„Und es ist Krieg“

Literatur Erich Mühsams Tagebücher liegen vor, 7.000 Seiten. Gedanken und Lyrikfragmente begeistern, das Erotomane nervt

Diese Ausgabe der Tagebücher Erich Mühsams ist ein Ereignis. Sie umfasst Aufzeichnungen vom August 1910 bis zum Dezember 1924. Einer Zeit, in der die Weichen für den Fortgang des 20. Jahrhunderts in Europa sowohl politisch-militärisch als auch künstlerisch-kulturell gestellt wurden. Da ist die Reformbewegung, die Mühsam im schweizerischen Ascona erlebte: Ausdruckstanz, Vegetarismus, freies Theater und Nudismus. Eine europäische Bewegung. Aber da ist auch die europäische Aufrüstung, der Zerfall der Gedanken in nationales Getümel, das zum Weltkrieg führte. Und da sind verschiedenste anarchistische und kommunistische Strömungen, die sich mit dem Ende des Krieges in Revolutionen entluden.

Von all dem berichten diese Tagebücher, aus einer leidenschaftlichen und trotzdem analytischen Sicht, zuweilen naiv auch, durchschossen von privaten Berichten des in Lübeck geborenen und in München lebenden Apothekersohns über Liebesaffären und Geldnot. Ein aufwühlendes Dokument und zugleich ein Roman des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts.

Die Aufzeichnungen beginnen unspektakulär am 22. August 1910 in einer Schweizer Kurklinik. Mühsam scheint sich zu langweilen: „Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen. Es soll mein Tagebuch sein ... Ich werde schwerlich jeden Tag zu Eintragungen kommen – und jedenfalls kaum je zu ausführlichen. So werde ich mich also einrichten müssen.“

Er füllt 42 Hefte. Sieben davon sind verschollen. Auch die Geschichte der Tagebücher selbst und ihrer Edition wäre einen Roman wert. Die 35 verbliebenen Hefte befinden sich seit 1936 im Maxim-Gorki-Institut in Moskau. Es wurden Mikrofilm-Kopien erstellt und um 1980 in der DDR mit der Erschließung des Materials begonnen. Der Gesamtumfang der erhalten gebliebenen Tagebücher beträgt circa 7.000 Manuskriptseiten. 1994 erschien bei dtv eine Auswahl, die etwa fünf Prozent des Gesamttextes umfasst. In den Jahren 2004 und 2005 wurden die Typoskripte von ABM-Kräften digitalisiert, 2009 beschlossen Chris Hirte und Conrad Piens, die Tagebücher vollständig im Internet zu edieren. 2010 vereinbarten sie dann mit dem Berliner Verbrecher Verlag eine Buchausgabe. Und so liegen seit diesem Jahr 15 in schwarzes Leinen gebundene Bücher mit roter Schrift vor und zugleich eine Textfassung im Internet, die um ein Register ergänzt wurde, was Suchvorgänge sowohl in der digitalen als auch in der Printausgabe ermöglicht. Eine Glanzleistung.

Linksradikale Folklore

„Sonnabend. 20. Dez 24. Vormittag 10 ½ Uhr. Frei!“: Das ist der letzte Eintrag. Mühsam sollte noch knapp zehn Jahre zu leben haben. Am 28. Februar 1933 verhaftet ihn die SA und ein Leidensweg durch mehrere Gefängnisse und KZs beginnt. Am 10. Juli 1934 wird Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg erschlagen. Zenzl Mühsam, seine Frau und Gefährtin, schreibt 1934 in einem Brief an Milly Witkop und Rudolf Rocker: „Laut wahrhaftigem Bericht ist der Todestag von Erich 9. auf den 10. Juli. Der Rottenführer Eradt sagte am Montagmorgen zu Erich: ,Wie lange gedenken Sie noch, auf der Erde herumzuwandeln?‘ Hierauf Erich: ,Noch sehr lange.‘ Dann sagte dieser Rottenführer Erardt: ,Wir raten Ihnen, sich innerhalb von drei Tagen aufzuhängen, sonst helfen wir Ihnen nach.‘“

In Der Leidensweg Erich Mühsams schreibt sie 1935 über die Misshandlungen, die ihr Mann vor seinem Tod erlitt: „Mühsam war schrecklich zugerichtet. Ich hatte es schwer, mein Entsetzen vor ihm zu verbergen. Er saß auf einem Stuhl, hatte keine Brille auf – die Zähne waren ihm eingeschlagen, und sein Bart war von den Unmenschen so zugestutzt, daß der jüdische Typ zur Karikatur gewandelt war“.

Nach der letzten, tödlichen Misshandlung wurde Mühsams Leiche aufgehängt; es sollte nach Selbstmord aussehen. Doch die Vertuschung war so dilettantisch, dass klar war, was geschah. Die Mörder hatten keine Angst vor Strafe. Mühsam gehörte zu den Ersten, die von den Nazis ermordet wurden. Er vereinte so ziemlich alles, was ihren Hass auf sich zog: Er war Jude, Bohemien, Anarchist und Pazifist.

