... und Erwachsene ebenso

Medientagebuch Kommt "eigenbrötlerisch" von Brot? Über die herrlich depressive Kinder-TV-Figur "Bernd das Brot"

Bernd ist kein Name für ein Kind, nicht in unserer heutigen Zeit, sondern ein Ausrutscher. Ein Versehen. Ein Missgeschick, eindeutig. Nichts zum Knuddeln, obwohl es mit seinem Konterfei schon Kuscheltiere, T-Shirts und seit neuestem eine Hymne auf ihn gibt. Eher etwas zum Reinbeißen, denn Bernd ist ein Kastenbrot, ein altbackenes Durchschnitts-Graubrot, mit Stummelarmen und viel zu kurzen Beinen, mit Falten(!) im Gesicht, Augenringen und einer schmallippigen Resignation. Frei von praller Sinnlichkeit. Dafür unerschütterlich, ja, stoisch, ein richtiges Stehaufmännchen. Was auch gar nicht anders geht, wenn man als der dauermissbrauchte, unfreiwillige "Testkandidat" für die Tollen Sachen herhalten muss, wie die Werbe-Verkaufsshow heißt, in der ständig Briegels supertolle Erfindungen von Assistentin Chili angepriesen werden, aber garantiert nichts verkauft wird.

Das klingt paradox, was es ja auch sein soll, weil Bernds Sendung immer eine Parodie auf bekannte Personen und Programme im richtigen Fernsehen zu sein scheint. Und das Tollste: Es ist richtiges Fernsehen! Bernd ist berühmt und, sagen wir´s gleich, ein Superstar. Aber ein echter! Also, Bernd ist ein Künstlername und nicht so was Gecastetes und Künstliches wie "Daniel" oder "Vanessa", die die Kommerzkanäle füllen. Bernd ist ein Original (und ausnahmsweise kein Abklatsch einer amerikanischen Serie), und zwar eine mit allen 3D-Animationen und 3D-Compositing-Schikanen aufgepeppte digitalisierte Pappkarton-Brotform im Augsburger-Puppenkisten-Format.

Wie gesagt, Bernd ist einer, den man ständig drücken möchte, aber - erstens geht das bekanntermaßen nicht, weil man vor dem Kasten nicht in den Kasten reinlangen kann. Und zweitens ist Bernd lieber für sich. Das Gegenteil von fröhlich. Völlig pessimistisch, was sein Dasein betrifft, manchmal zutiefst depressiv, hat er zwei - na ja - Puppen-Freunde, besagter Briegel und besagte Chili, und macht alles mit, was die mit ihm machen. Klamauk in der Puppenkiste, oder zeitgemäß: Comedy, macht Kinder froh und Erwachsene ebenso.

Tatsächlich ist Bernds umwerfende Wirkung nicht nur durch den Chatclub und die Zuschauerpost, sondern inzwischen auch wissenschaftlich erwiesen. Das Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen hat Kinder zwischen sieben und vierzehn Jahren befragt, und siehe da, was immer bestritten wurde, stimmt doch: Kindern verstehen und mögen Ironie! Lieben den "Antihelden" Bernd. Amüsieren sich über den Sprachwitz und die Absurdität in Gestalt des Kastenbrots. Finden "die beiden Bekloppten" und den tragischen "Mist-Kerl" saukomisch. Grummelig, brummelig, eigenbrötlerisch (kommt das nicht etymologisch von Brot?!), wie er in seinen täglichen Auftritten ist, und absolut unmusikalisch, weshalb sein Hitparaden-verdächtiges Tanz das Brot schon zu einem Choreographie-Wettbewerb geführt und Ende August der Marktplatz in Erfurt vor lauter Bernd-Fans beim KI.KA-Festival gebebt hat.

