Unbekannt verzogen

Americana Trump umgarnt die „Vorstadthausfrau“. Ihre Realität sieht anders aus, als wir sie von „Mad Men“ oder David Lynch kennen
Unbekannt verzogen
Suburbia als hartnäckiges Postulat kultureller Hegemonie? Auf dem Foto vielleicht, ansonsten nicht so oft

Foto: Gabby Joney/Redux/laif

Als Donald Trump kürzlich auf Twitter schrieb, die „Hausfrau in der Vorstadt“ werde für ihn stimmen, denn „sie wollten Sicherheit“, da musste er nicht erklären, dass diese fiktive Amerikanerin weiß und Angehörige der (gehobenen) Mittelschicht ist. „Sozialer Wohnungsbau erobert ihre Viertel“, fuhr er fort – auch diese rassistische „dog-whistle“ bedurfte keiner weiteren Erklärung.

Die Figur der weißen, wohlhabenden Hausfrau als Stellvertreterin aller Vorstadtfrauen hat Trump wahrlich nicht erfunden. Sie ist so amerkanisch wie Apple Pie, Baseball, die Highways und die Vorstädte an sich – was heißt, dass ihr Bild getränkt ist in den Mythen und Fabrikationen des weißen Amerika, wie es sich im Boom der Nachkriegsjahre manifestierte. Im Kino und Fernsehen ist der glänzende Lack der 1950er von den Vorstädten seit Jahrzehnten ab, sie wurden stattdessen als Orte existenzieller Langeweile, häuslicher Gewalt und moralischer Verderbtheit gezeigt, wenn nicht gar des blanken Horrors. Angefangen bei David Lynchs schauriger Demontage des Americana, wurden die Vorstädte in der Popkultur umkodiert: Die Hausfrauen wurden „desperate“.

Die Realität der meisten Frauen in den ausgedehnten vorstädtischen Siedlungen hat mit Trumps Hausfrau so wenig zu tun wie mit den heimgesuchten Protagonistinnen des fiktiven Suburbia. Der Fokus auf die weiße Mutter aus der Mittelschicht – sowohl als begehrte Wählerin und kulturelle Trope – blendet die Erfahrung von Millionen nicht weißen, schlecht entlohnten Frauen in den Vorstädten aus, und damit die wirtschaftliche Realität des vorstädtischen Lebens. 52 Prozent aller US-Amerikaner:innen sagen von sich, dass sie in einem vorstädtischen Viertel leben; die blütenweiße Kernfamilie hinter dem Palisadenzaun hat nicht die Mehrheit in diesen Wohngebieten. Suburbia als hartnäckiges Postulat kultureller Hegemonie entspricht nicht dem, wie die meisten Vorstädte aussehen.

Post-rassistisch? Auch Fiktion

Die Vorstellung jedoch, wie Joe Biden sie jüngst propagierte, die Vorstädte seien inzwischen vollständig integrierte, fortschrittliche Allheilmittel, blendet aus, dass knallharte Segregation und wirtschaftliche Ungleichheit nach wie vor die Realität sind, hervorgebracht durch Jahrzehnte rassistischer Wohnungspolitik. Trumps Loblied auf die weiße Vorstadt kontert man nicht erfolgreich mit liberalen Fiktionen eines post-rassistischen Amerika. Ebenso gilt: Auch wenn Trumps konservative, paranoide Vorstadthausfrau eine überholte Archetype ist, so ist das tatsächliche politische Gewicht reaktionärer weißer Frauen keine Fiktion. Wir dürfen nicht vergessen: Den Umfragen am Wahltag zufolge stimmten 53 Prozent der weißen Frauen 2016 für Trump.

Eines aber steht fest, wenn wir uns die typische amerikanische Vorstadtfrau 2020 ansehen: Vollzeit-Hausfrau ist sie nicht. 2017 waren 69,9 Prozent der amerikanischen Frauen berufstätig. Jetzt, im Zuge von Corona und angesichts einer Arbeitsmarktkrise historischen Ausmaßes, machen Frauen, insbesondere of Color, die Mehrheit der Angestellten in einigen der am härtesten betroffenen Branchen wie Gastronomie und Bildung aus. Im August lag die Arbeitslosenrate unter Frauen bei 9,1 Prozent (unter Männer sind es 6,9). Die Wählerinnen in den Städten und Vorstädten sind berufstätig, geringfügig beschäftigt und zunehmend arbeitslos; die klassische Hausfrau fällt kaum ins Gewicht.

Was die reichen weißen Vorstadtfrauen betrifft, die nach wie vor überdurchschnittlich viel Raum im kulturellen Bilderreservoir einnehmen: Sie sind mehrheitlich Karrierefrauen. Man denke an Laura Dern als neurotische Tech-Magnatin in der Serie Big Little Lies, die wegen ihres törichten Ehemanns pleitegeht; oder zuvor Annette Bening als Maklerin in American Beauty. Selbst Betty Draper aus Mad Men, die Ur-Hausfrau trumpscher Nostalgie, versuchte als Model Geld zu verdienen. Die unanständig reichen, größtenteils weißen Stars der Reality-Serie The Real Housewives haben genau genommen alle einen Job. Im echten Leben hat die Tatsache, dass die fiktionalisierte reiche weiße Hausfrau der Arbeitnehmerschaft beigetreten ist, nichts daran geändert, dass die sozialen Verhältnisse und die Eigentumsverhältnisse in den Vororten nach den Regeln des Racial Capitalism organisiert sind. Ob traditionelle Hausfrau oder Lean-in-Großkapitalistinnen: An der Vorstellung der weißen, heterosexuellen, begüterten Frau als Pars pro Toto hat sich kaum etwas geändert.

