Unbedingt einmal Sieger sein

Mit der Waffe in die Schule Wenn Jugendliche an den Ort ihrer Niederlage zurückkehren

Jugendgewalt wird in der Öffentlichkeit immer dann Thema, wenn Schüler zur Waffe greifen und gegen Mitschüler oder Lehrer vorgehen wie beim Amoklauf in Erfurt 2002 und nun in Emsdetten. Medial wird dann Betroffenheit über die "unfassbare" Tat bekundet, "Killerspielen" die Verantwortung zugeschoben und die Schuldfrage gewälzt. Nur selten geht es dabei um die Frage nach den institutionellen und individuellen Ursachen.

Jugendstudien haben erkannt, dass Gewalt nicht sinnlos ist. Sie hat ein Motiv, das strukturell in unserer Gesellschaft angelegt ist. Gerade die Identifikation mit den Zielvorgaben und Werten der herrschenden Leistungs- und Erfolgskultur "kann abweichendes Verhalten in dem Maße erzeugen, in dem der wertgeschätzte Erfolg nicht auf konforme Weise, also mit legitimen, gesellschaftlich akzeptierten Mitteln, erreicht werden kann", so formulierte es der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Es geht nicht mehr um schulische Leistung, sondern darum, Erfolg auf andere Weise zu erreichen, sich persönlich durchzusetzen. Diese Schüler messen ihren Erfolg an der persönlichen Anerkennung. Damit begeben sie sich in den Widerspruch, die Leistungsniederlage zu "akzeptieren" und die Anerkennung nun auf dem Gebiet des persönlichen Selbstbildes zu sichern, womit diese zur Selbsteinbildung wird.

Lernen unter Leistungsdruck

Über die Härten des Konkurrenzdrucks ist sich die Öffentlichkeit leicht einig, doch Konsequenzen werden daraus meist nicht gezogen. Die Schul- oder Arbeitsmarktkonkurrenz unterwirft Kinder, Jugendliche und Erwachsene einem Ranking, das man möglichst siegreich bestehen muss, wenn man zu etwas kommen will. Jeder strengt sich also an, besser als der andere zu sein. Bewertungen aufgrund des Leistungsdrucks legitimieren sich allzu oft damit, sie würden dem Einzelnen entsprechen. Doch die Leistungsbedingungen geben andere vor. Die Schule setzt die Schüler unter einen künstlichen Zeitdruck, so dass unter ihnen notwendigerweise Leistungsunterschiede entstehen und sich verfestigen. Jeder Lehrer weiß, dass Noten keine qualitative Beurteilung sind, sondern lediglich einen Leistungsabstand messen, der die Schüler in eine Rangordnung verwaist. Dabei setzen Lernprozesse gar keinen Leistungsdruck voraus. Im Gegenteil: Lernen braucht Zeit. Wissen legt nicht fest, in welcher Zeit es verstanden werden will und muss. Lernen in einer vorher festgelegten Zeit hat daher nichts damit zu tun, dass jeder seine Fähigkeiten entwickelt. Wäre die individuelle Leistung das Maß des Lernens, dann wäre ein Leistungsprinzip nicht nötig, das einen äußeren Maßstab in Zeit und Noten vorgibt und eine Hierarchie zwischen guten und schlechten Schülern schafft. Über Schulformen und Notengebung wird der Marktwert des Nachwuchses für den späteren Arbeitsmarkt "vorsortiert".

Doch die Schüler sehen diese Zusammenhänge nicht und betrachten die Noten als persönliches Verdienst oder Versagen. Ihr Schulzeugnis erscheint als Ausdruck des Begabungsprofils, als "Wertigkeitszuschreibung". Die Schule eröffnet oder verweigert Bildungs- und Berufschancen - und der Grund dafür scheint allein in Anstrengung und Begabung des Einzelnen zu liegen. Der institutionelle Druck wird aus der Schülerperspektive eher individualisierend wahrgenommen, zum Beispiel als unfaires Verhalten einzelner Lehrer oder Mitschüler. Auch Lehrer stehen - aber anders als die Schüler - in den Zwängen der Konkurrenz und üben bestimmte Formen von "Gewalt" aus: Kränkungen, willkürliche Notengebung, soziale Etikettierung bis zur Stigmatisierung. Wenn einzelne Schüler frühzeitig als Störenfriede und Übeltäter gekennzeichnet werden, verstärkt dies ihren Drang zur Selbstbehauptung. Lehrer unterliegen im Alltag nicht selten der Gefahr, Schülern allein die Schuld an ihrem Misserfolg zu geben - dabei verkennen sie, dass die Logik dem Konkurrenzprinzip Verlierer unbedingt verlangt.

"Die alleinige Orientierung an Noten erzeugt bei den Schülern ein Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, aus dem manche nicht herauskommen", so die einstige GEW-Chefin Eva-Maria Stange. Und wenige Tage nach dem Erfurter Massaker stellte der damalige Bundespräsident Johannes Rau in einer Rede fest: "Unsere Kinder und Schüler müssen sich aneinander messen. Sie müssen lernen, Konkurrenz auszuhalten. Ohne Leistung, ohne Leistungsbereitschaft wäre jede Schule wirklichkeitsfremd. Immer muss aber klar sein, dass die Beurteilung einer Leistung kein Urteil über eine Person ist. Kein Schüler, kein Mensch ist ein hoffnungsloser Fall." Es ist also anerkannt, dass Schul-Verlierer produziert werden. Man will aber, dass sie es aushalten. Sie sollen sich nicht als Verlierer sehen, obwohl sie es nach ihrer schulischen und sozialen Stellung sind. Die Selbsteinbildung ist also als ideelle Kompensation von oben erwünscht. Dass sie ein Widerspruch ist, will niemand sagen. Aushalten sollen ihn die Schüler. Das ist nicht so einfach, denn die Anerkennung der Person braucht Belege.

