Und der Aufstand gegen Hitler?

Kommentar Nachfragen zum 17. Juni 1953

Die verblüffend einheitliche Rhetorik der Medien zum neu erwachten Bewusstsein über den 17. Juni gibt Anlass zu einigen Fragen, die in der Euphorie des neuen Konsens offenbar niemand stellen mag. Warum hat es in Deutschland in den Jahren von 1933 bis 1945 keinen Aufstand gegen die nationalsozialistische Diktatur gegeben, der vergleichbar wäre jenem, der nur acht Jahre nach deren Ende und vier Jahre nach Gründung der DDR gegen die kommunistische Diktatur möglich war? War den Deutschen der Nationalsozialismus - anders als der Kommunismus - kein Regime, das es zu bekämpfen galt? Oder wäre ein Aufstand (wie der vom 17. Juni 1953) gegen Hitler so viel gefährlicher gewesen, als er es gegen die DDR-Regierenden und deren Moskauer Beschützer war? Müsste dann ein Nationalfeiertag nicht des ausgebliebenen Aufstands gegen diese schrecklichere Diktatur gedenken? In den vergangenen 14 Jahren haben wir am Beispiel Ost- und Südosteuropas erfahren, dass sich Diktaturen beseitigen lassen, wenn das Volk es nur wirklich will. Der Nationalsozialismus in Deutschland wurde von außen beendet. Was bedeutet dieser Unterschied?

Version eins - der immer wieder bemühte Vergleich von kommunistischer und nationalsozialistischer Diktatur ist Nonsens. Jene Diktaturen, die sich - übrigens zu Unrecht - kommunistisch nannten, waren im Vergleich zum Nationalsozialismus so "liberal", dass sie, im Gegensatz zu diesem, ihre Selbstvernichtung durch das Volk ermöglichten.

Version zwei - die Beseitigung einer Diktatur durch das Volk lässt sich verhindern, indem man einen Krieg beginnt, der das Volk so sehr zusammenschweißt, dass es die Diktatur unterstützt. Das würde erklären, warum Slobodan Milosevic so viel länger an der Macht bleiben konnte als die Diktatoren Osteuropas.

Version drei - die Deutschen haben in ihrer Mehrheit den Nationalsozialismus bis zum Ende gewollt. Sie waren eher bereit, Krieg und Elend, das Fehlen jeglicher Demokratie und die Vernichtung von Regimegegnern, Zigeunern und Juden sowieso, zumindest zu akzeptieren, als auf die Straße zu gehen, um vorwegzunehmen, was am 17. Juni 1953 in der DDR geschah.

Welche Version auch zutreffen mag: Es stellt den Deutschen, jedenfalls jenen, die an der demokratischen Wende von 1989 in der DDR keinen aktiven Anteil hatten, kein gutes Zeugnis aus. Warum kommt das nicht zur Sprache, wenn vom 17. Juni die Rede ist? Der Versuch, den Aufstand zu einem faschistischen Putsch umzustilisieren, war zweifellos eine Propagandalüge der DDR-Führung. Aber dass der Nationalsozialismus damals in vielen Köpfen weiterlebte, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Dass man davon heute nicht reden müsse, wird nur glaubhaft machen können, wer die hier gestellten Fragen - vor allem die nach dem ausgebliebenen Aufstand gegen die NS-Diktatur - triftig beantwortet.

00:00 27.06.2003

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