sich bin ich kein Pessimist, außer, wenn ich manche ignoranten Optimisten reden höre.

Das Gespräch führte Nick Reimer

Hermann Scheer liebt es, herrschende Meinungen gegen den Strich zu bürsten. Immer wieder kann man das auf Podiumsveranstaltungen erleben. Wenn sich dort die Bedenkenträger zum gemischten Chor gefunden haben, zückt Scheer verschmitzt eine Spruchweisheit und zitiert sinngemäß Konfuzius: "Wer das Niveau heben will, muss die Ansprüche senken." Der 57-Jährige ist ein pragmatischer Anarchist und gehört inzwischen zu den linken Leuchttürmen in der SPD-Bundestagsfraktion. Seit 1988 kämpft er als Initiator und ehrenamtlicher Präsident der europäischen Sonnenenergie-Vereinigung (EUROSOLAR) für die Durchsetzung erneuerbarer Energien, vor allem der Sonnenkraft. 1998 erhielt er dafür in Stockholm den alternativen Nobelpreis.

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00:00 20.07.2001

Ausgabe 42/2021

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