Unappetitlicher Brei

Frankreich Frankreichs Kulturminister Mitterand steht wegen seiner literarischen Offenbarungen über die „Garcons“ von Bangkok weiter unter Druck. Noch steht Präsident Sarkozy zu ihm

Sexualität ist, medial aufbereitet, ein Brandbeschleuniger. Der jüngste Fall: die Berichte über die Verhaftung des Filmemachers Roman Polanski in der Schweiz. Der Grund: Vergewaltigung oder Verführung einer Minderjährigen – der Tatbestand ist umstritten – liegt 30 Jahre zurück. Polanski besitzt in der Schweiz ein Ferienhaus, dessen Kauf jene Behörde bewilligte, die ihn jetzt verhaften ließ – das Berner Justizministerium. Die juristische Lage ist komplex: nach schweizerischem Recht ist die Tat – ob Vergewaltigung oder „nur“ Verführung – verjährt, nach amerikanischem Recht allerdings nicht.

Frédéric Mitterrand, französischer Kulturminister, Neffe des verstorbenen Präsidenten François Mitterrand und bekennender Schwuler, regte sich öffentlich auf über die Verhaftung Polanskis und sprach von „einem Amerika, das Angst macht.“ Diese Solidaritätsadresse ist ihm nicht gut bekommen. In einem Privatkanal versetze ihn Marine Le Pen – die Tochter des Chefs des rechtsradikalen Front National (FN) – vor einem Millionenpublikum auf die Anklagebank, indem sie aus Mitterrands Buch zitierte, das vor vier Jahren erschienen ist. Darin erzählt dieser von Kontakten mit homosexuellen Männern in Thailand, die er im Buch „garçons“ (Knaben) nannte, von denen er aber jetzt behauptet, „keiner von ihnen war je minderjährig“. Mitterrands literarisches Geständnis hat etwas Beklemmendes: „Ich bin mitten drin, im Herzen meines Systems. Es funktioniert, weil man mich nicht zurückweist. Ich kann endlich auswählen. Die westliche Moral, das ständige Schuldbewusstsein, diese Scham, die ich in mir trage, zerspringen auf einen Schlag“. Mit Geld erreichte er in Thailand spielend, wovon er in Europa kaum zu träumen wagte: das freie Ausleben seiner sexuellen Neigung. Auf den Mann werfe den ersten Stein, der ohne Fehl ist.

Für die Aufklärung von Verbrechen ist die Justiz zuständig – auch im Falle Mitterrands und Polanskis. Die Medien brauten jedoch aus Vergewaltigung, Sextourismus, Prostitution, Pädophilie, Verführung und Homosexualität einen unappetitlichen Brei und bliesen zur Menschenjagd. Das ist der Skandal, der Rest ein Fall für die Justiz.

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13:00 13.10.2009

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