Und das Telefon sagt Du

PSYCHOGEOGRAPHIE UND AFFENTHEATER Neue Arbeiten der freien Gruppen Rimini-Protokoll ("Call Cutta") und Gob Squad ("King Kong Club") im Berliner HAU

"So, und jetzt kommen alle Kinder auf die Bühne und machen die Tiere!" Wer sich beim Märchenspiel mit dieser Aufforderung eines Schauspielers schon im frühen Alter um sein Theatererlebnis gebracht sah, wird einige Überwindung aufbringen müssen, sich auf die Rezeptionsbedingungen der jetzt im Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) vorgestellten Produktionen von Rimini Protokoll und Gob Squad einzulassen.

Beiden Theatergruppen ist daran gelegen, die Grenzen zwischen Bühne und Parkett, Akteur und Konsument - sprich, Rezeption und Produktion - weitgehend aufzuheben. Während die deutsch-englische Truppe Gob Squad seit nunmehr zehn Jahren die Gattungsgrenzen des Theaters auslotet, hat sich die deutsch-schweizerische Gruppe Rimini Protokoll der Spurensuche nach performativer Praxis im Alltag verschrieben. Die Macher stammen ebenso wie der deutsche Teil von Gob Squad aus dem von Andrej Wirth gegründeten Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft. Nun lenken Gob Squad die Aufmerksamkeit mit King Kong Club auf Casting-Party und das große Kino, Rimini-Protokoll mit Call Cutta auf urbane Psychogeographie und global vernetzte Telefonie.

"Hast du dich am Telefon schon einmal verliebt?", fragt die Stimme am anderen Ende der Leitung, als man gerade in einem verwilderten Kreuzberger Trümmergelände angekommen ist, in der Nähe der Kulturruine Tempodrom, der Weltkriegsruine Anhalterbahnhof und nur einen Steinwurf vom Potsdamer Platz entfernt. Da lag der zweite Akt der gut einstündigen Stadterkundung Call Cutta bereits hinter einem. Im Haus des Theaterkombinats HAU2 war man zunächst mit einem schicken PDA-Handy ausgerüstet worden. Es klingelte zur vereinbarten Zeit und ein freundlicher junger Mann hatte sich gemeldet, um einen fortan telefonisch durch die Stadt zu leiten. Er saß 15.000 km entfernt und zeitlich viereinhalb Stunden verschoben im Infinity Tower eines Hightech-Entwicklungsgebiets des ostindischen Kalkutta. Er sprach akzentfrei und fließend deutsch und hatte sich zu Beginn der Performance zunächst als Mansek vorgestellt. Berlin kennt er nur vom PowerPoint-Programm auf seinem Monitor.

Was aber sollte man nun auf seine indiskrete Frage antworten? - Ja, erst gestern, als Joséphine wieder mal anrief. Oder sollte man einfach lügen? Ja, lügen müsse er schon mal beim Telefonieren, das sei sein Geschäft. Mansek ist einer von Tausenden indischen Callcenter-Angestellten, die in klimatisierten, hochglanzpolierten Großraumbüros der bengalischen Metropole für 1,50 Euro die Stunde Kunden internationaler Konzerne bedienen oder Kreditkarten, Beauty-Sets und Urlaubsreisen verkaufen. Dazu werden sie für den internationalen Markt getrimmt, trainieren amerikanische oder englische Akzente, wechseln den Namen und werden während sie vorbereitete Dialoglisten vom Bildschirm ablesen, angehalten, nicht zu verraten, dass sie in einer Armutsregion ihren Dienst verrichten, um dadurch keine geschäftshinderliche Distanz aufzubauen. Für die Beteiligten bedeutet dies eine quasi theatrale Situation, mit Rolle, Text und Publikum: die Telefonie, eine Bühne.

Dies haben die Feldforscher von Rimini Protokoll - Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel - rasch erkannt, als sie vom Goethe-Institut zu einem Projekt nach Kalkutta eingeladen worden waren. Im Rahmen von Call Cutta führen auch dort geübt schmeichelnde Stimmen telefonisch durch die indische Psychogeographie der Altstadtgassen des Theaterviertels. Noch bis Ende April, dann beginnt in Ostbengalen der Monsun.

Der Berliner Rundgang leitet den Besucher bis in den Juni hinein durch Kreuzbergs südliche Friedrichstadt über versteckte 1980er-Jahre-Sozialbauidyllen zu den real gewordenen Renditephantasien des Potsdamer Platzes. "Achte auf den Verkehr, und sage das Passwort, wenn Du auf der anderen Straßenseite bist!", bedeutet Mansek, der in Wirklichkeit Islam heißen will, und nach drei Minuten bereits das "Du" angeboten hatte.

