Unbequem(r)

linksbündig Eine Verwechslung? Unvermittelt steht Castorf als der Rebell da, zu dem ihn die DDR gemacht hat

Die Frage, ob das Theater eine politische Anstalt sei, würde vermutlich nur das Theater mit ja beantworten. Das Ja ist die Voraussetzung für die Arbeit am Theater im Allgemeinen und für die Selbstbegründung der Tätigkeit des Dramaturgen im Besonderen. Im Bild, das die deutsche Bühne von sich selbst zeichnet, darf der Link zur politischen Relevanz nicht fehlen - ein Erbe Schillers, der das Theater als Instrument der Aufklärung begriff. Ästhetizismus musste deshalb ein Schimpfwort werden. So vergeht heute keine Shakespeare-Aufführung, die nicht vergisst, die politische Brisanz ihrer selbst zu betonen.

Aber politisch relevant in einem engeren Sinne ist das nicht: Zu groß ist der öffentliche Raum, in dem das Theater seine Stimme erhebt, als dass etwa das Bankenstück am Berliner Maxim-Gorki-Theater zu einem Politikum werden könnte. Als Gegenbeispiel hilft die DDR, wo der öffentliche Raum so knapp bemessen war, dass der Staat es mit der Angst zu tun bekam, wenn in Aufführungen gezeigt wurde, was nicht als opportun galt. Solche Bedeutsamkeit konnte dem Theater schmeicheln und war zugleich ein wenig überzogen. Auf derart unmittelbar gewichtige Reaktion kann die Bühne heute kaum mehr hoffen.

Wer im Frühling das Programm zu den ersten Ruhrfestspielen unter dem Volksbühnenintendanten Frank Castorf aufschlug, konnte von anfänglichen Standortbestimmungen lesen, "in denen alle Beteiligten zunächst mehr voneinander erfahren, sich kennen lernen und erkennen wollen; schlicht wissen wollen, wohin die Reise geht. Doch so plausibel diese Fragen klingen mögen, so schwer sind sie mittlerweile zu beantworten. Was wird schon noch gewollt?" Theater-Rhetorik, mochte man meinen. Relevant sind die Zeilen erst in der letzten Woche geworden, da Frank Castorf in Recklingshausen nicht mehr gewollt wird. Aus politischen Gründen, wie Castorf nahelegte, der im Zusammenhang mit seiner würdelosen Entlassung "stalinistisch" sagte und an die arbeitsrechtlichen Prozesse erinnert, die er in der DDR geführt hatte?

Unvermittelt steht Castorf als der Rebell da, zu dem ihm die DDR gemacht hat, und fast scheint es, als sei er selbst ein wenig überrascht, dass er 20 Jahre nach Anklam noch einmal so viel Feind und Ehr´ erleben darf. Der DGB, als Gesellschafter der Ruhrfestspiele, entblödet sich derweil nicht, genau jenes Argument für seine Kündigung vorzuschieben, gegen das die Gewerkschaften im normalen Leben Sturm laufen: die Ökonomie. Eine Auslastung von 35 Prozent (vorher: 75 Prozent) soll den Ausschlag gegeben haben, das "Experiment", das mit einer Laufzeit von drei Monaten diesen Namen nicht verdient, zu beenden. War Castorfs Theater zu unbequem? Oder doch nur die Plastikstühle, die am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz geschmacklich favorisiert werden?

Vieles spricht für letzteres, aber das ist nicht ohne gesellschaftliche Relevanz, die man mit einem weiten Verständnis des Begriffs auch politisch nennen könnte. Wenn der Rausschmiss von Recklinghausen etwas vor Augen führt, dann ein Missverständnis unserer Medienwelt, von dem wir mitunter vergessen, dass es existiert, weil wir ununterbrochen davon umgeben sind. So wie die ARD Sandra Maischberger engagiert, weil sie sich mit Politikerinterviews auf einem Spartensender Beachtung und Anerkennung verdient hat, um sich anschließend zu wundern, dass ihre Gespräche nicht interessant genug für den Boulevard sind, so haben sich die Ruhrfestspiele in Frank Castorf getäuscht. Man wollte Beachtung und Erfolg und hat dabei übersehen, dass man die Volksbühne nicht will, die Beachtung und Erfolg des großen Namens Castorf auf ein Label bringt.

Hinter dem Label Volksbühne verbirgt sich Ausfransung bis zur Selbsterschöpfung, Verzettelung aus Prinzip, eine Inflation des Billigen und Unfertigen: Castorfs Inszenierungsungetüme, Polleschs Serienarbeiten und des Bühnenbildners Neumann Heimwerkerwelten. In den Zeiten von McKinsey ist ein Alleinstellungsmerkmal, das die Volksbühne unter Deutschlands Theatern solcherart erwirkt hat, alles. Mitunter folgt daraus, dass die Schärfe des Profils mehr zählt als die Beschaffenheit desselben. Das ist wohl der Irrtum, dem die Verantwortlichen der Ruhrfestspiele erlegen sind.


00:00 09.07.2004

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