Und es gibt Brandenburg

Nicht in Berlin Von kaputten Gehwegen, Sorgentelefonen und also dem Glück, bei einer Lokalzeitung zu arbeiten
Maria Ugoljew | Ausgabe 36/2015 1

Seit etwa drei Jahren lebe ich in Ostbrandenburg. Dort gibt es genau eine Lokalzeitung, und für die schreibe ich. Für die Märkische Oderzeitung stehe ich bei der Ernte auf Feldern, wandere durch Wälder, feiere Dorfjubiläen und tauche ein in die Lokalpolitik. Mehr als 120 Kilometer lege ich am Tag mit meinem Auto zurück. Dass ein Auto für die Arbeit auf dem Land unumgänglich ist, habe ich anfangs nicht begriffen. „Quatsch, ich nehm das Redaktionsfahrrad, das ist doch keine Strecke bis dahin“, habe ich oft zu meinen Kollegen gesagt. Milde wurde ich belächelt. Einmal kam ich abends völlig geschafft von einem Termin, das Fahrrad hatte kein Licht, der Schotterweg war nicht beleuchtet, um mich herum war es kalt und still gewesen. Willkommen in der Pampa, Maria Ugoljew!

Ich habe vorher nie auf dem Land gelebt, ich komme aus einer Metropole. In den 90er Jahren bin ich in Moskau groß geworden, acht Jahre lang haben wir dort gewohnt. Ich habe eine deutsche Schule besucht und dort Schweizer und Österreicher, Amerikaner und Franzosen getroffen. Es war laut und schnell. Dass der Bus nur einmal in der Stunde oder einfach gar nicht fährt, das kannte ich bis vor ein paar Jahren gar nicht.

Ganz investigativ

Nun habe ich es mit den Problemen der Brandenburger zu tun. Wo ich auch hinkomme, nach Frankfurt an der Oder, nach Schwedt oder zu meiner aktuellen Station Bad Freienwalde: Es geht den sogenannten besorgten Bürgern meist um reparaturbedürftige Straßen oder ungepflegte Wege, um zu hohes Gras, das von der Stadt endlich mal beschnitten werden sollte, um Bäume, deren Kronen ausufern, oder um Waschbären, die sich unerhört zahlreich vermehren. „Was für Nichtigkeiten, darüber soll ich schreiben?“, dachte ich anfangs. Jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich mich für Leser einsetze, die während des „Heißen Drahts“ besorgt in der Redaktion anrufen, um am Sorgentelefon vom kaputten Gehweg vor ihrer Haustür zu berichten. In meinen Artikeln spitze ich dann zu und frage, ob bei den Bauarbeiten womöglich gepfuscht wurde. Vorher schaue ich mir die Sachlage vor Ort natürlich genau an und mache Beweisfotos. So komme ich mir ganz investigativ vor. Von der Stadtverwaltung oder den Chefs der örtlichen Firmen und Betriebe muss ich mir immer wieder anhören, warum ich so „hetzerisch wie die Bild“ berichte.

Wenn mich Freunde oder Bekannte, die mich vor der Region gewarnt haben, fragen, wie Brandenburg denn so sei, antworte ich: „Überraschend schön.“ Ich denke an die Natur, an die weiten Felder, die Ruhe. An menschenleere Orte. Als ich angefangen habe, im Osten zu arbeiten, dachte ich immer wieder an Rainald Grebes Brandenburg-Song. „Es gibt Länder, wo was los ist“, heißt es da, „es gibt Länder, wo richtig was los ist. Und es gibt Brandenburg, Brandenburg. In Brandenburg, in Brandenburg ist wieder einmal jemand an den Baum gegurkt. Was soll man auch machen, mit 17 oder 18, in Brandenburg.“ Darüber kann ich immer noch lachen. Die Sicht von Andreas von Klewitz, einem in Berlin lebenden Autor aus Wiesbaden, kann ich allerdings nicht nachvollziehen. In seinem neuen Roman Endstation Deutschland schreibt er, die Region, in der ich gerade arbeite, sei „vergessen, verstoßen, verloren“. Bindungen lösten sich auf, alles ganz, ganz düster. Den engagierten Menschen, denen ich hier begegne, räumt Andreas von Klewitz keinen Platz ein. Aber es gibt sie, und diese Leute bewegen auch etwas.

Das übliche Theater

Oft stellen sie künstlerische Projekte, Musikveranstaltungen oder Theaterbühnen, auf die Beine. Manche Projekte etablieren sich tatsächlich, zum Beispiel das Theater am Rand in Zollbrücke, das sich durchaus über die Region hinaus einen Namen gemacht hat. Das gelingt nur wenigen. An der Oder treffe ich eine Galeristin, die nicht so viel Glück hatte. Wir überqueren den Fluss mit einer Fähre, der einzigen, die zwischen Polen und Deutschland verkehrt. Am polnischen Ufer hat Monika Chalati vor fünf Jahren die Galerie „Kawa, Kunst & Co“ eröffnet. Regionale Künstler beider Länder stellen bei ihr aus, doch es kommt nicht genügend Geld für die Miete in Chalatis Kasse oder für die Reparaturen an dem ehemaligen Zollhaus. Förderer oder Sponsoren hat Monika Chalati nicht. „Das ist wohl meine letzte Saison“, sagt sie ein bisschen traurig.

In Bad Freienwalde – die Bundesstraße B 158 von Berlin aus immer geradeaus Richtung Osten – dreht sich zurzeit alles um eine Brücke. Der graue Betonbau dominiert die Schlagzeilen, denn die Brücke spaltet die Kleinstadt in zwei Lager: Die einen wollen den Bau aus DDR-Zeiten erhalten, die anderen, die lokalen Politiker, haben entschieden, sie soll weg. Ein Bürgerbegehren wurde aufgesetzt.

Der Bürgermeister, der seit 20 Jahren im Amt ist, scheint überfordert. Zu den Abrissgegnern auf dem Marktplatz sagt er: „Nun seien Sie doch nicht gleich beleidigt.“ – „Ich bin doch nicht beleidigt, ich sage einfach nur meine Meinung“, schimpft eine Frau. Kleine persönliche Fehden werden ausgetragen, statt eine richtige Debatte zu führen. Ein Mann, ein Zugezogener, hat mir verraten: „Hier geht es gar nicht um die Brücke, hier werden Streitigkeiten aus DDR-Zeiten weitergeführt.“ Über solche Sachen schreibe ich, kleine Dinge, keine Katastrophen, und das macht mich froh. In Bad Freienwalde ist die Lage noch ruhig und überschaubar. Ich frage mich, wie lange noch.

Ab sechs Uhr abends stirbt Bad Freienwalde langsam aus. Die Geschäfte in der Königstraße, der Hauptstraße, schließen, ein paar Bäcker, ein Drogeriemarkt, ein Blumenladen. Nur beim Dönerladen ist um diese Zeit noch Betrieb. Da treffen sich dann die Brandenburger.

Ich fahre wieder nach Hause, zurück in meine Welt, knapp 60 Kilometer weiter, ich gehöre hier nicht dazu. Trotzdem fällt mir zurzeit kein Ort ein, an dem ich lieber arbeiten würde.

06:00 16.09.2015

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