Und die Broker können nur noch Pizza essen

Das eine Prozent Am 8. Juli geschah an der New Yorker Börse etwas, was in ihren 223 Jahren Geschichte noch nie vorgekommen war: Der Totalausfall des Handels aus technischen Gründen
Jens Korte | Ausgabe 30/2015 1
Und die Broker können nur noch Pizza essen
Der Mensch ist an den Finanzmärkten eine verzichtbare Größe

Foto: Spencer Platt/Getty Images

Der Tag, an dem die Wall Street starb, war ein guter Tag für Grotto. Mit einem großzügigen Peperoni-Pizza-Viertel für 3,50 Dollar ist Grotto einer der beliebtesten Pizzabäcker im Financial District. Am 8. Juli 2015 liefen die Telefone des Familienbetriebs heiß. Die Händler der New Yorker Börse orderten Dutzende Pizzen, auf dem Parkett türmten sich die Schachteln. Der Grund: Außer zu essen hatten die Händler nichts zu tun.

Am 8. Juli 2015, um 11:32 Uhr Ortszeit hatte die Börse ohne Vorwarnung die Handelssysteme abgeschaltet. Die Kurse auf den Bildschirmen froren ein, es wurde still in den Handelssälen. Ein „interner Systemfehler“, ließ die Börsenleitung wissen. Per Twitter. Etwas war geschehen, das es in 223 Jahren Wall-Street-Geschichte nie gegeben hatte: Der Komplettausfall des Handels aus technischen Gründen.

Und der totale Stillstand hielt nicht nur ein paar Minuten an, erst nach drei Stunden und 40 Minuten waren die Techniker in der Lage, das System wieder zum Laufen zu bringen. Fast einen ganzen Handelstag lang hatte das Herz der US-Wirtschaft aufgehört zu schlagen. Wie reagierten die globalen Finanzmärkte? London, Frankfurt, Tokio? Gar nicht. Es war schlicht kein Ereignis. Der Handel wich auf alternative elektronische Systeme aus. Aktien, Bonds, Devisen, Schweinebäuche, Ölkontrakte – alles lief weiter. Nur eben nicht der traditionelle Handel auf dem Parkett. Der Dow-Jones-Index bekam noch nicht mal eine Delle. Vor einigen Jahren wäre es zu tumultartigen Szenen gekommen. Doch heute steht die New Yorker Börse nur noch für etwa ein Fünftel des Aktienhandels in den USA. Die Händler auf dem Parkett kauten ihre Pizzen und fühlten sich bestätigt: Wir funktionieren besser als Algorithmen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Der 8. Juli führte vor, dass der Mensch auf den Finanzmärkten verzichtbar ist. Es war ein Sieg der Computer. Zwei Tage vor dem New Yorker Ausfall waren die pits an der Chicagoer Warenterminbörse geräumt worden. Fast 150 Jahre hatten die Händler dort um die Wette gebrüllt. Sie waren es, die Preise setzten für Farmer, Rancher und deren Abnehmer. Jetzt herrscht dort dauerhaft die Stille, die New York am 8. Juli heimsuchte.

Man könnte fragen: Was schert uns das Schicksal von ein paar übergewichtigen Brokern? Doch nicht nur die Börse stand am 8. Juli still: Am Morgen hatten IT-Probleme der Fluggesellschaft United Continental dafür gesorgt, dass hunderte Flugzeuge am Boden bleiben mussten. Fast gleichzeitig fiel die Webseite des Wall Street Journal aus, ebenso der Finanzinsider-Blog Zero Hedge. Nicht Cyberkriminalität, nur unsere neue Wirklichkeit im Maschinenzeitalter war dafür verantwortlich. Mit solchen Ausfällen müssten wir künftig eben leben, sagte achselzuckend ein Vertreter der elektronischen Handelssysteme.

Bald werden Algos und Computer ganz unter sich sein. Kein Broker mit Menschenverstand wird mehr eingreifen können. Ist das gut oder schlecht? Es ist zu spät für die Frage. Grotto immerhin scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Der Laden wirbt mit einer „Cyber Salad Bar“. Kabelsalat für die Algos?

Jens Korte lebt in New York und berichtet vor allem aus dem Epizentrum der Finanzwelt

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