Er wird einem den Weg weisen, die Augen öffnen für "traurige Augen an den Bäumen", wird auf die überwucherten Gleise des Anhalterbahnhofs deuten, wird von "Netaji", dem Führer, Subhas Chandra Bose erzählen, der in den vierziger Jahren wenig erfolgreich bei den NS-Größen und Hitler antichambrierte, um sie für den indischen Befreiungskampf zu gewinnen. Er wird erzählen, dass das Foto, das hinter einem Pfeiler in der Schellingstraße versteckt wurde, seinen Großvater in Berlin mit Netaji Bose persönlich zeigt, er wird Geräusche machen und bengalische Lieder singen.

Dabei konnte man sich sehr nahe kommen, zumal es kaum etwas Intimeres gibt als eine angenehme Stimme dicht am Ohr. Oder war die gesuchte Nähe nur ein Fake? War das wirklich Manseks, respektive Islams Großvater auf dem Foto? Und warum sollte man irgendwann seine Telefonnummer und Mailadresse nennen? Mansek verkauft sonst vielleicht Kühlschränke, warum soll er hier nicht Kunst verkaufen? Sein Aus-der-Rolle-Fallen ist ein Teil der Rolle selbst, die gesuchte Nähe nur Teil des Spiels.

Ähnliche Fragen hatten sich bereits bei Janet Cardiffs Videorundgang Ghost Machine durch das HAU 1 im Februar gestellt (Freitag 7 vom 18.02.05). Dabei wurde zwar eine Geschichte erzählt, die sich am Ende jedoch als reizloses Vehikel entpuppte, den durchs Haus geführten Zuschauer Interferenzen zwischen dem Bild auf dem mitgetragenen Kameradisplay, dem Auditiven und umgebender Realität auszusetzen. Bei Cardiff fungierte das Medium als audio-visuelle Prothese, die zwischen Außenwelt und Rezipienten eine dritte, eine Geisterwelt mogelte.

Call Cutta bezieht seine Stärke dagegen aus der Einsicht in die Konstruktion von Wirklichkeit. Außer dem Hören schien jeder weitere Wirklichkeitsbezug von sekundärer Bedeutung. Mit der Stimme im Ohr wurde die eigene Realität wie die des Gesprächspartners verhandelbar. Diese Verunsicherung, dieses Trudeln - dieses dérive im wörtlichen Sinn - übertrug sich automatisch auf die eigene Umgebung, den erfahrenen Stadtraum, der sich zunächst entfremdete, aber gleichzeitig neu erfahrbar wurde.

Zwar geht es bei Gob Squad nun auch um Überschneidung von Erfahrungsebenen und deren mediale Konstruktion, aber in King Kong Club setzt man - wie der Name schon prophezeit - lieber aufs Grobe als aufs Subtile. Aufs Spektakel. Vor dem Betreten der auf der Hauptbühne aufgeschlagenen Party-Location, die als Drehort für einen improvisierten 15-Minüter dienen sollte, hatte das Publikum in lustige Affenkostüme zu schlüpfen. Im Club angekommen, wurde einem von den Gob-Squad-Animateuren nahegelegt, in diversen Sets und Kostümen vor Videokameras affig-geile Szenen zu mimen. Wenn man dazu keine Lust hatte, war das zwar auch in Ordnung, aber nicht ganz so lustig, da man sich doch wieder an den letzten Polterabend oder besagtes Märchenspiel erinnert fühlte. Zwanzig Minuten nach dem Spektakel konnte man sich beim Vorführen des gemeinsam hergestellten, schnell zusammengeschnittenen Filmchens noch wundern, was die Technik heute alles so bietet, und vermuten, dass bei der rasanten technischen Entwicklung von Film-Equipment das King-Kong-Konzept in fünf Jahren massentauglich und zum Knaller auf jeder Betriebsfeier werden könnte.

Dass Gob Squad eigentlich vorhatten, etwas über Wunschmaschinen, Identität und das Andere zu erzählen, war da schon längst vergessen. Zwar schmeckte die angekündigte Party manchem schon wie kalter Kaffee, als klar war, dass man auf dem Set ohne Alkohol und Zigaretten auskommen müsste. Aber es gab schließlich erstaunlich viele, die das "Interaktive" am "Film-Event" im Sinne der Veranstalter verstanden hatten und gerne deren Anweisungen befolgten, wenn es hieß: "So, jetzt kommen alle in die Mitte und machen mal den Affen!"

Gob Squads King Kong Club ist vom 28. 4. - 1. 5. 05 auf dem Donaufestival in Krems (Österreich) und im November auf Kampnagel in Hamburg zu sehen. Call Cutta von Rimini-Protokoll noch bis 26. Juni im Berliner HAU 2.

00:00 15.04.2005

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