Und alle liken Maja!

Modernisierung Vor 100 Jahren erblickte Biene Maja in zwei Romanen von Waldemar Bonsels das Licht der Welt. Wie sähe eigentlich die Welt der Biene Maja heute aus?
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Illustrationen: Jeong Hwa Min für den Freitag

Biene Maja

1912
Die ursprüngliche Maja aus Waldemar Bonsels Kinderbuch Die Biene Maja und ihre Abenteuer, das im Spätsommer 1912, also zu Kaisers Zeiten, erschien, ist ein neugieriges und ungeduldiges Bienchen, das in einer stürmischen Zeit lebt. Maja verlässt ihr Volk, das „Volk der Bienen im Schloßpark“, zunächst, weil es ihr dort „nicht gefällt“; sie ist aber keine Rebellin. Sie achtet die Autorität und verlässt ihren Stock mit dem Segen ihrer Lehrerin Kassandra. Und sie beschützt ihr Volk vor den bösen Hornissen und verwahrt sich gegen eine Vermischung seiner Identität mit den räuberischen Wespen. Bonsels arbeitet hier mit rassischen Kategorien, und auch Maja ist 1912 ein Kind ihrer Zeit. Am Ende wird sie Staatssekretärin, als Dank für ihre Hilfe im Kampf gegen die Hornissen.

1970er
Das Setting des monarchischen Systems, in dem die Bienen leben, ist überholt, anders als 1912. In der Fernsehserie steht daher der Aspekt des antiautoritären Verhaltens im Vordergrund – Maja ist hier also ebenfalls ganz ein Kind ihrer Zeit. Sie, eine „kleine, neugierige, unternehmungslustige Biene“, büchst hier gegen den Willen Kassandras aus. Am Ende ist sie aber auch hier ein affirmatives Bienchen, das den Stock beschützt. Als sie die Leitung des Schulamts übernehmen soll, lehnt sie ab, sie bleibt lieber auf der Wiese. Kurz, sie ist naturverbunden, liebt ihre Freiheit und gibt ihre Ideale nicht für Macht auf. Eine Gründungs-Grüne?

2012
Maja kommt aus dem Schlosspark, lebt aber nun als Großstadt-Single vorübergehend in einem Bienenstock eines der zahlreichen urbanen Hobby-Imker in einem Gentri-Kiez. Sie macht sich auf, um nicht nur die analoge Welt da draußen zu erkunden, sondern auch die virtuellen Umwelten in der digitalen Welt. So machen es freilich alle, Maja hat hier daher keine Sonderstellung mehr: Sie ist ein individuelles Bienchen unter vielen individuellen Bienchen. Nicht die Hornissen, die eigentlich, wie man mittlerweile weiß, total okay sind, bedeuten heute Gefahr für den Schlossparkstock, sondern Mobilität: Die Jugend zieht weg. Maja wird am Ende, weil ihr nichts Besseres einfällt, Lehrerin.

Bienenkönigin

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1912
Helene die Achte regiert in stürmischen Zeiten. Revolutionäre wollen eine neue Königin ausrufen; später droht der Angriff der Todfeinde, der Hornissen. Helene hat aber eine treue Anhängerschaft, weil sie „mit Ruhe und Geisteskraft“ regiert, wie es in Bonsels Buch heißt.

1970er
Die Königin spielt für Majas Leben keine große Rolle. Die Autorität, von der Maja sich emanzipiert, heißt Kassandra und ist Lehrerin. Als die Bienenkönigin, die hier Liebetraut II. heißt, die Klatschmohnwiese besucht, auf der Maja und ihre Freunde leben, erweist sich Maja allerdings als ehrfürchtige Gastgeberin; die APO ist Maja demnach nicht, sie hat vielmehr auch Züge eines unpolitischen Hippies. Und die Königin? Hat einen eher faden Bürojob, wie Bienenprinzessin Beatrice einmal feststellt, die Majas Leben viel aufregender findet.

2012
Königin? Ach, bitte. Liquid Honeycracy! Außerdem gibt es doch den Bundesdrohnidenten, der kriegt schon genug Ährensold (Währung: Klatschmohney).

Fräulein Kassandra

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1912
Lehrerin, politisch auf der Seite des vorgegebenen Lehrplans: „Die Hornissen“, lehrt sie, „sind unsere mächtigsten und bösesten Feinde, und die Wespen sind ein unnützes Räubergeschlecht ohne Heimat und Glauben.“ Auf der Seite des Lehr-plans zu sein, das heißt 1912 aber auch, dass sie nicht den Gehorsam über alles stellt, sondern den Mut: Wenn sie ihren Stachel einsetzen müsse, sagt sie zu Maja, „dann tu’ es mutig und fürchte den Tod nicht, denn wir Bienen verdanken unser großes Ansehen und die Achtung, die wir überall genießen, unserem Mut und unserer Klugheit“.

1970er
Kassandra ist die zentrale Autorität für Maja, aber nicht im Sinn von Adenauer. Sie ist vielmehr eine durchaus moderne Lehrerin. Sie verbietet nicht nur, sie erklärt auch, warum sie verbietet. Und sie respektiert letztlich Majas Entscheidung, nicht im Stock zu leben. Letztlich will sie dem Nachwuchs beibringen, in Freiheit zu leben, Anarchie hält sie aber für keine Lösung.

2012
Kassandra ist Teil eines ganzheitlichen Bildungsprogrammes und organisiert vor allem Projekte mit den Kleinbienen. Als Schulamtsleiterin stößt sie im Hintergrund progressive Reformprojekte an, etwa die Abschaffung der sechsstreifigen Schul-uniform, was aber auf Widerspruch stößt: Uniform sei Bienenleitkultur, und wo kämen wir denn dahin!