Zenzl Mühsam flieht nach dem Mord in die Sowjetunion, wo sie selbst in Lagerhaft kommt. Unter Stalin brauchte es nicht viel, um in Ungnade zu fallen. Eigentlich brauchte es gar nichts. Sie saß bis nach Stalins Tod im Lager. Später in der DDR schwieg sie darüber, wie viele Emigranten. Es ist ihr trotz alledem gelungen, große Teile des Werks zu retten, auch das Tagebuch.

Mühsams Gedichte gehörten in den vergangenen Jahrzehnten zur linksradikalen Folklore. Das Lied vom Lampenputzer, der in Tränen ausbricht, weil die Revolutionäre die Gaslaternen aus dem Pflaster reißen, um Barrikaden zu errichten, hat es sogar in DDR-Schulbücher geschafft. Werden diese Texte aber von ihrem tagespolitischen Anlass getrennt, verlieren sie ihre Spritzigkeit und werden zum Spiegel eines Dogmatismus, gegen den er sich zeitlebens gewehrt hat. Die Tagebücher sind so auch ein Antidot gegen jedwede Vereinnahmung ihres Autors. Die Einträge aus den Jahren 1912 bis 1914 verdeutlichen die dramatische Bedeutung des Kriegsausbruchs für das europäische Geistesleben. Der Vorkrieg endet mit einem Eintrag vom 21. November 1912, der noch sehr hoffnungsvoll klingt. Ein Freund habe die Veröffentlichung von Beiträgen Mühsams, „sogar Lyrik“, in den Süddeutschen Monatsheften arrangiert. Sogar Lyrik!

Die Aufzeichnungen gewähren Einblick in das Leben der Münchner Boheme, die Suche nach Publikationsorten und Geldquellen. Aber auch in eine mehr oder weniger funktionierende Gemeinschaft aus Künstlern und Lebenskünstlern, ihre Auseinandersetzung mit der Zensur und dem Konservativismus des Kaiserreichs, in eine gelebte antibürgerliche, antinationale Utopie.

Als Mühsam die Tagebucheintragungen in der Nacht vom 3. auf den 4. August 1914 fortsetzt, finden wir uns am Anfang der größten Zerstörung wieder, die Europa bis dato kannte: „Und es ist Krieg. Alles Fürchterliche ist entfesselt. Seit einer Woche ist die Welt verwandelt. Seit 3 Tagen rasen die Götter.“ Auch vor Schriftstellerkollegen machte der Taumel nicht halt: „Der George-Kreis soll von wildem Patriotismus ergriffen sein. – Das fehlt uns gerade noch, daß Unseresgleichen sich offen der Gegenpartei zuwenden“, schreibt er am 11.8.1914.

Man kann überall einsteigen

Deutschland vereint sich schnell zur Kriegsgesellschaft. Die Geheimpolizei auf Hochtouren. Mühsams Briefe werden geöffnet oder zurückgehalten, der Kontakt zu Freunden, viele im Feld oder im Exil, wird erschwert. Und ihn plagen weiter Geldsorgen. Der wohlhabende Vater hält Mühsam kurz und will einfach nicht sterben. Der zynische Subtext bürgerlicher Familienmodelle: Erbschaft als Verheißung und Mittel zur Disziplinierung.

Der Text erzeugt einen Spannungsbogen, obwohl sein Ausgang bekannt ist. Deshalb kann man an jeder Stelle einsteigen. Überall literarischer Mehrwert, in Formulierungen, seismografischer Gesellschaftsstudie, Gedichtfragmenten. Die Bewunderung für den Autor wird so gewissermaßen entpersonalisiert, erweist sich als Bewunderung des Sprachwerks, der Sprache selbst.

So nachvollziehbar Mühsams Positionen auch sind, so fremd werden sie in jenen Momenten, in denen seine Erotomanie einfach nervt oder bestimmte Erwägungen unausgegoren erscheinen. Wie etwa hier: „Vorgestern nacht haben Zeppeline befestigte Orte der englischen Ostküste „erfolgreich mit Bomben beworfen“, und sind unversehrt davongekommen. Offenbar sind viele friedliche Bürger, auch Frauen und Kinder dabei umgekommen. Aber der Jubel ist groß. Man wird sich diese Glücksstimmungen merken müssen, für den Fall, daß mal wieder ein Repräsentant der kriegerischen Menschheit von einem Anarchisten hingerichtet wird“, notiert Mühsam am 21. Januar 1915. Ärger und Wut sind verständlich, aber ein Abwägen des einen Mordes gegen einen anderen, den Mühsam in Terroristenmanier „Hinrichtung“ nennt, mutet befremdlich an.

Am 12 Juli 1919 notiert Mühsam: „Wenn es nach dem Willen des Standgerichts geht, habe ich die nächsten 15 Jahre meines Lebens in Festungshaft zu verbringen.“ Es werden nur fünfeinhalb. In der Haft werden die Tagebücher analytischer, reflektieren politische Verwerfungen. Was Mühsam aber nicht davon abhält, geradezu divenhaft auf den literarischen Erfolg seines Mitgefangenen Ernst Toller zu reagieren. Auch in der Festung also bleibt er Mensch, und das macht die Lektüre über Strecken trotz aller Dramatik auch heiter.

Jan Kuhlbrodt ist Schriftsteller und lebt in Leipzig. Zuletzt erschienen Das Modell (Nautilus) und Das Stockholmsyndrom (Elif)

06:00 02.11.2019
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