Unaufhörlich lieben

Verse Lyrik half Ruth Klüger einst, das KZ zu überleben. „Gegenwind“ ist eine Sammlung ihrer Gedichtinterpretationen
Unaufhörlich lieben
Der Hut ist schon gelupft. Jeden Moment könnte ein Exzess losbrechen

Foto [Montage]: Ken O'Brien Collection/Corbis/Getty Images

Manchmal begleiten sie uns ein Leben lang: Einzelne Wörter, Formulierungen oder ganze Gedichte. Sie werden mit uns erwachsen und bergen nicht selten für jede neue Phase unseres Lebens oder für besondere Momente kostbare Botschaften, verschüttete Erinnerungen. Verse als Vademecum, Verse als stille Begleiter durch den Alltag, ja, Verse mitunter auch als existenzielle Reflexionsflächen – davon gibt Ruth Klügers aktuelle Sammlung von Gedichtinterpretationen, die sie zuvor im Laufe der Jahre in der Frankfurter Anthologie veröffentlichte, kund. Die meisten dieser Texte seien ihr dem Vorwort zufolge „zugelaufen wie streunende Katzen“. Nun in einem Band unter dem Titel Gegenwind publiziert, ergibt gerade „das Nebeneinander dieser Gedichte (…) oft ein Miteinander von Aha-Momenten.“

Was die 1931 in Wien geborene Literaturwissenschaftlerin reizt, sind in der Gesamtschau immer wieder Poeme, die von Fremdheitserfahrungen berichten. So zum Beispiel „Das Schloß Boncourt“ von Adelbert von Chamisso, einem aus der Champagne geflüchteten Dichter, der seine Texte auf Deutsch schrieb. Der Blick des seiner Heimat Beraubten ist seinem Erinnerungsgedicht spürbar eingeschrieben: Noch einmal kehren wir in der Rückbesinnung des lyrischen Ich an dessen titelgebenden Kindheitsort zurück. Im Burghof erblicken wir einen Feigenbaum, eine „Sphinx am Brunnen“ und Wappenschilde.

Das Politische im Poetischen

Dass all die Schönheiten jedoch längst Vergangenheit und inzwischen lediglich noch pure Illusion sind, verdeutlicht das Ende. Wo einst das prächtige Gebäude stand, findet sich nun nur noch Ackerboden. Mit Bewunderung hält Krüger dazu fest: „Denn das, was ‚Das Schloß Boncourt‘ so sympathisch macht, ist die unerwartete Versöhnlichkeit.“ Dem Subjekt wohnt trotz des Verlusts kein Zorn inne. Im Gegenteil: Es hofft, dass der Boden jener erfüllenden Tage nun für die Zukunft fruchtbar sein mag.

Chamissos Ich scheint angekommen und mit sich selbst im Reinen zu sein. Anderen, den Nomaden und Flüchtenden unserer Tage, steht hingegen noch ein weiter Weg bevor. Als mahnende Geste für eine offene, humane Gesellschaft hebt die Freiheitsstatue vor New York ihre Fackel hoch. Auf ihrem Sockel steht seit jeher das Poem „Der neue Koloss“ aus der Feder von Emma Lazarus, das Klüger selbst übersetzt und deutet. Die Gebärde der in Stein gehauenen Dame gleicht keineswegs jener des griechischen Riesen von Rhodos. Statt mit Waffen und kriegerischem Gestus begegnet sie den Ankommenden mit einem leitenden Licht.

Wir lesen: „Den Abschaum schickt vom übervollen Strand. / Am Goldnen Tor erheb ich meine Hand“ – ein abschließender Reim, der sich wie eine schützende Hand um die Hilflosen schließt. Die Aktualität dieser Zeilen erweist sich aus Sicht der jüdischstämmigen Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, welche selbst einstmals von den Nationalsozialisten deportiert wurde, als offenkundig. So seien alle „wohlhabenden Länder vor die Wahl gestellt: geballte Faust oder ausgestreckte Hand, Schwert oder Fackel?“