Willi

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1912
Es gibt keinen Willi.

1970er
Willi ist Majas Freund. Eine schläfrige, ängstliche Drohne, von Maja ins Leben hinausgetrieben. Ein treuer Freund, vermutlich schwul, da Maja mit ihm sogar in den Urlaub fährt – aber nie etwas mit ihm hat.

2012
Willi hat eine Polyamorie-Gruppe auf Facebook gegründet. Er ist Majas Premiumbezugsperson, hat sich von ihr aber so weit emanzipiert, als er nicht mehr ihre Liebeskummergeschichten aufgrund der schlimmen Hetero-Männer anhören will. Beruflicher Status: Prokrastinierer.

Kurt

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1912 und 1970er
Mistkäfer, der Maja rettet, als sie im Spinnennetz festhängt. Kurt bemüht sich um Gleichgültigkeit, hat keine politische Haltung, aber Zivilcourage. Im Buch von 1912 sagt er, er stehe auf „Charakter und gediegene Lebens-führung“, wofür aber „heute niemand mehr Sinn“ habe.

2012
Kurt ist Kulturpessimist und Nichtwähler (Politiker sind ja eh alle gleich), der aber jederzeit bei einer U-Bahn-Schlägerei eingreifen würde. Er ist ein Spießer, aber auch ein Vorbild. Und damit der Beweis: Die alten Rollenbilder stimmen so nicht mehr. Die Welt ist komplexer geworden!

Die Libelle

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1912
Sie symbolisiert die raue Natur und hat einen anderen kulturellen Background als Maja: Als die Libelle einen Brummer fängt, hat sie ein Gespräch mit Maja, das letzterer die Augen öffnet: Die Welt ist nicht romantisch! Maja bittet hier die Libelle, den Brummer loszulassen, „er ist doch ein so netter, sauberer Herr und hat Ihnen, soviel ich weiß, nichts zuleide getan.“ Die Libelle erwidert: „Ja, er ist ein lieber, kleiner Kerl“ – und, so schreibt Bonsels, beißt „ihm den Kopf ab“.

1970er
Die Libelle verführt die Bienchen mit glitzernden Flügeln dazu, die Welt des Bienenstocks zu verlassen, was ihr am Ende auch gelingt. Frisst jedoch keine Köpfe ab.

2012
Eine Art Heidi Klum. Verführt in eine Glitzerwelt und beißt den kleinen Bienen schon mal den Kopf ab, wenn sie nicht richtig über den Laufsteg rennen können.

Ameisensoldaten

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1912 / 1970er
Soldaten, Fußvolk, nicht wirklich gefährlich, aber ungewöhnliche Kerle aus Majas Sicht, wie sie so im Marschtakt vorüberziehen und Soldatenlieder singen. 1912: wertfreie Betrachtung. 1970: ziemlich seltsame Typen.

2012
Sie arbeiten heute als Security-Mitarbeiter in U-Bahnen und an den Eingangstüren von Shopping-Malls.

Thekla, die Spinne

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1912
Die Spinne ist ein trickreiches, verlogenes Biest, mit Waffen ausgerüstet, die nicht sofort töten, sondern die einem die Energie aussaugen. Sie fängt Maja, die aber wehrt sich und zerstört Teile ihres Netzes. Dann entpuppt sich die Spinne, die Majas Stachel fürchtet, zunächst als eine Einsiedlerin, die in Ruhe gelassen werden möchte. Und fragt Maja: „Was wollen Sie hier? Ist die Welt nicht groß genug? Was stören Sie eine friedliche Einsiedlerin?“ Was letztlich aber nur ein Trick ist: Sie lullt Maja so nur ein – und wickelt sie schließlich in ihren Faden ein. Kurt hilft.

1970er
Immer noch ein verlogenes Biest, das nach musikpädagogischem Ansatz fortan auch eine Geige benutzt für ihre Verführungszwecke. Eine Einwicklerin mit schlechten Absichten.

2012
Die Spinne tritt heute auf in der Gestalt eines Versicherungsmaklers oder Private-Equity-Investors und hätte also eher die Gestalt einer Heuschrecke.

Flip, der Grashüpfer

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1912 und 1970er
Im Original wie in der Fernsehserie ist der Grashüpfer ein unsteter Kerl, der nie still sitzen kann. Er redet ununterbrochen und weiß alles. Der Name Flip ist eine Kreation der 1970er. 1912 heißt er auch: „der Grüne“. Maja wird hier „ganz nervös über so einer Person“, zumal er die kleine Biene mit einer Wespe verwechselt, was sie aus politischen Gründen sehr erzürnt. 1970 ist Flip ein konstanter Begleiter, 1912 eine kurze Begegnung.

2012
Heute würde man sagen: ein ADHS-ling. Ein allzeitvernetzter Vertreter aller Netzaffinen. Quasi ein freundlicher Netzwerker. Weil das Heuschreckenbild heute negativ besetzt ist, tritt er aber als Spinne auf.

Puck

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Seit 1912 hat sich an seinem Charakter wenig verändert: Er ist eine Stubenfliege, die nur Schlechtes über den Menschen zu berichten weiß. Er ist ein Warner! Ein Misanthrop! Der Prototyp des alten Zausels – der allerdings nicht mit allem Unrecht hat. Heute nutzt er auch die Kommentarfunktion im Netz.

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13:25 17.09.2012

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