Sich durchsetzen

Wie findet nun in der Schule der Übergang von der Anerkennung bis zur Gewalt statt? In Erfurt wie in Emsdetten sind ehemalige Schüler als Gewalttäter an diesen Ort zurückgekehrt. Der Psychiater Micha Hilgers sagt, dem Amoklauf gehe eine längere Phase des Gefühls voraus, massiver Ungerechtigkeit ausgesetzt zu sein. Bevor jemand zur Gewalt greift, hat er schon manche Anstrengungen unternommen, um Anerkennung durch andere zu erreichen - und ist meist daran gescheitert. Tagtäglich wenden Schüler verschiedene Strategien an, um unabhängig vom Leistungsstand Bestätigung zu erhalten, sei es als Klassenkasper, Wichtigtuer oder cooler Verweigerer, Fußballfan oder Sprayer. Andere Anerkennungsstrategien richten sich gegen die lieben Mitkonkurrenten: hänseln, beschimpfen, bedrohen... Damit schafft man neben der Notenhierarchie ein Ranking persönlicher Geltung bei den Mitschülern. Sich durchsetzen, diesen Zweck haben alle Schüler dem Konkurrenzprinzip abgeschaut.

Wann kommt es zur Gewalt? Wenn ein Jugendlicher es nicht aushält, von der Anerkennung der anderen abhängig zu sein, wenn das coole Gehabe nicht wirkt, dann steht er vor einer wichtigen Entscheidung: Soll er die fehlende Bestätigung mit Selbstverurteilung ergänzen oder seinerseits die anderen verurteilen? Der Gewalttäter wählt den zweiten Weg. Er gibt dann ganz willkürlich anderen die Verantwortung, da er ja nicht die Gründe für seine Lage sucht, sondern Schuldige. Mit Gewalt sorgt er dann dafür, dass der Unterlegene ihn bestätigt, indem er ihn zum geschlagenen Verlierer macht. Wer seinen schulischen Misserfolg als Frage der Ehre sieht, das heißt, als Beleidigung seiner Persönlichkeit und seines Selbstbildes, der will nichts über die wirklichen Ursachen seines Scheiterns wissen, sondern sein Selbstbild notfalls durch Gewalt anerkannt haben. Es geht ihm um die Glaubwürdigkeit vor sich selbst. Er muss sich wehren, sonst würde er der Beleidigung noch Recht geben. In Emsdetten fasste Bastian B. dies in einem Satz zusammen: "Ich werd mich rächen, werd euch töten, das war es dann mit meinen Nöten."

In einer besonders drastischen Form spricht ein jugendlicher Amokläufer dem Umfeld das Recht ab, über ihn zu urteilen. Also muss er die falschen Richter per Gewalt zum Gegenteil zwingen, sie notfalls umbringen und damit zeigen, dass sie nicht berechtigt waren, so über ihn zu urteilen. Für die "Reparatur" seines Selbstbildes ist er dann sogar bereit, selbst zu sterben.

Grenzen der Prävention

Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die schulische Praxis? Wenige fordern den Abbau von Leistungsdruck und die Abkehr vom Prinzip des Rankings. Die meisten Präventionsmaßnahmen dienen dem Lernen von Selbstkontrolle: Tobräume, Training der Sozialmoral, Streitschlichter, Strafraum, Sensibilisierung. Der Erziehungswissenschaftler Freerk Huisken hat die Grenzen solcher Kontrollversuche aufgezeigt. Wenn man die Gewalt als Versagen des Selbstwertgefühls ansieht, dann bestehen solche Hilfen gerade darin, dass man das Geltungsstreben ausnutzen will, das zugleich der Antrieb dafür sein kann, endlich einmal wirklicher Sieger zu sein.

Allein in der Schule wird man das nicht lösen können. Auch Erwachsene sollten einsehen, dass sie ihren Erfolg oder Misserfolg mit einem Geltungsbedürfnis beantworten oder wettmachen, das vom Selbstbild des Angebers über das des Realisten bis zum Versager reicht. Dabei müsste es darum gehen, ein Bewusstsein über eigene Interessen und die Bedingungen ihrer Verwirklichung zu erlangen.

Uwe Findeisen ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut und Dozent in der Erwachsenenbildung.

Zum Weiterlesen:

Freerk Huisken: Z. B. Erfurt - Was das bürgerliche Bildungs- und Einbildungswesen so alles anrichtet, Hamburg 2002

Gerda Nüberlin: Selbstkonzept Jugendlicher und schulische Notenkonkurrenz, Herbolzheim 2002

Uwe Findeisen: Jugendgewalt - eine kritische Auseinandersetzung mit Gründen, Motiven, Reaktionen, in: deutsche jugend 3/2003, 105-112


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00:00 01.12.2006

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