Auf reine l’art pour l’art mag man in diesen von der Autorin ganz persönlich erlesenen Gedichten kaum stoßen. Stets ist das Politische dem Poetischen mal mehr, mal weniger inhärent. Zu einer ungemeinen Vielschichtigkeit gelangt Gegenwind durch die intelligente Zusammenstellung, die einen Reichtum an Assoziationen und Querverweisen zu erkennen gibt. Wie ein Gewebe verdichten sich Themen wie Massenmigration, Kosmopolitismus, aber auch Rassismus und Menschenliebe zu einem polyphonen Echoraum unserer Gegenwart. Pathetische stehen neben nüchternen Texte. Jubel und Melancholie stehen in einer stimmigen Balance zueinander. Nachdem Hermann Hesses „Ich weiß von solchen…“ noch den nachhaltigen Schrecken von Krieg, Zerstörung und Hass anklagt, folgt wenige Seiten darauf Georg Kreisslers bitterböses Satiregedicht „Die Hexe“ auf eine Gesellschaft des Misstrauens, der Vorurteile und des Fremdenhasses. In der Nachbarschaft schlägt darin ein kritisches Beäugen einer neuen Bewohnerin bald in Gewalt um. Seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ mag solchen Bildern und Erzählungen wieder eine traurige Brisanz zukommen.

Dass die Leserin Klüger auch für die ganz feinen Untertöne sensibel ist, liest sich an ihrer bravourösen Annäherung an Walt Whitmans Hommage auf sein New York Mitte des 19. Jahrhunderts ab: „Stadt der Orgien“ lautet dessen Titel (das komplette Gedicht im Infokasten und rechts im Bild, Übersetzung Ruth Klüger), der schlichtweg das Programm dieses wilden Soziotops beschreibt. Allerdings rufen weniger die unzähligen Feiern oder die Lichter der Schaufenster die Begeisterung des lyrischen Ich hervor.

„Stadt der Orgien“ von Walt Whitman

Stadt der Orgien, Promenaden und Freuden,

Stadt, die ich, in deiner Mitte lebend, besang
und einmal berühmt machen werde.

Nicht deine Feiern, nicht deine wechselnden
Tableaux, deine Spektakel, belohnen mich;

Nicht deine endlosen Häuserreihen, nicht
die Schiffe in den Werften,

Nicht die Festzüge in den Straßen noch die
glitzernden Auslagen mit ihren Waren,

Nicht das Gespräch mit Gelehrten oder
mein Teil an Soiree oder Gelage;

Die alle nicht – aber wenn ich, O Manhattan,
vorbeigeh’, und oft wirft mir ein Augenpaar
einen schnellen Liebesblick zu,

In Antwort auf meinen Blick –
die belohnen mich;

Liebende, nur unaufhörlich Liebende,
sind mein Lohn.

Übersetzung: Ruth Klüger

Nach all den Ruhm und Glanz der Küstenmetropole stilisierenden Anaphern („Nicht deine endlosen Häuserreihen …. / Nicht das Gespräch mit Gelehrten….“) halten ihn nur die manchmal flüchtig vorbei eilenden Blicke des Begehrens und Verzückens, denn „Liebende, nur unaufhörlich Liebende, sind mein Lohn“. In treffendem Ton analysiert Klüger von dem Strom der Eindrücke, beschreibt Manhattan als ein „Sodom, das von einer Flut sinnlicher Wahrnehmungen überschwemmt ist“. Ausgehend von der sich im Text subtil abzeichnenden Homosexualität des Dichters wird man eines erotisierten Big Apple gewahr, das letztlich zum „Ort wie Objekt der Liebe“ avanciert. Klügers Auswahl erhebt keinen Anspruch, einen schlüssigen oder gar unanfechtbaren Kanon abzubilden, warum auch? Von ihrem Kompendium muss man sich einfach nur mitreißen lassen, sich ganz der Begeisterung für die Poeme hingeben und auch der innigen Anteilnahme ihrer Interpretin.

Neben dem Effekt, dass wir wie in allen Werken der Schriftstellerin einiges klarer über ihr Denken und Wesen erfahren, überzeugt in diesem Band vor allem die tiefe Empathie. Gedichte hatten ihr einst geholfen, das KZ zu überleben, Klüger zeigt uns, was Gedichte für sie sein können. Der Wahrnehmungsraum des Lesers öffnet sich und zeigt, wie Literatur, um es mit Hesse zu sagen, unser „Herz wieder liebesfähig“ werden lässt.

Info

Gegenwind Ruth Klüger Zsolnay 2018, 128 S., 18 €

06:00 14.04.2018

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