Was nicht bedeutet, dass sich Trump zu Recht auf sie als Wählerin verlässt. In den Midterm-Wahlen 2018 verschafften die Wähler*innen in den Vorstädten den Demokraten die Mehrheit im House of Representatives. Und Umfragen in den weißen Mittelschichtsvororten der Swing States, auf die Trump mit seiner Angstmacherei zielte, ergaben, dass seine Botschaft hier nicht gut ankommt. Die Mehrheit der Befragten sagte, es besorge sie nicht, wenn Wohnungen für Geringverdiener in ihrem Viertel gebaut werden. Doch auch wenn diese Antwort eine schlechte Nachricht für Trump ist, heißt das nicht, dass diese Frauen mehr Vielfalt in ihrer Nachbarschaft aktiv unterstützen. Eine Stimme für Biden, der letztlich ein konservativer Liberaler ist, stellt das diskriminierende System nicht infrage, das die Verbindung von Weißsein, Besitz und Wohlstand hervorbringt und festigt.

Und dann wäre da noch der offene Rassismus weißer Frauen, den Trump adressiert. Man denke nur an „Karen“. „Karen“ ist zur Chiffre für weiße Frauen mittleren Alters geworden, die sich in der Öffentlichkeit rassistisch verhalten. Karen ruft die Polizei, wenn Schwarze Kinder in ihrer Straße spielen oder Schwarze Männer einfach nur ihrem Tagwerk nachgehen; angesichts des polizeilichen Vorgehens in den USA ist Karens rassistische Weltanschauung für Schwarze lebensgefährlich. Karen weigert sich, in Geschäften eine Maske zu tragen und beschimpft Angestellte, die einfach nur die Maskenpflicht durchsetzen und kein Opfer der Pandemie werden wollen. Karen verlangt den Geschäftsführer zu sprechen. Man könnte diese Spezies als Auswuchs der Vorstadt oder auch nur als republikanisches Phänomen abtun, doch das würde übersehen, wie allgegenwärtig sie ist. Eine der prominentesten „Karens“, Amy Cooper, rief die Polizei, als ein Schwarzer Mann sie im New Yorker Central Park höflich bat, ihren Hund anzuleinen.

Was Suburbia „sein darf“

Was Joe Bidens Behauptung betrifft, „die Vororte seien weitgehend integriert“: Sie ist schlicht falsch. Insgesamt sind die Vororte sicherlich diverser als in früheren Jahrzehnten. Aber die Trennung zwischen den unterschiedlichen Vororten entlang von „race“ und Klasse ist so extrem wie eh und je. (Bau-)politische Entscheidungen haben im vergangenen Jahrhundert dazu geführt, dass ausgedehnte vorstädtische Gebiete entstanden, die in sich sehr homogen sind, was Einkommen, Hautfarbe und Ethnie betrifft.

Der vorherrschende politische Diskurs zwischen Trumps unverhohlenen weißen Vorherrschaftsfantasien und Bidens irreführendem Bild von Gleichheit im Kapitalismus blendet die Realität in den armen Vorstädten of Color aus. Und ebenso blendet Hollywood nach wie vor die Erfahrungen nicht weißer Frauen aus der Arbeiterklasse aus, wenn es sich auf die Psychodramen reicher weißer Frauen konzentriert. Zwar gewinnen die Geschichten Schwarzer Frauen kulturell endlich mehr Einfluss, doch was Suburbia sein darf – politisch und kulturell –, wird weiterhin übermäßig von weißen Vorstellungen bestimmt.

In Ferguson, Missouri, wurde der unbewaffnete Schwarze Teenager Mike Brown 2014 von einem Polizisten hingerichtet – auch das ist die amerikanische Vorstadt. Fergusons Bevölkerung ist zu 67 Prozent Schwarz, die Wirtschaft liegt am Boden, es gibt dort zu viel Polizei und viel zu wenig Sozialeinrichtungen. Als Browns Mutter erfuhr, dass der Mörder ihres Sohnes strafrechtlich nicht verfolgt werden würde, hallte ihr Schrei im ganzen Land wider. Mike Browns Mutter, Lesley McSpadden, ist eine Vorstadtfrau. So hat Trumps Statement, die Frauen in den Vororten „wollten Sicherheit“, einen wahren Kern. Millionen von Schwarzen, indigenen und anderen Frauen of Color wollen und verdienen Sicherheit, die ihnen durch die Funktionsweisen des Racial Capitalism – die Logik des weißen Suburbia – verwehrt bleibt.

Natasha Lennard schreibt u.a. für die New York Times, Nation und The Intercept . Sie lehrt „Creative Publishing and Critical Journalism“ an der New School in New York. 2019 erschien von ihr Being Numerous. Essays on Non-Fascist Life (Verso)

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06:00 14.10.2020

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