"Bringen wir´s hinter uns", würde Bernd an dieser Stelle brummeln. Er ist nämlich überhaupt nicht mediengeil. Wenn er nicht so wahnsinnig beschäftigt wäre, würde er am liebsten zuhause die Rauhfasertapete nach neuen Mustern absuchen, und zwar ohne daraus eine "Homestory" zu machen. Bernd ist, ganz unüblich für einen Superstar, mehr als genügsam und im Vorgriff der Höflichkeits-, Umgangsformen- und Benimm-Erziehungs-Appelle ein Vorbild für alle Generationen. Das Drastischste, was über seine Lippen kommt, ist das gute alte deutsche Wort "Mist", das allerdings dauernd. Wenn´s ganz schlimm wird, dann: "Doppel-Mist." Nie wird er ausfallend oder gar tätlich, obwohl er als "Testkandidat", zum Beispiel für "Rotkäppchens Terminator" oder die "Sonnen-Sahara-Sauna" oder das "elektrische Tanzkleid" mit rosa Halskrause wirklich allen Grund dazu hätte. Seine beiden Puppen-Freunde, die hysterisch aufgedrehte Quietschnudel "Chili", ein wörtlich blödes Schaf, oder der ewig brabbelnde Strohkopf "Briegel", der Busch (oder Bush?), sind die reine Provokation, respektive Inkarnation gewisser ModeratorInnen, US-Präsidenten und anderer Berühmtheiten. Briegel tritt auf als widerwärtiger Hau-drauf-Gänger, der alle Erfindungen und Meinungen bis zur totalen Funktionslosigkeit "umbriegelt". Chili daneben ist das kleine Biest, das, weil es so fasziniert ist von Knall-Bumm, am liebsten die Sachen in die Luft jagt oder in "Fuzzy Briegels Western Saloon" als Cowboy-Schaf Buffalo mit Gebrüll und Knallpeng die Ganoven zur Strecke bringt. Alle drei zusammen machen Chili TV und Tolle Sachen, und seit diesem Jahr für die erwachsenen (erwachsenen?) Fans täglich fünf vor neun Uhr abends eine Sandmännchen-Rubrik: Bravo Bernd.

"Zu-ga-be! Zu-ga-be!" brüllt es dann, die Disco wogt, die KI.KA-Redaktion spielt Ekstase, die Band haut in die Tasten. Und Bernd? Brummt mit kaputter Stimme und wie immer völlig daneben: "Danke. Hallo. Bringen wir´s hinter uns. Hier kommt die alberne Zugabe." Und nach getaner Arbeit und noch mal "Zu-ga-be": "Vergiss es. - Geh nach Hause. - Geh."

So ist sie, Bernd seine Männerwelt. Sie soll ursprünglich die Idee des ehemaligen KI.KA-Programmdirektors Albert Schäfer und nachweislich das Abbild von Tommy Krappweis´ Welt sein. Die Produktionsfirma heißt schon mal "bumm film", und Krappweis meinte in einem Interview, die Vorlage zum miesepetrigen Kastenbrot sei sein Kollege Norman Cöster, weshalb es auf der Hand liegt, dass die beiden (neben anderen) die Texte schreiben und er selbst Regie führt. Klar, dass die Zuschauer von "Bernd das Brot" die besseren Zuschauer sind, nämlich "Querdenker", Freidenker, Andersdenker, Kreative und überhaupt die, die gegen den Strom schwimmen und sich der permanenten "happyness" widersetzen. Es ist die etwas andere Art, komisch zu sein und trotzdem die Welt zu durchschauen. Zugegeben, "Bernd das Brot" und Konsorten im Programm zu finden, ist auch schon eine Leistung, wenn man nicht mehr zur eigentlichen Zielgruppe gehört. Welcher Erwachsene sieht schon tagsüber den KinderKanal KI.KA? Abgesehen davon, dass KI.KA insgesamt ein besseres Programm bietet als das Erwachsenen-Fernsehen und es insofern überhaupt nicht schaden kann, sich statt des Weltspiegels das Raumschiff "USS Bumblebee Bush" reinzuziehen. Leider sind Bernds Auftritte immer nur fünf Minuten kurz, auch wenn sie immer mal wieder als "Nachtschleife" vorkommen. Chili TV ist dafür eine halbe Stunde, aber wer ist Samstag Mittag um halb zwölf Uhr nicht auf Einkaufstour? Mist! Die Welt ist traurig, aber wir haben ja Bernd.

Tolle Sachen Mo-Fr um ca.15.10 Uhr in Kikania; Chili TV Samstags um 11.30 Uhr; Bravo Bernd Mo-Mo um 20.55 Uhr; und alle drei im KinderKanal KI.KA

00:00 12.09.2003
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